Föderalismusreform Wer darf was?
Im Bundestag hat die Mammutanhörung zur Föderalismusreform begonnen. Die Experten fütterten den Streit.
Größte Sachverständigenanhörung, einschneidendste Staatsreform in der Geschichte der Bundesrepublik – wenn es um die Föderalismusreform geht, wird gerne in Superlativen gesprochen. In der Tat ist das, was Bundestag und Bundesrat sich für die nächsten zwei Wochen vorgenommen haben, ein Mammutprojekt. An nur sieben Tagen sollen über 100 Experten zu dem Thema gehört werden. Die ersten elf waren am Montag dran.
Ihnen ging es zunächst einmal um die ganz grundlegenden Fragen. Dazu gehört zum Beispiel die Neuregelung des Zustimmungsrechts der Länder zu Bundesgesetzen. Dieses soll künftig davon abhängen, ob den Ländern durch ein Gesetz Kosten entstehen. Auf diese Weise soll zugleich verhindert werden, dass der Bund den Ländern oder den Kommunen Pflichten auferlegt, die sie nicht bezahlen können. Zudem sollen die Kompetenzen von Bund und Ländern klar getrennt werden.
Einig waren sich die meisten der Professoren immerhin darin, dass eine Reform der föderalen Strukturen kein Liebhaberprojekt für Politiker ist, sondern dem Bürger ganz konkrete Vorteile bringe. „Die Politik wird schneller entscheiden können, die Gesetze werden besser an die regionalen Bedingungen angepasst sein und es wird klarer werden, wer für welche Entscheidung verantwortlich ist“, fasste etwa der als Experte geladene bayerische Landtagspräsident Alois Glück seine Erwartungen zusammen. Unterstützung erhielt er von dem Münchner Staatsrechtler Peter Huber. Die Föderalismusreform werde das Wahlrecht des einzelnen Bürgers gewichtiger machen, sagte Huber, denn sie werde die Möglichkeiten der Parteien stärken, das zu tun, wofür sie auch angetreten seien. Bund und Länder würden sich weniger gegenseitig blockieren und deswegen auch nicht so oft Kompromisse schließen müssen, im Zuge derer die ursprüngliche Idee bis zur Unkenntlichkeit verwässert wird.
Doch jenseits dieser hehren Prinzipien liegt der Teufel wie immer im Detail. Auch das erlauchte Expertengremium kam deswegen zu recht unterschiedlichen Einschätzungen der Reform, was natürlich insofern nicht erstaunlich ist, als die Experten ja von den Fraktionen benannt werden. Nichtsdestotrotz konnten sich die Politiker im Anschluss an die Befragung ein wenig Häme nicht verkneifen. „Wenn die Experten das Gesetz selbst gemacht hätten, wäre auch nur ein Kompromiss herausgekommen“, sagte der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Andreas Schmidt (CDU), zu
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Umstritten ist beispielsweise die Frage, ob nun eigentlich Bundestag oder Bundesrat mehr von der Reform profitieren werden. Der bayerische Landtagspräsident strich erwartungsgemäß besonders die großen Zugeständnisse heraus, mit denen die Länder bis an den Rand der Schmerzgrenze gegangen seien. Glück argumentiert unter anderem mit einem Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages, wonach durch die Föderalismusreform bis zu 50 Prozent weniger Gesetze im Bundesrat zustimmungspflichtig sein würden als derzeit. Doch nicht alle Gutachter halten diese Zahl für wirklich verlässlich. Wenn man das Augenmerk ausschließlich auf die besonders umstrittenen Projekte lege, werde der Anteil der zustimmungspflichtigen Gesetze auch in Zukunft hoch sein, argumentierte etwa der von den Grünen bestellte Göttinger Jura-Professor Christoph Möllers.
Besonders kritisch wurde von mehreren Experten die Regelung bewertet, nach der die Länder etwa im Umweltrecht von Bundesregelungen abweichen dürfen. Dass Landesrecht künftig vor gültigem Bundesrecht gehen solle, finde er geradezu monströs, sagte etwa der Berliner Staatsrechtprofessor Christian Pestalozza, den die FDP benannt hatte. Dadurch werde es zu einem Nebeneinander unterschiedlicher Regelungen kommen und im Zweifelsfall zu einem Wettbewerb um den niedrigsten Standard. Die Befürworter der Regelung hoffen stattdessen auf einen „positiven Ideenwettbewerb“. Im Übrigen gelte ja ohnehin für viele Bereich weitgehend EU-Recht, sodass für gleiche Standards gesorgt sei. Auf massiven Widerstand stieß auch die Regelung, nach der Bundesländer nach dem Erlass eines Bundesgesetzes sechs Monate Zeit haben sollen, dieses auch wirksam werden zu lassen. Diese Regel solle ersatzlos gestrichen werden, forderten mehrere Experten.
