Artenschutz Jagd auf Petzi

Erstmals seit 170 Jahren hat ein wilder Braunbär wieder seine Tatzen auf bayerischen Boden gesetzt. Der unverhoffte Gast wird zum Politikum.

Die bayerische Regierung ist auf Einwanderer bekanntermaßen nicht besonders gut zu sprechen. Vor allem, wenn sie heimlich über die grüne Grenze schleichen, keine gültigen Papiere besitzen und versäumen, einen ordnungsgemäßen Asylantrag zu stellen. Doch in diesem Fall war zunächst alles anders. Diesmal hieß ein bayerischer Minister den Neuankömmling höchstpersönlich willkommen. Bayern werde ein "guter Gastgeber" sein, versprach CSU-Umweltminister Werner Schnappauf. Dem Einwanderer versprach der Politiker eine "freie Eintrittskarte" für den Freistaat.

Bei dem unverhofften Besucher handelt es sich um einen Braunbären. Es ist der erste Vertreter der Gattung ursus arctos, der seit 170 Jahren wieder seine Tatzen auf deutsch-bayerischen Boden gesetzt hat. Auf seinen Streifzügen durch die österreichischen und bayerischen Alpen plünderte er bereits etliche Bienenstöcke und riss insgesamt zwölf Schafe. In der Nacht zum Montag drang er in Grainau an der Zugspitze sogar in einen Hühnerstall ein. Der Besitzer klagte, der Bär habe eine "Spur der Verwüstung" hinterlassen.

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Am Montag nahm die Bärenstory, die am Morgen auf den Titelseiten der Münchner Boulevardzeitungen prangte, eine dramatische Wendung. Schnappauf gab das Tier auf einer Pressekonferenz aus Sicherheitsgründen zum Abschuss frei. Die Sache habe eine "dramatische Wendung" genommen, der offenbar noch junge Bär zeige ein untypisches Verhalten und sei außer Kontrolle. Deswegen blies Schnappauf mit Zustimmung der Experten zur Bärenhatz. Gleichzeitig werde jedoch weiter versucht, den Bären einzufangen, sagte ein Sprecher des Umweltministeriums. Allerdings seien bislang mehrere entsprechende Versuche gescheitert, das Tier wandere immer weiter.

Erstmals war der Bär vergangene Woche im österreichischen Lechtal unweit von Füssen gesichtet worden. Der Bär hielt sich, was relativ ungewöhnlich ist, gerne in der Nähe menschlicher Siedlungen auf, tauchte jedoch immer wieder im Wald ab, wenn ihm nachgestellt wurde. Woher das Raubtier kommt, ist noch unklar. Bärenpopulationen gibt es etwa in Slowenien und im Brentagebiet im italienischen Trentino. Auch in Österreich selbst leben seit ihrer Ausrottung im 19. Jahrhundert wieder rund 30 Bären. Sie sind teilweise eingewandert, zum Teil stammen sie aus einem Wiederansiedlungsprojekt, das der WWF 1989 ins Leben gerufen hatte. Gentests von Kotresten und Haarbüscheln, die auf dem Weg des bayerischen Bären sichergestellt wurden, sollen Aufschluss über die Identität des Tieres geben. Erste Analysen hätten ergeben, dass es zumindest kein österreichischer Bär sei, sagte eine WWF-Sprecherin.

Naturschützer bejubelten zunächst die Ankunft des Bären als Erfolg ihres Artenschutzprojektes. Experten des WWF wurden nach Bayern entsandt, um den Bären mit einer so genannten Röhrenfalle einzufangen und ihm einen GPS-Sender zu verpassen, mit dem er überall geortet werden kann. Außerdem sollte er mit Gummikugeln und Krachern beschossen werden, um ihm Respekt vor Menschen beizubringen.

