Bildung Schuluniform allein genügt nicht
Die Einführung einer einheitlichen Kluft begründet keine Gemeinschaft, schon gar nicht eine bessere. Erst muss sich das Klima an den Schulen ändern. Ein Kommentar von Robert Leicht
Jetzt will also sogar Bundesjustizministerin Brigitte Zypries die Einführung von Schuluniformen vorantreiben. Hier kann man sich bereits fragen, inwiefern eine solche Frage in das Ressort einer Bundesministerin, noch dazu ins Justizressort fällt. Aber jeder Minister, jede Ministerin hat das Recht auf eine eigene Meinung. Wie auch ich Und ich habe sogar ein besonderes Recht auf eine Meinung zu dieser Frage weil ich neun Gymnasial- und Internatsjahre lang eine Schuluniform getragen habe.
Freilich hat sich Frau Zypries dieser Frage über einen Nebengesichtspunkt genähert. Sie hält die Schuluniform nämlich für ein Mittel, eine ganz andere Frage zu lösen: Wie gehen wir mit Schülerinnen um, die sich an unseren Schulen aus religiösen Gründen verhüllen, mit einer Burka möglicherweise gar am ganzen Körper? Und da dachte sich die Ministerin wohl: Bevor ich lange räsoniere über das Verhältnis zwischen der hochrangigen Religionsfreiheit (aktiv - passiv) und dem eher niederrangigen allgemeinem Schuldisziplinarrecht, greife ich zum Trick Schuluniform führe ich also eine Schuluniform ein, die alle nach außen sichtbar zu tragen haben. (Und, so könnte man listig hinzufügen: Wer unbedingt ein religiöses Kleidungsstück tragen möchte, kann es ja unter der Schuluniform tragen.) Doch mit solchen Spielereien kann man weder verfassungsrechtliche Probleme lösen, noch wird man damit dem Thema Schuluniform gerecht.
Also zur Sache selber! Auch wenn man nicht gerade an die Reinkarnation der Seele glaubt, so muss man doch sehen: Es gibt eine Reinkarnation der Themen und zwar so, dass das alte Thema nicht als ein anderes, sondern als dasselbe wieder ins Leben tritt. Am schönsten sieht man das in meiner alten Schule, die ich 1963 verlassen habe, nachdem ich nochmals wie von der Schulleitung extra angeordnet, damit die Lümmels, die gleich danach abreisen wollten, zu diesem Akt nicht schon in Zivil erscheinen zur Abitursfeier den Schulanzug getragen habe. Wenige Jahre später war der Schulanzug völlig out übrigens beschleunigt durch die Tatsache, dass er rein modisch längst schon in der Nachkriegszeit, ganz gewiss aber gegen Ende der sechziger Jahre ziemlich bescheuert aussah. Aber gut dreißig, fünfunddreißig Jahre nach seiner Abschaffung wurde nun der Schulanzug wieder eingeführt, nach einem komplizierten demokratischen und konsultativen Willensbildungsverfahren. Aber das ist eben die Reinkarnation des immer selben Themas. Man muss nur lange genug warten oder leben.
Und was hatte uns, was hatte mir der Schulanzug gebracht? Nun, in der etwas elitär gestimmten, von Wohlstandskindern wie von verarmten Adelssprösslingen besuchten Schule zunächst eine gewisse, ja ziemlich deutliche Nivellierung des Modezwanges und des sozialen Wohlstandsgefälles im Alltag. Aber man sollte nicht unterschätzen, wie stark dann Statussymbole wie Uhren und Schmuck und dergleichen Besitz (teure Füller, Schulmappen ) das an der Kleidung Nivellierte gleich wieder unterscheiden hilft Doch der Parameter ist erst einmal gesetzt: Wir wollen diese Unterschiede weder wichtig nehmen noch anerkennen. Obwohl ich nicht fragen möchte, ob es bei der Beurteilung eines Schulverweises nie eine Rolle spielte, dass die Eltern entweder steinreich (hohes Schulgeld, viele Spenden, möglicherweise ) oder bettelarm (Freiplatz ) waren. Mithin: Eine gewisse Entspannung auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, der freilich sofort aufblühte, wenn Tanzabende und dergleichen anstanden, bei denen der Schulanzugs-Zwang natürlich aufgehoben war!
Die weitergehende Frage jedoch, ob eine gemeinsame Schulkleidung auch ein Gemeinschaftsgefühl an der Schule fördert, möchte ich aus meinen Erfahrungen sehr viel vorsichtiger beantworten. Gemeinschaftsgefühl, wenn man das unbedingt haben will, entsteht nicht durch getragene Gegenstände, sondern durch gemeinsames Tun und Erleben, etwa in sportlichen Wettkämpfen oder im Team einer gemeinschaftlich verantworteten Seenotrettungs- oder Feuerwehr-Mannschaft. Dann also symbolisiert die Kluft die betätigte Gemeinschaft. Aber die Kluft kann diese Betätigung nicht ersetzen.
