USA Watergate in New Hampshire

Ein Wahlskandal in der amerikanischen Provinz zieht Kreise. Spuren führen ins Weiße Haus.

Im Oktober 2002 bekam Charles McGee ein Flugblatt in die Hand, das seine Phantasie beflügelte. Es stammte vom politischen Gegner, den Demokraten des Bundesstaates New Hampshire. Am Wahltag im November, stand da zu lesen, biete die Partei einen Fahrdienst an. Wer nicht laufen könne oder kein Auto habe, brauche nur eine von fünf angegebenen Telefonnummern wählen.  Er werde dann abgeholt und ins Wahllokal gefahren, um dort mitentscheiden zu können, wen New Hampshire als Senator nach Washington schicke.

Als er das Flugblatt las, fragte sich McGee (ausweislich seiner Aussage vor Gericht), "ob man die Telefone nicht abklemmen" und die Zahl demokratischer Wähler reduzieren könne. Für McGhee, damals Geschäftsführer der Republikanischen Partei von New Hampshire, war die Sache klar: "Wer nicht kommunizieren kann, kann auch nicht planen und organisieren."

So begann der Wahlbetrugs-Skandal von New Hampshire, der in dieser Woche mit der Verurteilung des dritten Beteiligten zu einer Gefängnisstrafe zu Ende ging. Zehn Monate lang muss ein Mann namens James Tobin ins Gefängnis. Bleibt die Frage: ist der Skandal tatsächlich zu Ende? Handelt sich wirklich nur um eine Provinzaffäre? Was ist mit all den Anrufen, die New Hampshires Wahlbetrüger am Wahltag ins Weiße Haus tätigten? Warum tauchen die wichtigsten Dunkelmänner des konservativen Washington als Spender in New Hampshire auf? Warum zahlt die Washingtoner Parteizentrale freiwillig Millionen, um die Betrüger von New Hampshire anwaltlich beraten zu lassen?

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Genau besehen fehlt nicht viel – ein gesprächiger Zeuge, ein verräterisches Dokument – und Amerika hat seine nächste große Wahl-Affäre. Die New York Times hat schon, wenngleich vorsichtig, den magischen Vergleich herangezogen: Watergate.

Charles McGee und zwei Kumpane beauftragten durch einen Mittelsmann eine Telemarketingfirma aus Idaho, am Wahltag im November 2002 die Telefone der Demokratischen Wahlhilfe zu blockieren. Zwei Stunden lang gelang das, morgens zwischen 7 Uhr und 9 Uhr. Da in Amerika werktags gewählt wird, ist die frühe Stunde wichtig. Viele Menschen gehen schon vor der Arbeit wählen. Bei den Demokraten klingelte zwar regelmäßig das Telefon, aber die Verbindung wurde automatisch irgendwohin weitergeleitet. Misstrauisch geworden, riefen sie morgens um neun die Polizei an. Der Anruf setzte eine Ermittlung und Gerichtsverfahren in Gang. Es dauerte vier Jahre.

Die Wahl im kleinen New Hampshire hatte im Jahre 2002 Bedeutung für die Macht in Washington. Die Demokraten hielten im Senat eine hausdünne Mehrheit von einem Sitz. Sie konnten dem Präsidenten George W. Bush das Regieren schwer machen. Die Republikaner wollten die ganze Macht erringen. In New Hampshire war das Mandat besonders umkämpft. Am Ende gewann der Republikaner relativ knapp, 51 zu 47 Prozent. Es bleibt unklar, ob die Telefonblockade Einfluss auf dieses Ergebnis hatte.

Die entscheidende Frage ist, ob die Täter nur drittklassige Akteure aus der Provinz waren oder aus Washington angeleitet wurden. Während des jüngsten Verfahrens, ein paar Monate ist es erst her, wurden die Verbindungsnachweise der Mobiltelefone aller Beteiligten eingeführt. Dabei stellte sich heraus, dass die Täter am Wahltag mindestens 22 Mal im Weißen Haus anriefen, zwischen 11 Uhr morgens und 2 Uhr in der Nacht, immer dieselbe Abteilung.

