Das Thema Dienstleistungsfreiheit klingt spröde. Aber es birgt reichlich Sprengstoff, nicht nur für die betroffenen Unternehmen wie Handwerksbetriebe, Werber oder Pflegedienste und ihre Beschäftigten. Die Idee der EU-Kommission war ursprünglich, die nationalen Märkte für Dienstleistungen aller Art für Anbieter aus den anderen Mitgliedsländern zu öffnen, ähnlich wie bei Gütern und Kapitalleistungen. Doch bei Gewerkschaften und Handwerksverbänden, vor allem in Deutschland und Frankreich rief das gewaltige Ängste hervor. Die Furcht: Billiganbieter aus den neuen Mitgliedsstaaten in Osteuropa könnten in Westeuropa den etablierten Firmen Konkurrenz machen, Preis- und Lohndumping auslösen und Arbeitsplätze vernichten.

Denn nach den Brüsseler Plänen sollte, um grenzüberschreitende bürokratische Fesseln zu beseitigen, das so genannte Herkunftslandprinzip gelten. Unternehmen hätten dann, wenn sie ihre Dienste in einem anderen EU-Land anbieten möchten, dort nicht mehr eigens einen Gewerbeschein beantragen und sämtliche Arbeits-, Sozial,- Unfallschutz- und Umweltvorschriften des jeweiligen Gastlandes beachten müssen. Stattdessen sollten für sie eben im Grundsatz die Gesetze und Regeln ihre Heimatlandes gelten – und damit gegebenenfalls auch die dortigen niedrigeren Löhne. Die EU-Kommission versprach sich davon eine kräftige Belebung des im Vergleich etwa zu den USA unterentwickelten europäischen Dienstleistungsmarktes und damit Hunderttausende neue Arbeitsplätze.

Am Ende blieb von den hochtrabenden Plänen nicht viel übrig. Nach jahrelangen Verhandlungen, Einsprüchen aus Berlin und Paris und des Europäischen Parlaments einigten sich die zuständigen Minister stattdessen auf einen Kompromiss, der nur wenig Freiheit für die Dienstleister erlaubt und die nationalen Schutzzäune im Wesentlichen bestehen lässt. Die Bewertung in den deutschen Medien ist entsprechend höchst unterschiedlich – je nach Interessenlage und Standpunkt.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung sieht die Vereinbarung aus der Sicht der Wirtschaft äußerst kritisch: "In der Tat schien es lange so, als werde die Richtlinie geopfert, um der in den alten EU-Staaten verbreiteten Angst vor dem Wettbewerb aus Osteuropa zu begegnen. Daraus jedoch zu schließen, diese Einigung sei ein Erfolg, wäre falsch. So ist die Einigung vor allem ein weiteres Symbol für den Unwillen, die Europäische Union wettbewerbsfähiger zu gestalten."

Noch schärfer urteilt naturgemäß das Handelsblatt : "Anders als beim Binnenmarkt für Güter, der eine Aufbruchstimmung auslöste, hat die EU bei den Dienstleistungen kleinmütig eine Chance für mehr wirtschaftliches Wachstum vertan. Die Verantwortung dafür trägt in erster Linie die EU-Kommission. Ihr ursprünglicher Richtlinienentwurf war so kompliziert, dass ihn selbst Experten kaum verstanden. Die Gegner offener Dienstleistungsmärkte etwa in den Gewerkschaften konnten die Bürger für ihren Widerstand gegen vermeintliches Lohn- und Sozialdumping gewinnen. Obwohl sachlich falsch, weil das Liberalisierungsvorhaben das nationale Arbeitsrecht gar nicht berührte, verhinderte der Vorwurf eine Debatte über die Chancen offener Märkte."

Die Neue Osnabrücker Zeitung weist auf die negativen Folgen des "unlogischen Kompromisses" auch für deutsche Dienstleister hin: "Der Kompromiss sorgt nicht mal für weniger Bürokratie. Wer im Ausland tätig sein will, muss die dortigen Regeln befolgen - als Folge davon, dass das Herkunftslandprinzip gestrichen ist. Auch deutsche Dienstleister werden so behindert, sofern sie überhaupt expandieren dürfen und nicht auf Grund nationaler Ausnahmen, die sie zunächst kennen müssen, doch außen vor bleiben. So reduziert sich die Relevanz der Richtlinie teilweise darauf, die Handlungsfähigkeit der EU bewiesen und Skeptikern nicht noch mehr Futter geliefert zu haben. Grund zum Feiern ist das nicht."