Echolot Im Sturzflug
Neil Young kann jäh auffliegen und abgrundtief fallen - wie mit seinem Antikriegsalbum "Living With War". Unsere wöchentliche Musikpresseschau
Zusammen mit Robert Forster gehörte Grant McLennan zu den begnadetsten Songschreibern der jüngeren Popgeschichte. Ihre gemeinsame Band The Go-Betweens begleitete nicht wenige Indie-Pop-Freunde durch die tristen achtziger Jahre. Der ganz große Erfolg war ihnen nie beschieden. Nicht vor ihrer Trennung in den Achtzigern, nicht nach ihrer Rückkehr zu Beginn dieses Jahrtausends. Am 6. Mai ist McLennan überraschend gestorben - "im Schlaf", wie es auf der Webseite der australischen Band heißt. McLennan ist gerade mal 48 Jahre alt geworden. Nachrufe finden sich in fast allen überregionalen Tageszeitungen: von SZ über FR und taz bis hin zur Welt .
Karl Bruckmaier schreibt in der SZ von McLennans beständiger Suche nach dem einen, dem wahren, dem perfekten Lied. "Es schien immer noch viel Zeit zu sein. Grant McLennans Traum konnte immer noch Wirklichkeit werden, der Traum von dem einen Lied, dem Lied, das rund um den Globus aus allen Fernsehgeräten, Radios und iPod-Kopfhörern flirrt und alle bezaubert. Alt oder jung. Verliebt oder einsam. Den eingefleischten Spezialisten wie den Gelegenheitshörer. Ein Lied wie ein Sonnenaufgang, wie ein kühler Schluck Wasser, wie das Lächeln eines hübschen Mädchens, also ein Lied, das so schön wie auch selbstverständlich, so universal wie persönlich, das so unzweifelhaft menschlich ist, dass sich niemand seiner Wirkung entziehen kann, ein Lied, das ganz ohne großes Tamtam und Werbetrara zum Welthit wird, weil es perfekt ist. Selbsterklärend. Einfach. Wahr."
"ELB" weist in der FR auf das "Zarte und Melodische" hin, das man bei den Go-Betweens seit jeher McLennan zuschrieb. Forster war für die exzentrischeren Momente zuständig. Am Besten waren sie immer zusammen.
Auf der Bühne blieb McLennan im Hintergrund. Er übernahm, schreibt Gerrit Bartels in der taz , "den eher introvertierten Part, was auch sein Äußeres nahe legte: McLennan war der Kumpeltyp, der mit seinem sich damals schon lichtenden Haar eher wie ein gemütlicher Klempner als ein Popstar wirkte." Bescheidenheit und Unaufdringlichkeit waren für ihn Tugenden. Dies zeigt auch eine nette Episode, die Robert Rotifer, der England-Korrespondent des österreichischen Radiosenders FM4 , in seinem Nachruf zu berichten weiß. "Vor einem Jahr und zwei Monaten stolperte ich ins Columbia Hotel am Hyde Park, eine versiffte Musikerabsteige, die so aussieht (und auch so riecht) als wäre dort in den letzten zwanzig Jahren die Zeit stehen geblieben. Ich lief orientierungslos durch die Gänge, als sich die Lifttür öffnete und mir ein glatzköpfiger Mann mittleren Alters entgegen kam, der mich ansah, als wüsste er genau, wonach ich suchte. ' Sorry ', sagte ich, ' Do you know.. I'm here for a Go-Betweens interview '. Und dann sah ich seine Augen, jenen charakteristischen, leicht auseinander schielenden Blick und begriff. ' I'm Grant ', sagte er, ' I'm in the Go-Betweens '. ' I know, I know ', stotterte ich, und er lächelte ein wohlmeinendes Lächeln zurück, das die ganze Peinlichkeit der Situation auffing. 'Gehen wir Robert suchen', sagte er."