Dessen Leiter war zu jener Zeit Ken Mehlman, der zwei Jahre später Bushs Wahlkampfchef wurde und inzwischen zum Chef der Republikanischen Partei aufgerückt ist. Dieser Mr. Mehlman kann sich genau erinnern. Bei den Anrufen sei es immer um die Wahl gegangen, nie um die Telefon-Blockade. Davon habe er nichts gewusst. Die Frequenz der Anrufe sei ganz normal bei so einer knappen Entscheidung. Ken Mehlman scheint überdies ein großzügiger Mann zu sein. Als Parteichef hat er James Tobin, jenem Angeklagten, der in dieser Woche verurteilt wurde, drei Millionen Dollar Anwaltshonorare gezahlt, freiwillig – obwohl die Bundespartei doch eigentlich mit dem Betrug in New Hampshire gar nicht zu tun gehabt haben will. Übernimmt die Bundespartei für jeden verrückten oder kriminellen Aktivisten im Land die Anwaltskosten?

Auch die Finanzierung der Telefonblockade wirft Fragen auf. Sie kostete 15.600 Dollar. Zufällig gingen bei der Republikanischen Partei von New Hampshire kurz vor der Wahl drei Spenden über je 5000 Dollar ein. Sie stammten nicht von Spendern aus der Region, sondern aus der nationalen Partei. Eine stammt vom politischen Komitee des damaligen Mehrheitsführers im Abgeordnetenhaus, Tom DeLay, gegen den inzwischen wegen seiner freihändigen Methoden in Texas ermittelt wird.

Noch kurioser sind die anderen beiden Spenden. Sie stammen von den Cahuilla- und den Choctaw-Indianern aus Mississippi. Fragt sich, was deren Interesse an der Wahl in New Hampshire war. Es gibt dort nicht einmal einen amtlich anerkannten Indianerstamm und deshalb auch kein Indianer-Casino. Allerdings waren die beiden Stämme Klienten jenes republikanischen Lobbyisten Jack Abramoff, der inzwischen in Washington der Bestechung verdächtigt wird und Zentralfigur im republikanischen Finanzskandal ist. Kann es Zufall sein, dass sich die Dunkelmänner der Republikaner in Washington gemeinsam für die Wahl in New Hampshire interessierten?

Natürlich kann das sein. Alles ist möglich. Wahrscheinlich ist es nicht. Bloß reicht Wahrscheinlichkeit nicht aus. Niemand weiß, ob dieser Skandal eine Fortsetzung haben wird.

 
Leser-Kommentare
  1. 19. Mai 2006

    ............ warum "Dummes Zeug"? {Wir geben uns Muehe, hoeflich zu bleiben.]

    Warum muss man immer mal richtig staunen, mehr wenn man Leser Kommentare in der ZEIT liest als anderswo, nicht mal anderswo in Guderjan's/Ihrem Land in den Zeitschriften, die er wie wohl alle ZEIT Leser/Leserinnen als "weniger ernst" beschreiben.

    Jemand (ich kann mich nicht gleich erinnern, wer es war) hat mal erzaehlt, dass er gerne Maerchen gelesen hat und sich freute, ueberhaupt ueberrascht zu werden. Deshalb wartete er mit Spannung immer auf die naechste Zeitung.

    Deshalb/trotzdem: Warum wundern wir uns jetzt wieder einmal so ausserordentlich ueber den Kommentar des "Guderjan", seine Schlagzeile?

    Natuerlich wissen wir (wie er), dass automatisch das Recht zum Waehlen nicht ein Land in eine Demokratie (wie wir und Sie sich es uns vorstellen wollen) macht. Aber wir sind uns sicher, dass wir verstehen, was Guderjan damit meint.

    Als Clinton unser President war, hatte die Haelfte unserer Familie fuer ihn die Stimme abgegeben. Wohl ueberraschender (fuer Sie?) Weise: Die "republikanische" Haelfte, die sich auch vier Jahre spaeter fuer seinen Vice-Presidenten entschied(!), obwohl in der zweiten Wahl, wir zusammen George Bush gewaehlt haben, und nicht nur weil wir ZEIT und SPIEGEL lesen. Und das naeschste Mal, beide die republikanische und demokratische Haelte den Demokraten waehlen werden. (Acht Jahre sind meistens genug.)

    "Republikaner sind keine Demokraten." Man koennte lachen, wenn es nicht so laecherlich waere. Dass die Haelfte unserer Familie nicht demokratisch ist, kommt uns mehr als eine komische, wenn nicht voellig dumme Vorstellung vor. Es wuerde sogar unseren Barbara's, Boxer und Steisand, zum Beispiel als "zuviel" (so sehr uebertrieben) erscheinen, dass sie diesen "slogan" nicht mal in einer Wahl benutzen werden.

    Wir koennen nur sagen: "Nur in Deutschland!"............

    Komisch, dass diese Schlagzeile dieses Wortschmiedes gerade von dort kommt. Schreibt dieser Leser so etwas, weil man sich entschlossen hat, an die vergangene Zeit zu denken oder nicht, oder sie mit Absicht voellig zu vergessen?