Was also den sozialen und den gemeinschaftlichen Zusammenhalt einer Gruppe oder Schule angeht, so kommt es nicht darauf an, was man trägt, sondern darauf, was man tut und wie man es tut. Und deshalb wäre die isolierte Einführung von Schuluniformen ein leerer symbolischer Akt mit Macbeth zu sprechen: signifying nothing ganz unbedeutend. Erst muss sich das Leben an der Schule ändern, dann die Kluft. Sonst bleibt eine tiefe Kluft zwischen Klamotten und Klima. So als ob das eine Mädchen eine Burka trüge und das andere bauchfrei ginge
- Datum
- Quelle ZEIT online, 8.5.2006
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Die Einführung einer Schuluniform an sich begründet mit Sicherheit keine Gemeinschaft, aber vielleicht kann sie als eines von vielen bitter notwendigen Mitteln dienen, um die Situation an den Schulen zu verbessern.
Ich glaube auch nicht, dass man das Deutschland der späten Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre mit dem heutigen vergleichen kann. Herr Leicht mag damals unter seiner Uniform gelitten haben - möglicherweise ginge es damit den heutigen Schulkindern trotz unbestreitbarer Nachteile besser als in Markenjeans, Burka oder Ultramini.
Die Frage ist in der Tat, was sonst noch geschehen soll.
Lieber Bakwahn, Sie haben mich jetzt in eine Identitätskrise gestürzt (normalerweise schafft das nur ZoeckelA).
Aber Ihre historische Richtigstellung nehme ich zur Kenntnis.
Nachdem der Parka auch noch weg ist, bleibt meiner Generation nichts mehr an kulturellen Errungenschaften, aber es gilt der Satz von Volker Finke:
"Die Geschichte wiederholt sich" (na ja, mit dem Aufstieg vom SC hat´s dieses Jahr auch nicht geklappt).
Harte Zeiten!
Ich moechte gerne wissen wie man den Begriff -Burka- positiv benutzen kann? Die Burka ist doch nur ein Mittel um Frauen alle Freiheiten zu beschneiden und es auch noch zu demonstrieren in dem man verlangt dass sie sich von Kopf bis Fuss verhuellt-sogar die Sicht ist durch einen vergitterten Einsatz behindert! Ausser dass so ein Ding vielleicht die Muecken abhaelt kann ich nichts positives an solch einem restriktiven Sack finden.
Ich selbst habe die Schule ohne Schuluniform in Deutschland erlebt, meine Kinder gehen hier in GB mit einer Schuluniform in die Schule. Ich habe nicht den Eindruck, das sie mehr Gemeinschaft erleben als ich in meiner Schulzeit. Und auch der leidige Statusdruck ist nicht besteitigt, allerdings gemildert.
Ich finde die Einführung einer Schulunform jedoch wesentlich besser als ein gezieltes Verbot von Burkas u.ä. Ein Verbot bestimmter religös kultureller Kleidungsstücke, ist immer Diskriminierung der Träger(innen). Gut illustriert wird dies durch die verzweifelten gestetzlichen Verrenkungen die Frau Schawan nach ihrem Kopftuchverbot versucht hat, um Nonnen trotz dieser Verordnung das Tragen ihres Habit zu ermöglichen.
Im Gegensatz zu diesen diskriminierenden Verordnungen ist eine Schuluniform oder eine klarer Dresscode wesentlich egalitärer alle müssen sich daran halten. Und wenn ich mich an die schlecht und schlampig gekleideten Lehrer meiner Schulzeit erinnere, denke ich, es wäre ein ästetischer Gewinn, wenn ein solcher Dresscode auch auf das Lehrpersonal ausgeweitet würde.
Wenn die Definition von Glück die Abwesenheit von Schmerz ist, dann ist ein Weniger an Statusdruck ein Mehr an Gemeinschaftsgefühl.
In sofern widerspechen Sie sich mal wieder selbst.
Darüber hinaus bin ich froh, dass es in GB zufällig auch Schuluniformen gibt - das sichert Ihre Zustimmung, und am Ende zählt ja nur das Ergebnis.
Lieber Iceman, ich schätze Ihre Beiträge ja sehr.
Aber dass Sie den "Parka" für Ihre Generation reklamieren, nehme ich Ihnen übel!
