Kießling (Nürnberg) für Kuranyi (Schalke)? Oder doch noch Scholl (München)? Neuville (Mönchengladbach) oder Hanke (Wolfsburg)? Die Antwort auf die Spekulationen der letzten Stunden vor Bekanntgabe des deutschen WM-Aufgebotes lautet: David Odonkor, 22 Jahre alt. Länderspiele: null. Bisherige Berufungen in den Kader: null. Telefonate mit dem Bundestrainer: eins. Das gab es in der Geschichte der deutschen Fußballnationalmannschaft noch nie: Als David Odonkor an diesem Morgen des 15. Mai das erste Mal die Stimme von Jürgen Klinsmann vernahm, teilte dieser ihm mit, dass er dabei sei im Kader, als Mittelfeldspieler – Rückennummer 22. Zur Bildergalerie des deutschen WM-Kaders© dpa

Dem Bundestrainer war eine gewisse Genugtuung anzumerken, als er um kurz nach 13 Uhr das Geheimnis um die von ihm und dem Trainerstab für die WM auserkorenen Akteure lüftete. Mit allen Mitteln hatten nicht nur die Boulevardmedien versucht, bereits am Sonntag Zeichen und Anzeichen für Zu- und für Absagen zu ergattern. Bei Spielern, ihren Trainern, den Spielerberatern und Vereinsmanagern glühten die Handys. Sie alle gaben keine Auskunft – weil sie keine Auskunft geben konnten. Klinsmann hatte erst am Montagmorgen die Spieler benachrichtigt, „schwere Telefonate“ seien dies gewesen, erklärte er auf der Pressekonferenz, vor denen er durchaus „Bammel“ gehabt habe. Nur der innerste Zirkel, Co-Trainer Joachim Löw, Torwarttrainer Andreas Köpcke und Manager Oliver Bierhoff, war eingeweiht. So darf man annehmen, dass der Einspielfilm, mit dem die einzelnen Spieler kurz vorgestellt wurden, vom TV-Medienbeauftragten des DFB, Uli Voigt, mit allerheißester Nadel gestrickt worden war.

Dass David Odonkor den Bundestrainer erstmals an diesem Montagmorgen in der Leitung hatte, war dabei offenbar nicht einem nervenzehrenden Entscheidungsprozess bis in die frühen Morgenstunden geschuldet, sondern eher Klinsmanns „special relationship“ mit den Medien. Ohne wirklich vorwurfsvollen Unterton, jedoch mit der Stimmlage des Gewinners, erklärte er, dass man Odonkor schon ein halbes Jahr intensiv beobachte, es jedoch bewusst vermieden habe, ihn darüber in Kenntnis zu setzen: „Hätte er das mitbekommen, wäre eine mediale Welle über ihn hereingebrochen, die er kaum hätte überstehen können.“

Klinsmanns morgendliche Telefonrunde allerdings brachte, wenn man genau hinsieht, noch einige andere durchaus paradigmatische Überraschungen. Die Ausmusterung von Schalke-Stürmer Kevin Kuranyi, eines Helden der ersten Klinsmann-Monate des Jahres 2004, hatte sich in den vergangenen Wochen bereits angekündigt. Dafür müssen vor allem Patrick Owomoyela (Bremen) und Fabian Ernst (Schalke 04) vom Donner gerührt gewesen sein: Beide gehörten, wenn sie gesund waren, stets zum engeren Kreis und kamen, wenn auch meistens nicht von Beginn an, häufig bei Länderspielen zum Einsatz.

Mit ihrer Nichtberücksichtigung bleibt Klinsmann seiner Linie abermals treu: Die Motivation, das Engagement auf und neben dem Platz wurde neben dem Charakter und der Physis zu einem Hauptanalysefeld des Trainerstabs. Sowohl Ernst als auch Owomoyela schienen sich in den letzten Monaten ein wenig zu sehr in Sicherheit zu wiegen. Dass, wie im Falle Ernst, ein Spieler sich nicht einmal auf die noch vor einem halben Jahr von Klinsmann zu vernehmende Bemerkung, er sei „bei uns gesetzt“ verlassen kann, lässt allerdings auch Rückschlüsse auf das besondere Verhältnis von Wortwahl und Wortsinn des Bundestrainers zu.

„Die nominierten Spieler sind aus unserer Sicht die stärksten für den entscheidenden Zeitraum Mai und Juni 2006. In zwei Monaten sähe der Kader vermutlich anders aus, vor einem halben Jahr hätten wir viele Positionen anders besetzt“, erläuterte Klinsmann eines der Nominierungskriterien. Daraus ergibt sich, dass das böse Frühlingserwachen auch für Spieler wie Lukas Sinkiewicz, Manuel Friedrich oder Andreas Hinkel, die sich allesamt Hoffnungen auf die WM-Teilnahme gemacht hatten, keine definitive Ausmusterung bedeutet.