Steuererhöhung Blutleere Politik

Die Steuern steigen, obwohl der Staat 8,1 Milliarden mehr einnimmt. Das wäre nicht so schlimm, ginge es darum, Politik zu gestalten. Doch die Koalition weicht den wichtigen Aufgaben aus. Karsten Polke-Majewski kommentiert das aktuelle Meinungsbild

Obacht, ihr Koalitionäre. Es empfiehlt sich an diesem Donnerstag, die Frankfurter Allgemeine sehr vorsichtig in die Hand zu nehmen. Es sei denn, man legt Wert auf einen furiosen Schlag ins Gesicht. Da schreibt Volker Zastrow, die Große Koalition sei zur größten Packstation des Landes verkommen. "Dort hat alles mit allem zu tun. Aber wenig miteinander. Was in Reformpäckchen, Absprachepakete und Steuerwurfsendungen hineingepackt wird, richtet sich nach der Hineinpackbarkeit. (...) Jeder nur denkbare Nippes wird aus den Schubladen politischer Erinnerung gezerrt."

Die Wut richtet sich besonders gegen die ruckartigste Steuererhöhung der Nachkriegszeit , die das Kabinett am Mittwoch beschloss; obwohl die Steuerschätzer an diesem Donnerstag berichten, dass sich die Staatseinnahmen weit besser als erwartet entwickeln. Danach wird der Fiskus in diesem Jahr im Vergleich zur November-Steuerschätzung 8,1 Milliarden Euro mehr kassieren. Das wird im kommenden Jahr munter so weiter gehen, könnte man zynisch hinzufügen. Geschätzt wird, dass mit den Steuererhöhungen bis 2009 rund 70 zusätzliche Milliarden beim Staat eingehen. Es sei denn, die Konjunktur bricht ein, wovor manche warnen, was andere wieder für Panikmache halten .

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So oder so erntet die Koalition heftige Kritik. "Schwarz-Rot mästet den ineffizienten Staat und gefährdet mit dieser Steuererhöhungs-Orgie überdies den sanften Konjunkturaufschwung", schreibt die Augsburger Allgemeine . "Das vom Kabinett im Eilverfahren abgesegnete Steuerpaket liest sich wie die Kapitulationserklärung", kommentiert die Leipziger Volkszeitung . "Die Regierung hat schlicht ein falsches Verständnis vom Sparen", erklärt die Stuttgarter Zeitung . "Sie greift den Bürgern in die Tasche, was angesichts der Haushaltslage zwar unvermeidlich ist. Zugleich lässt sie aber kaum Anstrengungen erkennen, wie der Staat die Kosten in den Griff kriegt. Schlimmer noch: die Bundeskanzlerin sieht dabei zu, wie an anderer Stelle ständig neue Ausgaben beschlossen werden."

Wenn das doch alles wäre: Finanzlöcher zu schließen und ein paar Kosten zu sparen. Aber es geht um mehr. Nochmals die FAZ: "Was haben denn zum Beispiel Reichensteuer, Kindermädchenprivileg, Elterngeld, Antidiskriminierungsgesetz miteinander zu tun? Was hat die sexuelle Orientierung bayerischer Landwirte mit ihrem Vorsteuerabzug zu schaffen? Was fügt Abgeordnetendiäten und plebiszitäre Verfassungsreformen zusammen? Wie ist zu verstehen, dass die Wahlperiode sowohl verlängert als auch einfach kürzbar werden soll?" Die Polemik offenbart, dass die wahre Frage gegenwärtig nicht ist, wie viel Geld der Staat für was braucht, ob er sich zurückziehen muss oder stärker eingreifen sollte. Beides kann funktionieren, was die oft zitierten angelsächsischen wie skandinavischen Beispiele zeigen.

Das Problem ist vielmehr, dass der Staat seine Sache schlecht macht ; und dass nicht zu erwarten ist, dass es besser wird. Die Mehrwertsteuer steigt, doch die Lohnnebenkosten werden nur wenig entlastet. Die Reichensteuer wird eingeführt, doch zu welchem Zweck  - außer der Befriedigung von Klientelinteressen - ist undeutlich. Die Reihe läst sich fortführen .

Darf man auf Besserung hoffen? Eher nicht. Schreiben die Lübecker Nachrichten : "Was wäre wohl los in dieser Republik, würde eine kleine Koalition so etwas bieten? Keine Wut-Welle, ein Tsunami." Und die Augsburger Allgemeine warnt: "Lange wird das Volk dieser Darbietung nicht mehr applaudieren." Doch was hülfe es? Eine der beiden Volksparteien wird voraussichtlich immer regieren. Und die andere wird sie ausbremsen - oder sich mit ihr verbünden, offiziell oder nicht. Wiederum die FAZ : "In der Koalition gilt nicht das Prinzip des kleinsten gemeinsamen Nenners, sondern das des größten gemeinsamen vielfachen Unfugs." Vielleicht wird die Kanzlerin es ja richten. Hoffen darf man schließlich immer.

