Tarifkonflikt Ärzte streiken weiter
Weil sie sich nicht über die Höhe des künftigen Ärztegehalts einigen konnten, haben die Verhandlungsführer der Ärztegewerkschaft Marburger Bund und der Tarifgemeinschaft deutscher Länder das Gespräch abgebrochen. Die Ärzte an den 35 Unikliniken und Landeskrankenhäusern planen einen Dauerstreik
In der Nacht zum Freitag sind die Verhandlungen über das Gehalt von Ärzten erneut gescheitert. Bereits am Dienstag endete ein Spitzengespräch in Köln ergebnislos. Die deutschen Universitätskliniken stehen damit vor flächendeckenden Dauerstreiks. Wie der Vorsitzende der Tarifgemeinschaft deutscher Länder, Hartmut Möllring (CDU), sagte, waren die Länder bereit, bis zu 16 Prozent mehr Tariflohn zu zahlen. Bei einem Assistenzarzt wären das 510 Euro im ersten Jahr und 750 Euro im dritten Jahr pro Monat mehr, sagte er. »Wir sind an die Grenze dessen gegangen, was die Länder finanzieren können.«
Bei einer Arbeitszeit von 42 Stunden und ohne Weihnachtsgeld würde die Nettolohnsteigerung lediglich 1,1 Prozent betragen, sagte hingegen der Chef der Ärztegewerkschaft Marburger Bund (MB) Frank Ulrich Montgomery. »Das großspurig angekündigte Angebot von Herrn Möllring hat sich leider als sächsischer Treppenwitz herausgestellt.« Der MB habe Flexibilität bei Arbeitszeiten und Bereitschaftsdiensten angeboten sowie Stabilität mit einer langen Vertragslaufzeit bis Ende 2009. Der Marburger Bund hatte ursprünglich 30 Prozent mehr Entgelt gefordert.
Ab Montag werden die Ärzte streiken, kündigte Montgomery an, und zwar »nicht mehr nur tage-, sondern wochenweise«. Herr Möllring werde eine bundesweite Streikwelle erleben, »die sich gewaschen hat.« Der MB garantiere aber weiterhin eine Notfallversorgung und sei »jederzeit zu weiteren Gesprächen bereit«. Im Marburger Bund sind nach Verbandsangaben 105.000 der bundesweit 146.000 angestellten und beamteten Ärzte organisiert.
Möllring befürchtet, dass durch den andauernden Streik zahlreiche Patienten von den Universitätskliniken abwandern werden. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hat die Ausfälle pro Streiktag und Krankenhaus auf 250.000 bis 600.000 Euro beziffert.
- Datum 29.07.2008 - 15:43 Uhr
- Quelle ZEIT online, 12.5.2006
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Seit Jahren wird von der Kostenexplosion im Gesundheitswesen geredet, und mit diesem Argument wird ebenso lange die Unmoeglichkeit von signifikanten Lohnzuwaechsen in diesem Sektor begruendet.
Was nur wenige wissen:
- Seit den 60er Jahren leistet sich die Bundesrepublik Deutschland relativ konstant etwa 13% des Bruttoinlandsproduktes fuer den Gesundheitssektor.
- Deutschland ist einer der fuenf groessten Gesundheitsmaerkte der Welt
- Pharmafirmen unterhalten ein riesiges Heer von Pharmavertretern, die jeden Tag die Krankenhaeuser und Arztpraxen im Lande heimsuchen und ihre Produkte anpreisen. Dabei werden auch reichlich Produktproben ausgegeben. Da wundert's nur wenig, dass die gleichen Medikamente in anderen Laendern (auch innerhalb der EU) z.T. zu einem Drittel des hiesigen Preises verkauft werden. Merkwuerdigerweise behaupten die Pharmafirmen immer, die Medikamente seien hier so teuer, weil so viel geforscht werden muesse - dabei werden die pharmakologischen Forschungskapazitaeten in D seit Jahren zurueckgefahren.
