Kulturkampf Wem gehört der Jazz?
Erstmals eine europäische Gruppe auf der Titelseite von „Downbeat“: Amerikas Musiker sind schockiert. Manche spotten noch, andere rüsten schon zum Kampf gegen die Invasion aus der alten Welt. – Ein Bericht samt Audio-Interview
Das einflussreichste Jazzmagazin der Welt traut sich: Nach über 70 Jahren ist zum ersten Mal eine europäische Band auf der Titelseite von Downbeat abgebildet. Keine Angst!, schreibt Chefredakteur Jason Koransky, es gehe jetzt nicht darum, die Europäer über die Amerikaner zu stellen. Das schwedische Esbjörn Svensson Trio habe mit instrumentaler Jazzmusik in Europa mittlerweile Pop-Status erreicht und stehe kurz davor, den amerikanischen Markt zu erobern. Da könne man die Augen nicht mehr verschließen. Koransky rechnet nun mit einer wilden Debatte. Und er wird wohl Recht behalten.
Das Downbeat- Cover und das neue Buch des englischen Journalisten Stuart Nicholson Is Jazz Dead? (Or has it moved to a new address) fachen einen Streit an, der schon länger schwelt. Müll!, rief der schwarze Jazzpublizist Stanley Crouch vor drei Jahren, als Stuart Nicholson seine These von der neuen europäischen Jazzmacht zum ersten Mal in der New York Times vorgestellt hatte.
Ich kritisierte die Rock´n´Roll-Orientierung jener weißen Kritiker, die Identität über Rebellion herstellen wollen, sagt Crouch. Sie suggerieren, dass Rebellion grundsätzlich eine gute Sache ist. Früher setzten sie sich gegen das rassistische Amerika ein, sie umarmten schwarze Künstler, gemischte Bands und eine Musik, die im weißen Amerika keine Chance bekam. Doch in jüngster Zeit scheinen sich mir diese Kritiker gegen die Negro-Ästhetik selbst verschworen zu haben. Nun diskutieren sie, ob es auch möglich ist, gegen die ästhetischen Grundlagen des Jazz, die von den Schwarzen erfunden wurden, zu rebellieren. Stuart Nicholson sagt dann also, dass der spannendste Jazz heute von Europäern gespielt wird. Eine solche Behauptung ist doch wirklich Müll.
Dass Downbeat das schwedische Trio mit der Schlagzeile Europe Invades! auf die Titelseite hob, wird von vielen als Provokation empfunden. Der Trompeter Wallace Roney versteht die Geschichte als regelrechten Angriff. Kreative schwarze Jazzmusiker würden heute von der einflussreichen, von Weißen dominierten Jazzpresse Amerikas ignoriert, sagt er. Zur gleichen Zeit würden junge weiße amerikanische und jetzt auch europäische Musiker als Erneuerer gefeiert.
Auch der Saxofonist Branford Marsalis, der seine CDs für das eigene Label Marsalis Music aufnimmt, sieht seine Musik in einer schwierigen Situation. Die Plattenverkäufe stagnierten, und die Konzerte seien schlecht besucht. Kein Wunder, dass man da sehr empfindlich auf die Entdeckung Europas reagiere: Jazz ist die Sprache eines Volkes. Diese Musik kommt aus der Sklavenerfahrung in den USA, vom Blues, der Erfahrung, im Süden der USA aufzuwachsen, der schwarzen Kirche. Ich habe überhaupt nichts gegen norwegische Folklore, aber ich habe auch keine Ambitionen, mein Amerikanersein in die klassische Musik zu integrieren. Ich verstehe nicht, dass Europäer denken, sie müssten etwas Europäisches in den Jazz integrieren. Das ist doch eine völlig verquere Haltung. Dieser Denkansatz scheint mir vor allem sehr hegemonial zu sein.
Der Pianist Esbjörn Svensson, dessen Trio auf dem Downbeat- Cover zu sehen ist, kontert: Wir brauchen die Mainstream-Amerikaner nicht mehr auf den europäischen Festivals wir haben alles gehört. Jetzt sollten kreative Musiker aus Europa und meinetwegen auch aus den Vereinigten Staaten zu hören sein. Die Frage, die Branford Marsalis aufwirft, verstehe ich nicht. Wer will denn die Linie ziehen also wer will bestimmen, was Jazz und was kein Jazz mehr ist. Er will offenbar nicht, dass sich die Musik weiterentwickelt. Alles soll wohl so bleiben, wie es ist. Es geht also um Kontrolle. Und wie nennt man dann das Neue? Also für mich funktioniert das so nicht. Die frischen Impulse kommen aus einer anderen Richtung. Bei den Festivals in Montreux und Den Haag trifft man mehr und mehr Pop-Gruppen, die ganz scharf darauf sind, endlich einmal auf einem Jazzfestival spielen zu dürfen. Das verstehen sie als Anerkennung.