 
Leser-Kommentare
  1. Wie dieser Zeitartikel wieder einmal zeigt, haben einige vermeintliche Meinungsmacher es offensichtlich immer noch nicht mitbekommen: Die Zeit, dass Unsinnnachbeter Gehör finden, neigt sich langsam dem Ende - die Karawane zieht weiter, die Nörgler bleiben zurück!
    Wann hört man in der deutschen Presselandschaft endlich auf, sich darin zu gefallen, alles, was hierzulande geschieht, schlecht zu reden. Der Staat mag ja sicherlich das ein oder andere schlecht machen, aber schlicht in Bausch und Bogen zu behaupten, der Staat macht seine Sache schlecht, ist dann doch der alte von mir immer beklagte Reflex, in dem sich deutsche Journalisten viel zu lange gefallen haben. Besonders lustig, wenn einmal wieder das „angelsächsische System“ als funktionables Beispiel angeführt wird, wo doch so langsam auch dem letzten klar wird, dass dort so ziemlich alles vor die Wand gefahren ist. Sehr schön nachzulesen im aktuellen Spiegel-online-Kommentar von Matthias Matussek unter dem Titel „Bye-bye, Schaumschläger“ (gemeint ist Tony Blair).

  2. Natürlich fällt es schwer zu begreifen, dass die Fortschrittsdynamik, die es den Menschen dieser Welt auf der einen Seite des Globus ermöglicht, durch Arbeit zu Billiglöhnen auch mal ein wenig zum Gesamtfortschritt beizutragen und es den Mehrheiten auf der anderen Seite des Globus ermöglicht in einer unheimlich schicken Komfortzone zu leben, keine niedrigen Steuersätze allerüberall zulässt.

    Jetzt endlich, da die Politik begreift, dass auch die Bürokratie viel Arbeit macht und deren Abschaffung sicher nur noch mehr Arbeitslosigkeit nach sich zieht, müssen natürlich alle Meinungsmacher in Deutschland, die gern an ihren völlig falschen Vorstellungen, die sie uns seit mehr als zehn Jahren vorbeten lassen, festhalten wollen, rumstänkern.

    Ein Staat ohne Steuereinnahmen wird leider schneller zu einem Bürgerkriegsland, als manche dachten.

    • Anonym
    • 11.05.2006 um 16:40 Uhr

    Wer wissen will, wo das endet, der muss nur nach Köln schauen. Dort wird im kleinen exerziert, was im Bund munter kopiert wird.

    Noch hält der Bürger Frieden, das geht solange gut, bis Brot und Spiele (Sozialhilfe und Fussball) nicht mehr zur Ablenkung ausreichen.
    Anschließend Gute Nacht!

    B Grabe

  3. beruhen auf einem systematischen Fehler der bundesdeutschen Politik bzw. der Kompetenzverteilung im Kabinett.

    Es gab mindestens einmal einen SPD Bundesfinanzminister, der sein Handwerk verstand, das war Alex Möller im 1. Kabinett Brandt. Dem stand ein noch größerer Wirtschaftsminister zur Seite - Karl Schiller. Seit dem Rücktritt dieser beiden, der drauf beruhte, daß der Kanzler ein ökonomischer Ignorant war und das übrige Kabinett verrückt spielte, hat der Sachverstand auf diesen beiden Posten meistens abgenommen.

    Gleichzeitig mit dieser Abnahme wurden immer mehr Zuständigkeiten in das Finanzministerium verlagert, bis der Bundeswirtschaftsminister neben Oscar Lafontaine effektiv die Funktion eines Grüß-August hatte. Der heutige Minister hat nicht annähernd die Bedeutung und die Kompetenzen seiner Vor-Vorgänger Karl Schiller oder gar Ludwig Erhard, so daß selbst ein Experte von Weltrang auf diesem Sessel nicht viel ausrichten könnte.

    Es wird erst dann wieder eine sinnvolle Wirtschafts- und Finanzpolitik geben, wenn die Kompetenzen der jeweiligen Ministerien grundsätzlich neu geordnet werden. Die Bedeutung und die Zuständigkeiten des Wirtschaftsministers sind erheblich zu stärken, und die des Finanzministers wieder auf das zurückzuführen, was die Kernkompetenz darstellt: Der Finanzminister ist der Buchhalter der Nation, nicht mehr und nicht weniger.

    Solange die jetzige Kompetenzverteilung bestehen bleibt, wäre es geradezu ein Wunder, wenn auch mal die volkswirtschaftlichen Rückwirkungen von Steuerplänen Eingang in die Politik fänden. So wird es wohl weiter bei den Lachnummern bleiben, die uns alljährlich präsentiert werden. Wir nehmen 1 Milliarde mehr ein bedeutete bei Minister Eichel - wir nehmen 2 Milliarden weniger ein. Na ja, vielleicht ändert sich das unter Steinbrück in - wir erzielen 100 Millionen mehr, dann haben wir schon Glück gehabt.

    Für Zukunfts-Entwürfe oder die Strategie sind eigentlich andere zuständig, allen voran der Kanzler oder die Kanzlerin. Da sehe ich bisher leider nichts, aber vielleicht benötige ich ja eine neue Brille. Liebe Frau Merkel, wie lautet ihr Entwurf, der über die Haushalts-Konsolidierung hinausführt?? Die 100 Tage Schonfrist ist längst abgelaufen.

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  • Quelle ZEIT online, 11.5.2006
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