Am entgegen gesetzten Ende der Popskala, meilenweit von den luftig-leichten Stücken der Go-Betweens entfernt ist das Spätwerk von Scott Walker . Zusammen mit den Walker Brothers avancierte der Amerikaner in den Sechzigern zum Popstar. The Sun Ain't Gonna Shine Anymore schallt noch heute aus jedem Oldiesender. Dabei verließ Walker, der bürgerlich Noel Scott Engel heißt, bereits damals die Hitparaden-Pfade für eigenwillige Soloalben und Jacques-Brel -Coverversionen. Danach schien er irgendwie aus der Welt gefallen. Climate of Hunter (1982) ist noch heute bei Virgin Records als das größte Minusgeschäft der Labelgeschichte verbucht. Das ausufernde, großartige Folgewerk Tilt (1995) wird kaum mehr Exemplare abgesetzt haben - trotz überwiegend positiver Kritiken. Viele Hörer wollten ihm nicht folgen. Und so scheiden sich auch an den Stücken des aktuellen Songkompendiums ( The Drift ) die Geister. Karl Bruckmaier wünschte sich in der SZ schon vor Wochen einen Vertreter der Plattenfirma ins Haus, der die Platte wieder abholt.
Wohlwollender nimmt Ulrich Rüdenauer in der FR dieses "unerhörte und unbedingt zu hörende Werk" auf. "Es gibt Melodieführungen, die weit mehr an Webern als an den frühen Walker erinnern. Manchmal röhren Bläser, als müsste der Free Jazz neu erfunden werden, Streicher scheinen einen Hitchcock-Thriller untermalen zu wollen, man hört Schuhgetrappel, Schreckenslaute, Schreie, selbst Donald-Duck-haftes Geschnatter, Zirpen, Zischen, Rauschen, Hallen, Tippen, Summen, Rauschen, Heulen, Säuseln und Tröten, Klappern, Schlagen, Hämmern, Hacken und Hauen."
Michael Tschernek hat den Musiker für die Tageszeitung Die Welt getroffen. Bereits die Eingansfrage verrät viel. Frage: "Eigentlich heißen Sie Noel Scott Engel. Wie spricht man sie im Laden an der Ecke an?" Antwort: "Überhaupt nicht. Das ist ein Inder, der weiß gar nicht, wer ich bin und wie ich heiße. Und Sie können mich ansprechen wie sie wollen."
In der Folge wird auch über Musik gesprochen. Wenngleich in Bezug auf The Drift immer wieder von Avantgarde die Rede ist, verteidigt Walker das Album als "Rock". "Ich habe als Rockmusiker angefangen, und Rock ist noch immer die Basis von allem, was ich mache. Ich bin kein Avantgardist. Für mich klingt es ganz normal. Das dürfte Ihnen jetzt eine Menge über mich verraten."
Ein Wandler zwischen den politischen Meinungen ist der kanadische Musiker Neil Young . Von der Unterstützung der Reagan-Regierung bis hin zu Protest-Aufrufen gegen George W. Bush scheint alles möglich. Seine Kritiker tun es ihm gleich. Als vor einigen Wochen das Gerücht von Youngs in wenigen Tagen eingespieltem Antikriegsalbum Living With War die Runde machte, grauste es vielen, andere waren gespannt.
Zu den Zweiflern zählte taz -Autor Tobias Rapp, der das Schlimmste befürchtete. Nun schwärmt er von einem "grandios heruntergerotzten" Album, der besten "Neil-Young-Platte seit Menschengedenken."
Die Welt war seinerzeit zurückhaltender und konstatiert einige Wochen später Pamphletpoesie, Naivität und textliche Zumutungen. Die Unberechenbarkeit mag man "dem alten Countryrocker als Kompliment antragen, wie es Anfang der neunziger Jahre in dem Titel 'Pate des Grunge' mitschwang. Es kann auch das Erstaunen bezeichnen, wie gleichgültig dem Künstler nicht nur Kommerzialität, sondern auch Klasse ist. Neil Young kann jäh auffliegen und abgrundtief fallen. In Living With War ist er meist im Sturzflug."