- Datum 24.05.2006 - 10:26 Uhr
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Was die afroamerikanischen Kritiker von sich geben ist doch glatter Musikfaschismus! Auch wenn sich das "Schwarze" Amerika, seit eh und je vom "Weißen" in den meisten Lebensbereichen unterdrückt und diskriminiert, sich mühevoll über Jahrzehnte hinweg eine Dominanz in dieser bedeutugnsvollen Nische amerikanischer Musikkultur erarbeitet hat und diesen heiligen Gral verständlicherweise nicht auch noch von der "weißen" Welt einverleibt sehen will, sind die hier zu lesenden Äußerungen schockierend. Musikern aufgrund von Herkunft, Hautfarbe und Vergangenheit gar das "Potential" absprechen zu wollen, einen Musikstil auch nur spielen, interpretieren, geschweige denn weiterentwickeln zu können, ist radikal und rassistisch, andere Worte kann ich dazu einfach nicht finden. Hoffentlich sprechen jene opinion-leaders nicht wirklich für die afroamerikanische Jazzszene, denn was da im 20 Jhdt. an Blues und Jazz fabriziert wurde war famos, ein wesentliches Stück amerikanischer Hochkultur wenn man so will. Hoffentlich geht das auch in Zukunft so weiter, inspiriert durch "globale" Einflüsse von Musikern aus aller Welt jenseits der USA, die diese Musik ebenso lieben und oft auch bereichern.
Man möchte Esbjörn Svensson wohl Recht geben, mit dem was er schreibt. Aber das Phänomen, dass sich immer mehr Popgruppen auf Jazzfestivals tummeln, sollte man allerdings etwas kritischer beleuchten. Meistens handelt es sich um Rock- oder Bluesbands, die ihre beste Zeit schon hinter sich haben oder die sich nach längerer Zeit wieder zusamenfinden. Außerhalb des Rahmens eines Jazz-Festivals würden sie keine Hallen mehr voll kriegen. So ist es allein schon finanziell lukrativ, bei Jazz-Festivals aufzutreten.
Außerdem erhält ihre Musik, wenn sie mit dem Label "Jazz" versehen wird, nachträglich einen "seriösen" Anstrich.
Das mittlerweile solche Bands die Top-Acts bei vielen Provinz-Jazzfestivals sind, ist nicht besonders gut.
Man muss im übrigen auch kein Jazz-Purist sein, um zu bemerken, dass vieles, was mittlerweile unter Jazz läuft, reine Popmusik ist (Norah Jones, Rebekka Bakken).
Marsalis, Gralshüter der wahren lehre, out wieder mal sein Verstädnis von Musik:
"Ich verstehe nicht, dass Europäer denken, sie müssten etwas Europäisches in den Jazz integrieren. Das ist doch eine völlig verquere Haltung. Dieser Denkansatz scheint mir vor allem sehr hegemonial zu sein.
Er hätte Politiker werden sollen. Was aber hat das Statement mit Musik, mit lebender Musik zu tun?
Musik hat immer davon gelebt, auf Entdeckungsreise zu gehen und mitzunehmen, was interessant und bereichernd ist. Als Museumsstück hat sie noch nie getaugt.
Kein Wunder, dass mit so einer Einstellung Wyntons und Brandfords Konzerte schlecht besucht sind.
Hätte er mal zu einem der über 90 The Way UP Konzerte der Pat Metheny Group gehen sollen, die allesamt ausverkauft waren, auf dem ganzen Globus, und die überall standing ovations feierten.
Und warum?
Weil Lyle Mays und Pat Metheny ein 60 minütiges Stück durchkomponiert haben mit sehr klassischen Kompositionstechniken wie Kontrapunkt, Erweiterung, Durchführung, tonaler und metrischer Modulation, und dies u.a. in Musikformen des Blues, des südamerikanischen Samba usw. durchgeführt haben. Und weil das eine Band aufgeführt hat, die in, wie man so sagt, protestantischer Arbeitsethik nur die beste Qualität abliefern mag, und die, um diese Qualität zu erreichen, erst dann nach vorne kommt, wenn sie der Meinung ist, dass wirklich alles passt.
Was soll diese alberne Aufrechnung, das ist amerikanisch, das eist europäisch?
Wenn man mit dem Niveau des Esbjörn Svensson Trios zufrieden ist und es einem egal ist, ob an einem CD-Kauf oder Konzertbesuch existenziell bedrohte afro-amerikanische Musiker verdienen oder gut situierte Leute, dann erübrigt sich die Schwarz/Weiß-Frage. Weil die allermeisten Hörer keine Zeit, keine Energie bzw. kein Interesse für eine tiefer gehende Beschäftigung mit Jazz haben, ist die Globalisierung praktisch schon erfolgt. Aber Globalisierung erfreut ja nicht alle, vor allem nicht jene, die die Dinge gerne differenzierter sehen, und dazu gehört wohl auch so mancher Jazz-Freund.