- Datum 17.05.2006 - 13:33 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 15.5.2006
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Meine Föderalismusreform wäre einfach, konsequent und zukunftsgerichtet. Die Ebene Land würde ersatzlos gestrichen, die Kompetenzen nach oben und unten verteilt.
Wir hätten wieder ein weises Maß von drei Ebenen wie zu Gründungszeiten der Bundesrepublik Deutschland, nur wären dies eben Europa, Bund sowie Städte und Gemeinden. Wenn dafür eine Verfassungsänderung erforderlich wäre, dann bitte, und bitte jetzt.
Von den Experten erwarte ich nur Reförmchen, weil sie meist zu sehr am Detail hängen, und für einen Expertenkompromiss unter Mitwirkung befangener Landespolitiker erst recht.
In der Vergangenheit hätte die Bildungs-Kleinstaaterei ja noch Sinn machen können, jedenfalls wenn man in den letzten 50 Jahren schon Bundesländer-Pisa durchgeführt hätte. Dann hätte das Drama wohl auch nicht 50 Jahre gedauert, weil alles geklärt worden wäre.
Aber genau das hat man vermieden. Deshalb war es sinnlos, weil es keinen Anpassungsdruck bei den schwächeren Bundesländern erzeugt hat. Es hat nur den Umzug der Kinder zusätzlich erschwert.
Heute brauchen wir es nicht mehr, weil wir uns direkt mit anderen Ländern vergleichen können.
Ich möchte lieber nicht wissen, was uns dieser Wahnsinn (17 Kultusministerien, Lehrpläne usw. kostet).
Mir ist dieser vermeintliche Vorteil zu teuer erkauft und da andere Länder besser abschneiden, ohne sich dieses Luxusmodell zu leisten, dann kann das nicht der Stein des Weisen sein .
Hallo samueldora, gegen Ihren Vorschlag zur Streichung der Länder spricht m. E. zweierlei:
Erstens wären die einzelnen Gemeinden (mit Ausnahme weniger Großstädte) und auch Landkreise ohne Zwischeninstanz gegenüber dem Staat zu klein und zu zahlreich, um sich noch Gehör verschaffen zu können. Es müsste dann zumindest eine Zwischeninstanz geben, politische Einheiten wie z. B. Saarland, Unterfranken, Brandenburg, Südschleswig oder Regierungsbezirk Düsseldorf.
Zweitens ist die oberste der drei Instanzen, die EU, (noch) längst nicht auf dem demokratischen Level, den die BRD von Beginn an hatte. Das Parlament als einzige aus einer demokratischen Wahl legitimierte Instanz hat kaum etwas zu sagen, die aus 25 gewählten Regierungen zusammengesetzten Konferenzen blockieren sich oft, während die EU-Kommission - eine Behörde, bei deren Zusammensetzung vor allem auf die Nationalität der Kandidaten und auf ihre Treue zum jeweiligen Regierungschef geachtet wird - munter Verordnungen erlässt. Transparenz mangelhaft, Kontinuität in der Rechtsprechung löchrig, Skandale bleiben selbst wenn sie nach außen dringen meist folgenlos (außer für den "Nestbeschmutzer"). Sollte sich das ändern und die EU transparenter werden, ein handlungsfähiges Parlament erhalten und z. B. eine gemeinsame Außenpolitik betreiben, stellte sich immer noch die Frage, ob dann nicht eher die Ebene "Staat" obsolet würde.
Im übrigen kann natürlich jeder seine eigenen Schlüsse aus PISA ziehen. Dass Finnland sehr erfolgreich war, kann bedeuten, dass Bildung am besten auf Ebene des Staates angesiedelt sein sollte. Es kann auch bedeuten, dass Bildung am besten auf einer (mit rund 5 Millionen Einwohnern) relativ überschaubaren und homogenen Ebene angesiedelt sein sollte.
"Bildung wäre demnach auch auf bundesebene angesiedelt, wo es meiner Meinung nach hingehört. Warum müssen Kinder in einem Teil Deutschlands dauerhaft benachteiligt werden, nur weil sich jetzt irgendwelche Politiker profilieren müssen?"