    Es ist nicht noetig, uns immer wieder zu ueberzeugen (mit Herrn Kleine-Brockhoff's Hilfe, obwohl dieser und sein letzter Artikel gute, tatsaechliche Berichte, nicht reine Kommentare waren, obwohl er sich die Ereignisse heraussucht, die ihm gut dienen)), dass (bei Ihnen) sich wenig seit den dreissiger Jahren geaendert hat. Wir glauben es schon! Ohne Ihre Hilfe, Herr Leser "Guderjan".

    Hier und anderswo haben wir versucht, Sie (wenigstens und vor allem die Leute, die diese "ernste" Zeitschrift, die ZEIT, aufmerksam lesen) zu ueberzeugen, dass es Ihre und unsere Arbeit und Zeit wert ist, nun da wir verschiedene Wege gehen, uns genug zu verstehen, nicht wieder an der Stelle anzukommen, wenn wir Feinde sind (mit Gewehren in der Hand?).

    Frau Merkel versucht es. Wir sind froh, dass sie Ihr Kanzler fuer ein paar Jahre ist. (Was uns gut passen wird).

    Aber wir verstehen, dass Ihr Herr Schroeder Sie besser vertreten hat, besser ausdrueckte (wie wir immer noch in den ZEIT-Leserbriefen lesen) was in Ihrem Sinn lag, nicht nur seit Reagan Ihnen die Pershings aufhalsen wollte, sondern seit (1945) als "Ami Go Home" ein Begriff wurde.

    Wir alle verdienen die Regierungen, die wir haben. Und das naechste Mal werden wir wohl einen "guten" Demokraten waehlen, der Ihnen besser gefallen wird. Bis es Ihnen einfaellt, dass es Clinton war, der sich von Ihnen spaltete (Sie erinnern sich doch an das Gericht in denHaag und an Kyoto? auf Druck der hiesigen Bevoelkerung) und dass dieser naechster President sich Beziehungen mit Europa weniger anders vorstellen wird als Rumsfeld heutzutage (obwohl natuerlich sie/er andere Ausdruecke verwenden wird).

    Wie ich es oft geschrieben habe in anderen Zusammenhaengen, Herr Schroeder hat nicht nur Sie von uns befreit. Er hat auch uns jede Verantwortung fuer Europa entnommen, ein Geschenk fuer das wir dankbar sind.

    Trotzdem glaube ich nicht, dass er [Schroeder] uns in Feinde verwandeln wollte. [Oder wenn er es wollte, es Ihm noch nicht gelungen ist.]

    Mit freundlichen Gruessen (hoffentlich bleibt es so eine Weile mehr),

    Susie und John Gerbeth
    Worcester, NY

  2. Nicht jedem ist wichtig, dass die politischen Entscheidungen dem Willen des Volkes entsprechen. Den meisten ist doch wichtig, dass sie dem eigenen Willen entsprechen. Demokraten akzeptieren Entscheidungen, die sie für falsch halten, wenn sie dem Mehrheitswillen entsprechen. Aber wer ist schon ein richtiger Demokrat? Die Wenigsten.

    Helmut Kohl fand er täte das Beste für sein Land, wenn er tut was der CDU gut tut. Menschen, die seine Politik für falsch hielten, waren für ihn schonmal "rotlackierte Faschisten". An illegalen Spenden für die CDU Deutschlands fand er nichts schlimmes. Schliesslich kann es dem Land nur gut gehen, wenn es der CDU gu geht. Richtig?

    • vdh
    • 19.05.2006 um 8:40 Uhr

    Weil die Republikaner so dumm sind, wie sie sind, ist ihnen auch jede Dummheit zuzutrauen. Unter dem Strich war Watergate doch eine peinliche Dummheit, kaum mehr, die aber -dem Schicksal sei Dank -
    die Dummerhjahns von der politischen Bühne fegte, manche sogar into prison.
    Hier wird es kaum anders sein: die neunmalklugen Karl Rove & Consorten werden sich hoffentlich bald verantworten müssen.
    Es sei denn, die Demokraten verharren weiter im Tiefschlaf! Mit Kickboxen wäre einem Muhammed Ali nicht beizukommen gewesen...

  3. "Der Zweck heiligt das Mittel". In bigotten Regierungssystemen ist nicht die Meinung des Volkes, sondern die Macht über das Volk und dessen Blutopfer gefragt. Und "heilig" ist hier wie dort - Ost wie West - Nord wie Süd eigentlich so ziemlich nichts mehr. Schade!

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