Ich hab mir gerade Hörproben vom Esbjörn Svensson Trio auf folgender Internetseite angehört: [Link gelöscht, Die Redaktion]
Vom 3. Stück (Happy Heads and Crazy Feds) hört man einen Ausschnitt eines Klavier-Solos: das ist peinliches Geklimper! Ohne Rhythmusgefühl und ohne Gespür für eine melodische Gestaltung auf Jazz-Niveau. Man nimmt das vielleicht erst wahr, wenn man lange richtigen Jazz gehört hat. Und genau das scheint das Problem zu sein: Wenn man mit Jazz-Qualität nicht vertraut ist, geht sie einem nicht ab und dann kann einem alles als Jazz verkauft werden die ganze Globalisierung, eine Menge bunter, mitunter guter Dinge. Denn gewiss nicht jede gute Musik muss Jazz-Qualität haben.
Aber wenn man eine Zuneigung zu jener speziellen Art entwickelt hat, in der sich Louis Armstrong, Charlie Parker, Thelonious Monk, Miles Davis, John Coltrane usw. ausgedrückt haben, dann genügt einem Jan Garbarek, Nils Petter Molvaer, Louis Sclavis usw. nicht, auch nicht Pat Metheny und Brad Mehldau. Man wird sich vielleicht auch nicht mit Wynton Marsalis begnügen, doch ist unbestreitbar, dass kein Europäer in der Mainstream-Stilistik neben ihm bestehen kann und Mainstream ist immerhin eine gehörige Menge an Dingen, die sich tatsächlich bewährt haben. John Zorn (!) über ihn: Vieles von dem, was Wynton anpackt, ist großartig. Dieses Solo auf Citizen Tain hast du das mal gehört? Thats fucking smokin! Der kann sich den Arsch abspielen. (JazzThing Nr. 31). Hier ist ein Ausschnitt zu hören:
http://www.allmusic.com/c...
Erstes Stück (The Impaler).
Die CD ist unter dem Namen des Schlagzeugers Jeff Tain Watts erschienen: Kein Europäer kann in dieser Jazz-Schlagzeug-Kunst auch nur annähernd mit ihm mithalten. Warum engagiert Barbara Dennerlein den afro-amerikanischen Schlagzeuger Dennis Chambers, Till Brönner den Afro-Amerikaner Gene Lake usw.? Und warum spielen diese Meister hier mit und nicht in eigenen Projekten? Weil sie das Geld brauchen!
Warum engagiert die deutsche hr-Big Band den afro-amerikanischen Greg Osby als Solisten, wenn sie die Musik von Ornette Coleman spielt? Weil es in Europa nicht einen auch nur annähernd mit ihm vergleichbaren Jazz-Improvisator gibt. Diese Musik interessiert mich dennoch nicht, weil ich Colemans Kompositionen von ihm selbst gespielt hören will und Greg Osby mit seiner Musik. Aber Osby braucht diese Jobs, weil seine eigene ausgezeichnete und neuartige Musik allein offenbar nicht genug abwirft.
Es ist keineswegs so (wie manche Jazz-Journalisten glauben machen wollen), dass es zum Wynton-Marsalis-Traditionalismus, zum europäischen (Post)-Free-Jazz und zum globalisierten (Pop)-Jazz keine Alternative gäbe. Z.B. gibt es Greg Osby CDs Channel Three, Inner Circle, Symbols Of Light, Zero usw.: Das ist kein avantgardistisches Gequäke, Gehupe und Gedröhne, kein postmodernes Zusammenstoppeln von Versatzstücken vom Müllhaufen der Musikindustrie! Sondern einfach sehr guter, kreativer JAZZ, mit eigenem Stil, rhythmisch, mit guten Sounds schwierig, ja! War moderner Jazz in seiner Zeit jemals anders?
Und wenn man zu einer wirklich großen Reise in den Jazz der Gegenwart bereit ist: Steve Coleman! Z.B.: die neue CD Weaving Symbolics, siehe
[Links gelöscht, Die Redaktion]
Diese Musik-Journalisten leben von den Jazz-Streits: Marsalis gegen die Avantgarde, Schwarz gegen Weiß, Amerika gegen Europa.