Doch bereits zu Beginn der bayerischen Bärensage herrschte nicht überall die helle Freude über den Petz. Der bayerische Landesjagdverband fürchtet um die Sicherheit in seinen Revieren. Der Bär sei im Jahre 1835, als bei Ruhpolding in Oberbayern der letzte Vertreter seiner Gattung in Deutschland geschossen wurde, "nicht umsonst ausgerottet" worden, sagte der "Naturschutzreferent" des Verbandes. Die Wiederbesiedelung mit Bären bringe ein "erhebliches Schadenspotenzial" mit sich. Postwendend appellierte der Bund Naturschutz (BN) an die bayerischen Jäger, den Jungbären doch bitte unbehelligt zu lassen. "Es darf nicht sein, dass wie beim Wolf im Bayerischen Wald große Wildtiere abgeschossen werden, sobald sie bayerischen Boden betreten." Der WWF wies darauf hin, dass der Bär nach EU-Recht und nationalen Bestimmungen unter strengem Artenschutz stehe.

Leser-Kommentare
  1. Tierschutz ist ein menschliches Privileg. Der Umgang mit Tieren, die ja auch Teil der Schöpfungsgeschichte sind, verweist zurück auf den Umgang mit Menschen. Deshalb wurde ja der Tierschutz auch geschaffen.
    Ein Teil der Bayern ist weiter der Ansicht, das Probleme am einfachsten mit Abschieben oder Umbringen zu lösen sind. Was sollte da noch aufgeklärt werden.
    Klar, dass ein Politiker so handeln muss, dass er frei von Schuld bleibt. Das hat was mit Haftung zu tun.
    Jedenfalls ist es schon so: wir haben nciht nur Rechte sondern auch Pflichten für die Erde, auf der wir leben. Nur Kradler scheren sich einen Dreck drum. Deshalb: rettet den Bären; evtl. ist dieser nicht unbedingt nur ein Kind der Natur; so stellt sich es mir bisher dar. Vn Österreichischen Bären soll dieser nicht abstammen. Also: Leben und leben lassen.

  2. Es sind zu viele Bärchen unter uns, in Karl-May-Geschichten, im Feuilleton, im freigeschossenen Alltag, stets präsent geblieben - vom Teddy der Blagen bis hin zu den vielumworbenen Gummibärchen, als Chimäre der Sehnsucht im Liebesspiel, von "Petzi-Schwänzchen" bis "mein Bärchen, komm' endlich...".
    Und auch in der Sprache hat Meister Petz mit Redensarten wie «jemanden einen Bären aufbinden», „dem Bären gehört die Welt“, «der Bär ist los» und Sprichwörtern wie «Man soll das Fell des Bären nicht verteilen, bevor er erlegt ist», „for drinkung & bearing is time enough“, „im weblog/im Forum wird der Bär gerettet“, „bearish isn’t my Baisse“, „Brumm: Bear don’t mean Tölpel“, „Mein Bier ist the Bruno-Bear, my home my Urwald, meine freie Seele... “ - deutliche Spuren hinterlassen.

    Lassen wir uns nicht täuschen: Im Rassisten jenseits der noch immer als Heimatgrenze ausgewiesenen "Ex-Mauer" steckt ein Tier; aber ein Bär is a liabes Viech.
    Ich hoffe, "Bruno" hat den Schmus gerochen - und ist verduftet, ob so viel krampfiger Beschützerei.

    ...bearish ernsthaft lächelt der Wildbiologe Wolfgang Schröder als Bruder Natur: "Freuen Sie sich erst einmal fürchterlich. Nur wenigen Menschen wird dieses Glück zuteil." (Bevor er vor Ihnen abdreht oder Sie als wahres Lamm reißt.)

  3. Zunächst wurde der Bär in Bayern laut begrüßt, wieso dies geschah sollte nun jedem klar sein.

    Wieder einmal mehr stehen unsere schießwütigen alten Herren, genannt Jäger, in einer Reihe parat um ihrem perversen und unnötigen Hobby nachzugehen. Nun soll ein weiteres mal Unrecht geschehen. Jeder Jäger möchte solch eine Trophäe besitzen und schon erst recht, wenn man sich hier viel Geld für eine Auslandsjagd sparen kann. Es sind aber nicht nur die großen Tiere die hier unter diesem veralteten überflüssigen Hobby zu leiden haben. Jährlich sterben in Deutschland an die 5 Millionen Tiere durch das Hobby Jagd. Selbst Menschen werden hier zu Opfern, 40 Tote und an die 600 Verletzte, das ist die Bilanz von 2005. Wann hört dieser Wahnsinn endlich auf. Wann begreifen unsere Politiker endlich das wir uns mit der Duldung solchen Naturfrevels einfach auf dem lalschen weg befinden. Wie viele Arten sind schon ausgerottet worden?

