Was sind Masern? Die wichtigsten Informationen im Überblick

Manche Ereignisse im Leben brachte man früher besser hinter sich. Zum Beispiel die Masern. War eine Schwester oder ein Bruder krank, steckten die Eltern alle anderen Kinder einfach dazu. Eine Woche inkubieren, zwei Wochen kurieren, fertig - solange es keine Komplikationen gab. Von "Masernpartys" war damals zwar noch nicht die Rede, aber was manche Erziehungsberechtigten heute noch mit ihren Kindern anstellen, ist eine Reminiszens an dieses alte Ritual. Es hält sich hartnäckig - obwohl es seit mehr als 40 Jahren eine sichere Impfung gegen die Masern gibt. Kein Kind ist heutzutage noch dazu verdammt, diese Krankheit "hinter sich zu bringen". Entsprechend selten ist sie geworden.

Zu kleineren regionalen Ausbrüchen kommt es zwar trotzdem immer wieder (siehe Grafik), doch eine Masernepidemie, wie sie jetzt Nordrhein-Westfalen heimsuchte, gab es lange nicht mehr. Mit der 19. Kalenderwoche ist die Zahl der Masernfälle dort noch einmal auf mehr als 1100 angeschwollen: Fast drei Monate kämpfte das Land mit dem Morbilli-Virus. Nicht einmal die Schulferien konnten die Infektionswelle stoppen. Drei Kinder wurden mit einer lebensgefährlichen Gehirnhautentzündung - der schwersten Masernkomplikation - ins Krankenhaus eingeliefert, insgesamt mehr als 160 kleine Patienten mussten stationär behandelt werden.

Ein Mitglied der ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut, der Kinderarzt Heinz-Josef Schmitt warf der Landesgesundheitsbehörde in der vergangenen Woche bereits Untätigkeit vor, die "ein Fall für die Staatsanwaltschaft" sei. Das RKI distanzierte sich zwar umgehend von der Aussage seines Mitabeiters, doch gestern durften die Bundesbürger dafür in der Bild am Sonntag lesen, dass sie sich unbedingt gegen die Masern impfen lassen sollen. Der Appell kam sogar von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt persönlich.

Was geht da vor sich? Wie kommt es, dass eine Kinderkrankheit plötzlich so viel Aufregung verbreitet? Haben die NRW-Behörden wirklich geschlampt, als es um die Vorsorge für unsere Kleinsten ging? Oder sind es die Eltern, die ihren Nachwuchs entweder aus Nachlässigkeit - oder mit Vorsatz - nicht impfen lassen, und die Kinder gar auf althergebrachte Weise, "ganz natürlich" immunisieren - durch Masernpartys? Sollte die Masernimpfung deshalb gar zur gesetzlich festgezurrten Bürgerpflicht werden?

Nach Ansicht der für die Masern-Überwachung verantwortlichen RKI-Mitarbeiterin, Anette Siedler, ist das Verdrängen oder Vergessen des Themas Impfen in Deutschland tatsächlich ein Problem - auch, aber nicht nur, in Bezug auf die Masern. Gerade die zweite Impfung, die vier Wochen nach der ersten verabreicht wird und den Impfschutz sichert, fehle vielen Kindern.

Doch da liegt sie trotzdem nicht, die Wurzel der aktuellen Masernepidemie. Ausgerechnet Nordrhein-Westfalen hat relativ gute Masern-Impfquoten vorzuweisen: Die aktuellsten Zahlen von 2004 bescheinigen dem Land knapp 94 Prozent Erstimpfungen und immerhin fast 67 Prozent Zweitimpfungen unter den Schulanfängern - zwar liegt der zweite Wert noch immer unter den von der WHO empfohlenen 80 Prozent, doch im Bundesdurchschnitt ist das Spitze. Spitze in Bezug auf die jüngeren Kinder. Die aktuelle Masernwelle hat aber vor allem ältere Kinder jenseits von 14 Jahren erfasst.

Der entscheidende Punkt ist deshalb ein anderer. Die Impfrate entwickelte sich erst in den Neunziger Jahren hin zum heutigen Niveau: Zum Einen betrug die Impfquote 1990 bundesweit nur 75 Prozent - mit einem hohen Beitrag aus den neuen Bundesländern, in denen bis heute deutlich konsequenter geimpft wird als im alten Westen. Zum anderen wird die zweite Masernimpfung überhaupt erst seit Beginn der Neunziger Jahre empfohlen. Da beide Impfungen idealerweise schon im ersten Lebensjahr erfolgen, hängen gerade Schulkinder von 14 und mehr Jahren in einer regelrechten Impflücke: Viele sind gar nicht, die meisten nur einfach geimpft.

Der Impfaufruf der Gesundheitsministerin in der Bild am Sonntag hätte im akuten Fall nicht "Impft in den Kindergärten", sondern "Impft die Teenager" lauten müssen - um die bestehende Impflücke zu schließen, und zwar nicht nur in Nordrhein-Westfalen, sondern überall dort, wo es sie gibt. Insgesamt wäre der Impfschutz dann wieder gut genug, um größere Ausbrüche zu verhindern. Was natürlich nicht heißt, dass weniger auf die Impfung künftiger Säuglinge und Kleinkinder gedrängt werden sollte.

"Masern sind nicht die harmlose Kinderkrankheit, für die sie viele halten", sagt Anette Siedler. Die Komplikationsrate ist hoch, für die Kleinen kann die Krankheit zu einer echten Qual werden. Zu einer möglichen gesetzlichen Impfpflicht äußere sich das RKI prinzipiell nicht, sagt Anette Siedler, jedoch: "Wir sollten erst einmal die Möglichkeiten ausschöpfen, die wir haben", sagt die Epidemiologin und weist vor allem auf die diskutierte Pflichtuntersuchung im Kindergarten hin: Die Schuleingangsuntersuchung käme für viele Maßnahmen zu spät - auch für die Masernimpfung.

Was sind Masern? Die wichtigsten Informationen im Überblick