Daneben ist kurz vor seinem 65. Geburtstag Bob Dylan überall Thema. Thomas Gross reflektiert in der ZEIT über die Dylanologie .
Die FAZ widmet sich einer neuen Studie über den Mann mit der eigenwilligen Stimme. Die Welt lauscht der Radioshow des Jubilars auf dem Satelliten-Sender XM , während die FR deutsche Musiker nach ihrem Verhältnis zu Dylan befragt.
Ebenfalls in der Frankfurter Rundschau unterhält sich Jan Freitag mit den beiden Musikern der Mediengruppe Telekommander über Konsumkritik, Geistesblitze und Arbeitsethos im Pop.
Näher am Menschen , das zweite Album, ist ein proklamativer Songreigen voller Hysterie und Referenzen. In der Presse spricht man von Agitpop und freut sich über Texte, die die Kritik schon vorformulieren. "Hey, die klingen ja wie die deutschen Beastie Boys , aber kacke finde ich deren Gitarren-Noise", heißt es im ersten Stück Bild Dir Deine Meinung .
Im Gespräch führen Florian Zwietnig und Gerald Mandl ihre Texte auf eine "Mischung von Werbesprache und Punkattitüde" zurück. 08/15-Texten und dem Schema Strophe-Refrain-Strophe wollen sie sich verweigern. Die Mediengruppe Telekommander ist momentan auf Deutschland-Tournee. Tourdaten gibt es hier .
Und sonst? Skandalnervnudel Pete Doherty hat mal wieder ein Flugzeug verpasst und ein Konzert in Köln ausfallen lassen, wovon die FAZ berichtet. Die Welt wartet in Berlin auf den Babyshambles-Musiker .
Neues gibt es von Dirk von Lowtzow ( Tocotronic ) und Thies Mynthners ( Stella ) Nebenprojekt Phantom Ghost . Thomas Winkler findet die aktuellen Stücke in der taz "eingängig wie nie".
Bejubelt wird in der Welt und in der FR Jack Whites ( White Stripes ) Zweitband The Raconteurs und das Debütalbum Broken Boy Soldiers .
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"Ob Jack White nun den Blues singt oder kreischt, als wäre er bei
Led Zeppelin
, ob die beiden Herren zu Orientklängen im
Beatles
-Chor singen, ob Benson mit seiner dunkleren, sanfteren Stimme zum Zupfing trällert:
Broken Boy Soldiers
bietet ein unglaublich souveränes Best Of dessen, was Gitarrenmusik heute sein kann."
Lesen Sie hier die vergangenen Folgen der Musikpresseschau
Musik auf ZEIT online - Lesen und hören Sie hier
- Datum 17.05.2006 - 13:33 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 15.05.2006
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"living with war!"
"Komm lass uns den Präsidenten aus dem Amt jagen....!"
Die neue Neil Young CD ist aufm Punkt!
Wärend Herr Bush sich mit Sabine Christiansen noch im "Leichtflirt" befand und den Deutschen über TV mitteilte daß er Angela zu Frau Dr. "Merkelwürdig" sagt hatte Neil Young bereits zugeschlagen.
Gestern kaufte ich mir seine neue CD: "LIVING WITH WAR!"
In erschreckender Einfachheit besingt der amerikanische Sänger das Multikriegstalent Bush und fordert ihn u.a. mit einem 100 Stimmen Chor zur Wahrheit auf.... Jagt ihn aus dem Amt....
Er besingt daß Bush die christliche Religion zum Wahlmissbrauch benutzt hat und daß er Gelder in Milliardenhöhe zum Fenster für den Krieg rausschmeißt.
Auch lässt er Bushs dumme O -Töne in einem Song selber zu Wort kommen und führt damit allen vor, wie nichtig seine Politik war & ist.
Musikalisch einfach aber kraftvoll, wie gewohnt bei seiner Band"Crazy Horses", setzt er Wort und Lied in Emotionen um...
Wiedermal ein Volltreffer von dem Antikriegssänger Neil Young...
Diese CD sollte man wirklich leben....!
Erwin P. Hilbert
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