Zum Titel "Regionalfürsten" möchte ich vorab anmerken, dass wir in Deutschland keine Fürstentümer mehr haben, sondern Bundesländer. Die sind - wie in der Verfassung vorgesehen - demokratisch gewählt, besitzen also die gleiche Legitimation wie die Bundesregierung.
Zum Thema: Warum sollte Bildung auf Bundesebene angesiedelt sein? Weder haben sich zentralistische Staaten insgesamt als effizienter, bürgernäher oder demokratischer erwiesen als föderalistische; noch ist der Gedanke, dass ein konkretes Politikfeld wie z. B. Bildung davon profitiert, wenn immer höhere, zentralere Instanzen dafür verantwortlich sind, je als zutreffend bewiesen worden.
Konkret im Bereich Bildung zeigte sich doch das Gegenteil: Solange nur bekannt war, dass Deutschland bei der PISA-Studie schlecht abgeschnitten hatte, beschränkten sich die Reaktionen weitgehend auf die üblichen Untergang-des-Abendlands-Lamentierereien. Als dann die Ergebnisse der einzelnen Bundesländer veröffentlicht wurden, entstand plötzlich großer politischer Druck auf diejenigen Länderregierungen, die schlechte Ergebnisse zu verantworten hatten. Und in einigen dieser Länder hat sich inzwischen genau deshalb einiges getan.
Reagiert haben aber auch diejenigen, deren Ideologie durch PISA als gescheitert (und obendrein soziale Gegensätze verschärfend) entlarvt worden war. Statt ihr Bildungsprogramm zu entrümpeln, polemisierten sie verschärft gegen die Zuständigkeit der Bundesländer. So etwas wie ein Vergleich sollte ihnen nicht mehr passieren.
Wenn Sie fragen: "Warum müssen Kinder in einem Teil Deutschlands dauerhaft benachteiligt werden, nur weil sich jetzt irgendwelche Politiker profilieren müssen?", vergessen Sie ein Detail zu erwähnen: Diese Politiker kommen aus den Ländern, die bei PISA vorne liegen oder zumindest Anstrengungen in diese Richtung unternehmen - und dies weiterhin dürfen wollen. Sie kämpfen für den Erhalt einer Schulpolitik, die besser ist als der Durchschnitt und besser als es eine bundeseinheitliche Schulpolitik je werden könnte. Damit setzen sie sich in erster Linie für jetzige und künftige Schulkinder in ihren Bundesländern ein, mittelfristig aber auch für die Schüler anderer Bundesländer, die durch diese Konkurrenz selbst zu einer erfolgreicheren Schulpolitik gezwungen sein werden. Es wird niemand "benachteiligt", nur weil andere sich dagegen wehren, die gleichen miserablen Standards zu akzeptieren, die man selbst abzuwählen sich noch nicht überwinden konnte.
wenn ich das alles so lese, kommen mir erhebliche Zweifel, dass da etwas brauchbaren dabei herauskommt. Vielleicht muss ja auch kein normaler Mensch verstehen, wie eine Entscheidung letztlich zustande gekommen ist...
Eine Einkommensteuerreform, die Ausnahmetatbestände abbaut, wurde schon im SPD-Wahlkampf zu Teufelswerk erklärt. Sie wird nicht kommen - und damit keine gerechtere Besteuerung.
Eine Einigung über die Gesundheitsreform war dann während der Koalitionsverhandlungen unmöglich. Dass man sie zunächst ausklammerte, war damals durchaus noch vernünftig - um die Große Koalition und die anderen Großen Reformen nicht zu gefährden. Dass eine wirkliche Reform jetzt noch kommt, ist unwahrscheinlich.
Davon, ab 2007 ganz doll sparen zu wollen, spricht außer Peer Steinbrück (SPD) keiner mehr, seit Kurt Beck (SPD) als Der Große Vorsitzende (SPD) im Gespräch ist und in selbiges als Erstes neue Steuern & Staatsausgaben gebracht hat.
Und nun wird es die Beck-SPD irgendwie schon schaffen, mit der Föderalismusreform (die eigentlich von beiden Seiten gewollt und schon so gut wie festgezurrt war) auch die letzte Daseinsberechtigung der Großen Koalition zu torpedieren. Auf dass endlich wieder ein Zustand entstehe, in der sich die Seele der SPD so richtig nett gestreichelt fühlen kann.
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