Wer heute Medizin studiert, hat mehrere Perspektiven:
- In D jahrelang im Krankenhaus arbeiten, mit im Vergleich zu den Anforderungen maessiger Bezahlung, besch***enen Arbeitszeiten und oft in einer extrem strengen Hierarchie, die Freude an der Arbeit nicht eben befoerdert.
- Angebote aus der Wirtschaft annehmen - hier finden sich oft regulaere 9-bis-16-Uhr-Jobs, mit oft besserer Bezahlung als im Gesundheitswesen, ohne Wochenend- oder Nachtdienste, familienfreundlich, ... - wer wollte noch wissen, woher der kommende Aerztemangel in D kommt?
- ins Ausland gehen - im Zweifelsfalle fuehlen sich viele hier in D zu sehr verankert oder wissen nicht, das es im Ausland oft besser bezahlt, mit besserem Arbeitsklima und besseren Arbeitszeiten durchaus attraktiv ist.
Die Forderung des Marbugrer Bundes nach 30% mehr Gehalt scheint erstmal hoch - vor dem Hintergrund, dass die Gehaelter in den letzten Jahren bis Jahrzehnten unterdurchschnittlich erhoeht wurden, dass die Moeglichkeiten, diese maessige Bezahlung durch zusaetzliche Nachtdienste im Rahmen der definitiv zu begruessenden Arbeitszeitbegrenzungen durch die EU spaetestens ab 2007 extreem beschraenkt sind und dass es im Gegensatz zu frueher nur noch beschraenkte Aussichten gibt, dass sich die schlecht bezahlte Buckelei der ersten Arbeitsjahre spaeter mit eigener Praxis oder als Ober-/Chefarzt wirklich mal auszahlt, vor diesem Hintergrund begruesse ich, dass sich die Aerzteschaft jetzt nach Jahren des Stillhaltens endlich mal auf die Hinterbeine stellt und bruellt "Es reicht!"
Wie kann es angehen, dass Aerzte, deren Fehler extreme Konsequenzen haben koennen, auch 2006 noch 36 Stunden am Stueck arbeiten duerfen, waehrend die Kamerateams des NDRs, der das dokumentieren wollte, jeweils nach acht Stunden ausgewechselt werden muessen, weil die nicht laenger am Stueck arbeiten duerfen? Flugzeugpiloten werden notfalls mit Waffengewalt aus dem Cockpit entfernt, wenn sie nicht nach acht Stunden freiwillig in Pause gehen!
Wer wurde sich von einem Menschen operieren lassen wollen, der 1 Promille intus hat? wohl niemand. Aber wenn ein Mensch 24 h wach war, hat er die gleichen Reaktionsfaehigkeiten und -genauigkeiten wie ein Betrunkener mit eben diesem Blutalkoholpegel!
Es ist hoechste Zeit, dass sich die Arbeitsbedingunen in deutschen Krankenhaeusern signifikant verbessern, damit die Aerzte auch wieder Kraft haben, die im Moment nur durchschnittlichen Leistungen wieder auf Weltspitzenniveau bringen koennen. Und da geht es nicht nur um Geld, sondern vor allem auch um menschenwuerdige Arbeitsbedingungen,
Es ist in Ordnung, wenn jeder für seine erbrachte Leistung, adäquat entlohnt werden möchte, manchmal, ganz selten klappt dies auch.
Wenn ich dann aber höre, dass verglichen wird, dass ein Assistenzarzt nur so viel verdient wie ein Elektromeister, dann frage ich mich, warum -nur-?
Was macht es aus, dass ein Arzt mehr verdienen muss?
Natürlich kommen wir dann wieder in die Diskussion, wer bewertet den Wert der Arbeit, geschenkt.
Jeder -opfert- eine Stunde seines Lebens für die Arbeit, Punkt aus.
Aus meiner Sicht, als eventueller Patient, sehe ich, dass es das Thema Arbeitszeit zu verhandeln gilt.
Was nützt es mir, wenn ein Arzt 10.000.- Euro verdient, aber Tagelang ohne ausreichende Erholung arbeitet und ich dann noch eine Risiko-, Verzicht- und Haftungsausschlusserklärung
unterzeichnen muss, BITTE?
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