Der Parka als Bekleidungsstück und vor allem auch als ein Zeichen des Protestes gehört meiner Generation, nicht Ihrer. Wir, die damals ungefähr 15 / 16 Jahre alt waren, waren sozusagen die Vorläufer der akademischen "68"! Es war im Jahre 1964 als wir damals Obertertia (Klasse 9) begannen, solche "Anaoracks" im Militärlook zu tragen.
Unsere Herren Studienräte beäugten uns kritisch und versuchten, uns das Tragen dieser Mäntel zu verbieten. Diese sähen geradezu bettlerhaft aus und das Tragen dieser Bekleidung von Gymnasiasten des Geschwister-Schall Gymnasiums zu Düsseldorf sei "nicht angemessen".
Heute in diesen Tagen macht meine Tochter auf selbigem Gymnasium ihr Abitur.
Charly alias Bakwahn Hamburg/ Düsseldorf
...maßt sich da der Herr Leicht, Robert, an...
...nettes demokratisches Grundverständnis. ICH hab irgendwo gelesen, daß JEDER sein Recht auf eine Meinung hat...von "besonderen Rechten" war da jetzt nicht die Rede, glaube ich...
...man fragt sich, was als nächstes kommt?
"Höherwertige" und "Minderwertige" Meinungen?
"ICH habe ein besonderes Recht auf eine Meinung, weil ich..."...WAS?
ZEIT-Schreiberling bin?
*kopfschüttel*
Ohne Gemeinschaftsgefühl ist es nicht möglich, die Bürger zu ehrlichen Steuerzahlern zu erziehen.
Ohne Gemeinschaftsgefühl ist es nicht möglich, deutsche Forscher dazu zu bewegen, auch unter etwas schwierigeren Bedingungen nicht gleich abzuwandern.
Ohne Gemeinschaftsgefühl gibt es für einen Unternehmer keinen Grund, den erfolgreichen Spagat zu versuchen zwischen etwas höheren Lohnkosten und Gewinnstreben.
Oder eine Motivation für einen Arbeitslosen, im nächsten Job auch mal zwei Nummern kleiner aufzutreten als vorher.
Gemeinschaftsgefühl bedeutet nicht nationales Pathos oder elitäres Denken (bei uns, so scheint mir, wird das oft missverstanden).
Und vermutlich ist es mit dem Gemeinschaftsgefühl wie mit der Liebe, der Freundschaft, oder dem Kunstverständnis.
"You can´t see it with your eyes, hold it in your hand, but like the wind it covers our land" (J. Cash).
Es lässt sich nicht beziffern oder vermessen, und meist ist man sich seines Wertes gar nicht bewusst, weil man alles, was man besitzt, im Laufe der Zeit als selbstverständlich ansieht, Geschirrspülmaschinen und Induktions-Herdplatten ebenso wie die Demokratie.
Dennoch ist es da, wenn es denn da ist, und dann ist es gut.
Schuluniformen machen aus Schülern keine besseren Menschen,
und das Klassenbewusstsein scheint in England - trotz Schuluniformen - stärker ausgeprägt zu sein als bei uns.
Aber sie wären ein gutes Zeichen.
Ein Zeichen dafür, dass es neben der puren Individualisierung noch etwas Verbindendes gibt.
Gerade in der heutigen Jugend scheinen die Kleiderkodizes ausdifferenzierter zu sein als jemals zuvor.
In meiner Jugend, also vor etwa 25 Jahren, gab es maximal drei unterschiedliche Kategorien: "Popper", "Parkas" und "Punks".
Diese Kategorien gibt´s auch heute noch (die Parkas, eine Erfindung MEINER Generation, tauchen verstärkt auf), aber es sind noch etliche hinzugekommen:
Der "Gothic-Look" (Die Schwarzen), der "Retro-Look", der "Ghetto-Look" (Sneaker und umgedrehte Kappe), der "Military-Look", usw.
Dagegen ist nichts einzuwenden, es ist der natürliche Ausdruck einer pluralistischen Gesellschaft.
Aber es sollte heutzutage noch Inseln geben, auf denen - über alle Unterschiede an Herkunft oder Lebensstil hinweg -
Gemeinsamkeiten bestehen, wenigstens für 5 Stunden am Tag.
Mit der Kleiderfrage werden wir die grossen Zukunftsrisiken nicht bewältigen, da müssen noch ganz andere Bretter gebohrt werden.
Aber das Sein bestimmt das Bewusstsein.
Und gerade jugendliche Menschen werden stark geprägt durch die sinn- und sichtlich erfahrbaren Eindrücke ihrer Umgebung.
Deshalb, ganz klar: Pro Schuluniform!
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