    Selbst wenn sich auf natürlichen Wegen, ohne Wiederansiedlungsprojekte, eine Population hier wieder etablieren möchte, wird widerum draufgehalten.

    Das Hobby Jagd und der Waffenbestitz von Privatpersonen gehört abgeschafft und weggesperrt, denn "veraltete Traditionen sind kein Garant, für das moralisch Richtige" Solange wir uns von den bestehenden Jagdgesetzen bevormunden und enteignen lassen müssen, solange wir zusehen müssen wie immer mehr Mitgseschöpfe wegen der Triebhaftigkeit einer Handvoll überwiegend alter Leute leiden und sterben müssen kann man unser achso modernes Land nur bemitleiden. Nicht mal das EU-Recht wird in diesem Bereich anerkannt. Jagd und Jäger gehören ins Museum.

    weitere Infos unter [ Wir können leider nicht alle Verweise auf andere Internetseiten prüfen. Bitte haben Sie Verständnis, dass Links gelöscht werden. gez. Die Redaktion ]

    Rudolf Pohlenz

  4. Auch die überzeugtesten Naturschützer müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Wiedereinbürgerung der Braunbären in Mitteleuropa ein Unding ist. Wir haben den natürlichen Lebensraum der Bären zersiedelt und zerstört und können uns jetzt nicht erwarten, dass sich die Bären in einer für sie nicht mehr geeigneten Umgebung "normal" verhalten. Die extreme Aggressivität der wieder eingebürgerten Bären, die ganz gegen ihre Lehrbuch-Natur Schafe gleich dutzendweise reißen, sollte eine Warnung sein.

  5. Jetzt lese ich hier 3 Kommentare und muss doch recht staunen, was da so von Lesern einer aus meiner Sicht liberalen Wochenzeitung so von sich gegeben wird.
    Weder ist jeder Jäger ein perverser, der die Geschöpfe der Natur aus einer abnormen Veranlagung für Trophäen abschlachtet, noch ist es per se so, dass es keinerlei Möglichkeiten des Zusammenlebens zwischen Wildtier und Mensch in Europa gibt.
    Ich respektiere im Großen und Ganzen den Stand der Jäger, die viel Zeit und oftmals auch Geld aufbringen um ein Revier in seinem Zustand zu erhalten. Eine Abqualifizierung aller halte ich für äußerst fraglich und nur das Medium hält mich davon ab, das zu sagen, was ich im persönlichen Gespräch gesagt hätte. Die Frage auf der anderen Seite ist: Wie viel Bequemlichkeit will der Mitteleuropäer aufgeben um den Lebensraum mit Tieren, die hier einst lebten, zu teilen. Zugegebenermaßen fällt es mir aktuell schwer mir vorzustellen, beim Campen auf einem bayerischen Zeltplatz meine Essensvorräte bärensicher aufzuhängen. Gehen würde dies jedoch ohne Zweifel.
    Ich finde wir sollten alle daran mitwirken einen Plan zu finden, wie wir auf die Zuwanderung oder Ausbreitung von Wölfen oder Bären reagieren und in welchen Zonen dies Sinn machen könnte. Dann müsste noch ein Ausgleich her für die Schäden die entstehen. Soviel ich weiß müssen die Jagdpächter auch in gewissen Grenzen Schäden durch Schwarzwild ersetzen, so dass dies auch nicht unlösbar erscheint.
    Zuletzt, bevor solch ein Votum gefunden ist würde ich es nötiger empfinden die Leute aufzuklären, was Sie für Ihre Sicherheit tun können als "vorschnell" den Schießbefehl zu geben.

