Bundeswehr Jung provoziert

Der Entwurf des neuen Weißbuchs der Sicherheitspolitik hat dem Verteidigungsminister Kritik eingebracht. ZEIT online analysiert das Dokument.

Die „Weißbücher“ der Bundeswehr sind so etwas wie die jeweils gültige Militärdoktrin mitsamt den daraus abgeleiteten Prinzipien für Aufbau, Bewaffnung und Führung der Armee. Und da solche Doktrinen nicht im Geheimen vorbereitet werden, um danach blitzartig über die politische Öffentlichkeit zu kommen, enthalten sie beinahe nie Grundstürzendes. Vielmehr schreiben sie überwiegend das fort, was bekannt und diskutiert ist. In diesen Tagen freilich ergeben sich Besonderheiten.

Zum einen, dass erstmals nach einem Dutzend von Jahren ein neues Weißbuch entsteht; und da sich in dieser Zeit viel verändert hat, ist es eben auch ein Dokument der Veränderung. Zum anderen, dass ein frischgebackener Verteidigungsminister den Text in die Debatte wirft – noch dazu unter Bedingungen einer Großen Koalition, auf deren Feld naturgemäß allerlei Stolper- und Alarmdrähte gespannt sind. Allerdings ist das Dokument noch nicht offiziell und kursiert nur in wenigen Kopien.

Anzeige

Der Entwurf des Weißbuchs, der ZEIT online vorliegt, hat schon vor seiner Veröffentlichung einigen Wirbel ausgelöst, in dessen Verlauf sogar die Veröffentlichung selbst in Frage gestellt wurde. Sozialdemokratischerseits, versteht sich, denn der Verteidigungsminister Franz-Josef Jung gehört der CDU an.

In der Tat finden sich recht klar gehaltene Formulierungen in dem Text, die jenen nicht gefallen können, deren Verhältnis zu den neuen Realitäten der Sicherheitspolitik insofern kritisch ist, als sie deren Existenz leugnen. Gleich zu Beginn des 105 Seiten umfassenden Dokuments findet sich so ein Satz, von dem man noch hören wird: Deutschland falle „eine zentrale Rolle für die künftige Gestaltung Europas und darüber hinaus zu.“ Das mag wilhelminisch klingen, doch wenn wir an Deutschlands Rolle im Irankonflikt denken, dann ließe sich das genauso gut als Chance für Friedenspolitik begreifen, und diese Interpretation ist dem Verteidigungsminister zu unterstellen. Immerhin hat er einen Amtseid geleistet.

Sicherheitspolitik, zu deren Instrumentarium das Weißbuch beileibe nicht nur militärische Mittel zählt, muss weltweit gedacht werden; dieses Motiv zieht sich durch den gesamten Entwurf. Da mag beispielsweise Afrika weit weg liegen vom Heimatland, doch dort gefährden „wirtschaftliche Notlagen und Hungersnöte aufgrund knapper natürlicher Ressourcen wie Wasser und Nahrung die politische und gesellschaftliche Stabilität“ – was wiederum die „internationale Sicherheit massiv beeinträchtigen“ könne. Schon deshalb habe Deutschland Interesse an auswärtigen gedeihlichen Verhältnissen.

Es kommen weitere Motive hinzu: „Die innenpolitischen Folgen unkontrollierter Migration als Folge von Flüchtlingsbewegungen“ müssten vermieden sowie „Verwerfungen im internationalen Beziehungsgefüge, Störungen der Rohstoff- und Warenströme“ verhindert werden; Deutschland sei, so stellt der Text fest, „aufgrund seines großen Außenhandelsvolumens und der damit verbundenen hohen Abhängigkeit von sicheren Transportwegen und –mitteln in globalem Maßstab verwundbar.“ Wer wollte das leugnen? Auch sozialdemokratische Sicherheitspolitiker haben das in der Vergangenheit so gesehen – und es formuliert. Da mögen manche Passagen im Jung’schen Entwurf vielleicht ein wenig hurrapatriotisch klingen (etwa wenn vom „nationalen Selbstbehauptungswillen“ die Rede ist), aber die Grundmelodie wird sotto voce gesungen: Es gibt Interessen, die allen Deutschen eigen sind, und die im Rahmen des Rechts verfolgt werden sollen, nämlich „die europäische sowie transatlantische Sicherheit und Stabilität zu stärken, den Wohlstand des Landes durch einen freien und ungehinderten Welthandel zu ermöglichen, Krisen und Konflikte zu begrenzen, die Grundsätze der Demokratie, die internationale Geltung der Menschenrechte und des Völkerrechts zu befördern, sowie die Kluft zwischen armen und reichen Weltregionen zu überwinden“ – was, wie gehofft werden darf, von den Autoren nicht als Rangfolge verstanden wurde.

Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 20.05.2006 um 12:16 Uhr

    Ich war im ersten Moment sehr, sehr erzuernt ueber ihren Artikel!

    Beim Nachdenken und zweiten Lesen relativiere ich das!

    Was ich aber nachhaltig betonen moechte: zur Zeit kann kein Weissbuch fuer die Verteidigung Deutschlands rausgehen!

    Das Verhaeltnis zu Amerika ist unsicher!

    Deutschland darf keinen Weg mitgehen der vorgeblichen Menschheitsbeglueckung, wenn nicht viel mehr als Rohstoffinteressen dahinterstanden oder dahinterstehen!

    Der Irak-Krieg war und ist schlecht, die USA, die NATO und Deutschland muessen das erst richtig begreifen und daraus lernen!