Z.B. hat Christian Broecking (der Autor dieses Zeit-Artikels) Steve Coleman als prominenten Marsalis-Widersacher aus den Tagen des großen Streits bezeichnet (Die Tageszeitung vom 19.2.2003). Dabei sagte Steve Coleman im Interview, das Broecking selbst in seinem Buch Respekt! wiedergab: Ich kann natürlich nicht mit allem übereinstimmen, was Wynton Marsalis sagt. Aber ich halte ihn für ernsthaft und ehrlich. Steve Coleman hat auf seiner Homepage auch einen Link zur Marsalis-Seite!
Das rigide, extrem kommerz-orientierte Klima in den USA ist Gift für den Jazz. Greg Osby: Der Jazz braucht ... eine Veränderung des gesellschaftlichen Klimas. ... Ich kenne eine ganze Reihe kreativer junger Musiker, die mit ganz unglaublichen Projekten an den Start gehen werden, wenn diese ganze Fixierung auf den 11. September und den Krieg endlich vorüber ist. (JazzThing Nr.50). Der Krieg allein ist es allerdings wohl nicht!
Auch in Europa werden die öffentlichen Gelder für den Jazz immer knapper. Man leistet sich immer weniger, die (Afro)-Amerikaner einzuladen und hebt stattdessen die heimischen Musiker empor mit ständigen Preisverleihungen usw.. Das trifft sich gut mit einem anderen Problem: Es gibt mehr heimische Jazz-Musiker als je zu vor, viel zu viele, während die Zahl der Hörer stagniert und sie zunehmend älter werden. Bei dem Gedrängel hört sich die Freundschaft mit den Afro-Amerikanern auf.
Diese Freundschaft ist meines Erachtens aber in Wahrheit immer noch der bedeutendste Beitrag der Europäer zum Jazz: Wir haben die Jazz-Meister erkannt, eingeladen, bewirtet und ihnen die Anerkennung gegeben, die man ihnen in den USA schuldig geblieben ist. Durch diese Freundschaft haben wir ihnen ein gutes Stück Kraft zurückgegeben, die wir durch ihre Musik empfangen haben. Zum Jazz gehört in meinen Augen auch, dass man sie ein bisschen liebt, ohne dem geht es nicht.
Darum ist es mir nicht egal, wenn Europa die Türen verschließt und vielen afro-amerikanischen Musikern damit die letzten Perspektiven entzieht. Und wir verlieren auch: die Öffnung zu einer andersartigen Kultur, die viel an Lebendigkeit in unsere stickige Atmosphäre gebracht hat.
Dieses europäische Gedränge auf den Jazz-Markt, diese Globalisierungs-Reden usw., das alles kann ich daher nicht mehr hören und ich mag diese nach vorne drängenden Musiker nicht und kauf mir schon deshalb nichts von ihnen. Und jedes Mal, wenn ich aufgrund von besonders großen Worten in eines ihrer Werke hineinhöre (wie jetzt in die Esbjörn-Svensson-Trio-CD), dann bin ich überrascht, wie sehr ich nichts versäume.
Chic Corea sagte einmal, es gäbe nur zwei Arten von Musik, gute und schlechte. Die Unterscheidung nach Jazz und Klassik usw. sei vielleicht für Plattenläden sinnvoll, sonst aber nicht.
Wenn David Murray sagt, er wisse nicht, was für eine Musik man erhalte, wenn man den Blues und den Gospel aus dem Jazz herausnähme, drängt sich die Gegenfrage auf: Ist das wichtig?
Wichtig ist, das ich weiß, wo sie gespielt wird, wenn ich sie hören will. Und wenn in dem Festivalnamen das Wort "Jazz" vorkommt, na und? Es kommt doch nicht auf das Etikett an, sondern darauf, ob die Musik etwas zu sagen hat, egal, ob mit oder ohne blue notes.
Es ist ein wenig wie bei der Diskussion über das Reinheitsgebot für deutsches Bier. Das Reinheitsgebot fiel, die Welt ging nicht unter, und es gibt immer noch Bier, das nach dem Reinheitsgebot hergestellt wird. Es gibt aber auch anderes.
Jetzt höre ich erstmal Bobo Stenson...
Ich hab einen sorgfältig durchdachten Kommentar geschrieben, um die Seite der afro-amerikanischen Musiker zu vertreten, deren Existenz durch diesen Kampf um das Jazz-Geschäft bedroht ist. Ich wüsste beim besten Willen nicht, was an meinem Kommentar nicht in Ordnung gewesen sein sollte. Trotzdem ist er einfach wieder entfernt worden.
Sind hier in der Zeit (die zumindest früher das demokratische Prinzip hoch hielt) nur zustimmende Kommentare erwünscht?
Der Link in dem Artikel führt tatsächlich auf die Titelseite des Downbeat-Magazins. Allerdings ist darauf Charles LLoyd zu sehen und nicht Esbjörn Svensson.
Schön wäre es auch, wenn sie schon auffordern, Kommentare zu schreiben, diese dann auch zu veröffentlichen!!
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