    Mit freundlichen Grüßen
    Axel Bühler

  6. Durch Jagd werden bei uns keine Tierarten ausgerottet, weil dies ja auch gegen die Interessen der Jäger wäre. Vielmehr sind es die Zerstörung des Lebensraumes, die Umweltverschmutzung, die Zersiedelung, der Verkehr usw., die immer mehr Tierarten aussterben lassen. Es hat keinen Zweck, Tierarten wieder einzubürgern, für die kein Lebensraum mehr vorhanden ist. Einen Bären kann man nicht im Vorgarten halten. Schon allein die Tatsache, dass der "bayerische" Bär vermutlich vom Trentino, wo ein Wiedereinbürgerungsprojekt läuft, über Südtirol und Nordtirol bis nach Bayern gewandert ist, zeigt sein Unbehagen und seine Schwierigkeit, ein geeignetes Biotop (und einen Partner) zu finden. Dieses Unbehagen äußert sich in außergewöhnlicher Aggressivität. Man kann sich natürlich auch damit abfinden, Schäden vergüten und hoffen, dass schon nichts passieren wird.

  7. @ Tiroler: Ich bin kein fanatischer Naturschützer, auch wenn ich zugeben muss, dass ich Bären besonders faszinierend finde und durch diese Affinität jetzt nicht sonderlich neutral bin. Einen Gedanken muss man jedoch sicher zulassen:
    Bei einer Ansiedlung von Bären in Österreich, Italien und Slowenien wird es wohl nicht ausbleiben, dass sich der eine oder andere Bär oder wenn wir von Wolfspopulationen in Frankreich oder dem Bayerischen Wald ausgehen der eine oder andere Wolf in die Nähe von dichter besiedelten Räumen verirren. In diesen Fällen jedesmal, wenn ein Nutztier gerissen wird, die Büchse auszupacken halte ich nicht für praktikabel. Ich denke eher, dass wir einen tragfähigen Kompromiss zwischen Sicherheit der Bevölkerung - hier meine ich nur Menschen - und der hier ursprünglich ansässigen Fauna finden sollten. Am Rande erwähnt bin ich für die Ausrottung hier nicht heimischer Arten, auch wenn sie noch so possierlich sind.
    Solche Kompromisse werden in USA und Kanada bereits praktiziert. Hier werden Bären verjagt oder deportiert und erst wenn sie ein nach gewissen Maßstäben erhöhtes Gefährdungspotential haben geschossen. Im Artikel stand jedoch, dass der Bär sich noch vertreiben ließ. So gefährlich scheint er jetzt, zumindest zur Zeit noch nicht zu sein.
    Dass der Bär sich neue Nahrungsquellen erschlossen hat ist wohl nicht gut, jedoch sicher noch nicht als "abartig" zu kennzeichnen. Woher kamen Sie denn auf Dutzendweise? Ein Dutzend sind 12. Dutzendweise bedeutet zumindest mehr als 24!!!
    MfG
    Axel Bühler

  8. 8. \N

    Ich bin absolut nicht schießwütig und würde den Bär gerne am Leben lassen. Vertreiben ist aber auch keine Lösung. Wenn der arme Kerl überall vertrieben wird, dann wird er zum Dauerflüchtling und damit noch aggressiver. "Dutzendweise" stimmt vollkommen. Wenn man die Opfer dieses einzigen Bären in Südtirol, Nordtirol und Bayern zusammenzählt, dann sind es mehrere Dutzend Schafe, einige verwüstete Hühnerställe und Bienenstände. Dass ein Bär nach dem Winterschlaf tierisches Eiweiß braucht, um rasch wieder zu Kräften kommt, ist normal, dass er aber Tiere reihenweise tötet ohne sie zu fressen ist nicht normal. Es gibt leider bei uns keinen geeigneten Lebensraum mehr für Braunbären, das heißt unbesiedetle Gebiete, die groß genug sind, damit die Tiere dort in Ruhe leben können. Wenn sie dauernd mit Menschen in Kontakt kommen, Autobahnen und andere Verkehrswege überqueren müssen, werden sie unberechenbar. Mehr als das Schicksal eines einzigen Bären berührt mich die Umweltzerstörung, die nicht nur den Lebensraum von Bären und anderen Großraubtieren, sondern auch von uns Menschen bedroht.

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