    • hago
    • 17.05.2006 um 23:00 Uhr

    Ich muss mich verbessern - es gibt in der ZEIT online Hintergrundinformationen zum Thema: im Kosmoblog. Nicht direkt zum Weißbuch aber doch viel lesenswertes zu stretegische Gedankenspielen rund um das Thema Energie / Resourcen.

    Der Artikel von Herrn von Randow wird dadurch natürlich auch nicht besser...

    • Anonym
    • 16.05.2006 um 23:10 Uhr

    So sagt man ja in meinen Unterschicht Kreisen!

    Hat Helmut Schmidt sein "Placet" gegeben?

    Unter aller Sau, Helmut Schmidt sollte wissen, was das bedeutet!

    Gero, warst Du auch im Schuetzengraben?

    Ueben!!!

    • Anonym
    • 17.05.2006 um 0:15 Uhr

    Derart habe ich es noch nicht erlebt, dass diese MERCEDESFahrer, diese BMWs, immer wieder hinter mir, unverschaemt die Lichthupe betaetigend, langsam sich fortpreschend!

    Jetzt muessen wir fuer diese Gewalttaeter auch noch kaempfen, damit sie Benzin bekommen!

    Waehrend sie unschuldige Frauen und Kinder auf der Autobahn abdraengen, soll mein Bruder kaempfen, damit diese brutalen Menschen vernichten koennen, Kinder und alte Menschen!

    Sagt man ihnen das: sie lachen!

    Also: schlagt mich kaputt, oder ich

    kaempfe fuer Gerechtigkeit!

  1. Im Westen leider seit dem vorigen Artikel (http://www.zeit.de/online...)
    ausser einigen weitestgehend unwichtigen Details nichts neues.
    Das Kernaussage des Weissbuches bleibt dieselbe - und ihre erkennbare Haltung dazu leider auch, auch wenn Sie sich (nennend die Aehnlichkeit zu deutscher Rhetorik in der Aussenpolitik vor 1918) redlich um eine neutralere Position bemueht haben.

    Es hilft dabei leider wenig, das Schreckliche in angenehmere Worte zu huellen: Deutschland wird morden, um seine Versorgung zu sichern - ob man nebenher noch eine humanitaere Mission erledigt oder nicht, macht keinen Jota Unterschied, Hauptsache ist, man deklariert die Kontrolle ueber "kritische Rohstoffe und Energietraeger" (egal wo diese zu finden sind) als sicherheitspolitisches Ziel von vitaler Bedeutung.

    Es bleibt auch dabei, dass an dieser Position nichts besser wird, nur weil sie schon aelter ist - der Schnee von gestern ist heute immer noch dreckig.

    Da man Sie aber - eventuell sogar mit Recht - fuer jemanden halten koennte, der eine Aussenpolitik nach dem Motto "Ich nehme mir, was meine Soldaten tragen koennen" auch noch legitimiert, unterstellen Sie Kritikern zunaechst einmal Realitaetsferne und die Leugnung der "sicherheitspolitischen Realitaet" (interessant, wie gut Sie diese zu kennen scheinen") - gerade so, als haette Deutschland ueberhaupt garkeine andere Moeglichkeit, als seine Rohstoffinteressen (hier bitte Fuellphrase, etwa "im Zeitalter der Globalisierung" oder "im Zuge der Bedrohung durch den internationalen Terrorismus" einfuegen) mit Waffengewalt auf jedem Punkt in der Erde durchzusetzen.
    Ich hoffe instaendig, dass dem nicht so ist.
    Mit freundlichen Gruessen

    • hago
    • 16.05.2006 um 22:42 Uhr

    Dieser Artikel schliesst sich in seiner undifferenzierten Begeisterung über eine zukünftige militärische Ausrichtung Deutschlands nahtlos an den vorausgehenden Artikel mit dem markigen Titel "Sterben fürs Öl?" und der noch markigeren Unterzeile "... Das klingt schlimmer, als es ist.".

    Herr von Randow unterschlägt bei seinen Artikeln die Wiedersprüche, die der Entwurf auf Seiten des Koalitionspartners provoziert hat und der eine (von Herrn Randow so herbeigesehnte) Veröffentlichung des Weißbuchs unwahrscheinlich macht. Jedenfalls wenn man den Artikeln in der "Welt" und Berichten in der "Tagesschau" glauben schenken darf...

    Es ist kaum verständlich, dass die ZEIT mit derart verengtem Blick über das Weißbuch berichtet - außer dem schwer neokonservativ angehauchten Inhalt kritiklos darzustellen, werden kaum Hintergrundinformationen zu diesem Thema geboten.

    • Anonym
    • 16.05.2006 um 21:46 Uhr

    Ausgerechnet fuer Iran und dessen Administration ueberhaupt noch ein Woert einzulegen, ueberbietet doch sogar die Dummheit deutscher Verteidigungsexperten:

    sorry, ich habe Sportschau geguckt, wo sind meine Kinder?

    Deutsche, Deutsche, moment: tor,

    ein Blitz, ja, ja, Thor, nein Tor!

    Deutsche Daemlichkeit!

    Ich betrinke mich erheblich! Prost die Orgel!

    • Anonym
    • 16.05.2006 um 20:13 Uhr
    8. Spucke

    Schon manches mal habe ich mit "Spucke" operiert!

    Ich habe dem Sinne nach geschrieben, wenn Allah die Hoelle fordert, dann spucke ich auf Allah, wenn Jesus die Hoelle fordert, auf Jesus, wenn der Papst, auf den Papst!

    Diese Redakteure, frueher oder spaeter, wenn sie sich nicht einsetzen fuer alle Menschen, diese Redakteure der Zeit, die mich immer wieder rausstreichen, weil ich Menschenrechte einfordere, sie haben dann irgendwann eingebacken die Spucke in der Lasagne!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service