Trotz einiger Erholungsversuche scheint die Lage an der Börse im Augenblick recht trostlos zu sein. Nur wer die alte Regel Sell in may and go away ernst genommen hat, ist fein raus. Er hat die schönen Gewinne der ersten vier Monate eingesteckt und kann sich nun zurücklehnen und die Weltmeisterschaft genießen. Die anderen aber können nur beten, dass die Schwäche an der Börse keine allzu lange ist. Und vor allem, dass Jens Lehmann bei der WM nicht wieder den Fuß des Gegners mit dem Ball verwechselt. Denn wenn wir verlieren, dann könnte es erst recht abwärts gehen mit den Kursen.

Zwischen Fußball und Börse scheinen Zusammenhänge zu bestehen, die wir bisher nie zu ahnen gewagt hätten. Eine ganz seriöse Untersuchung, die die Wissenschaftler Aley Edmans, Diego Garcia und Oyvind Norli in Großbritannien veröffentlicht haben, belegt einwandfrei, dass Misserfolge der Nationalmannschaft einen Einfluss auf die Börsenkurse haben.

1100 Spiele haben die drei ausgewertet. Siege, so haben sie ermittelt, und mögen sie noch so grandios gewesen sein, schlagen sich kaum an der Börse nieder. Niederlagen jedoch haben am Tag danach zu spürbaren Kursabschlägen geführt. Und der Grund dafür war nicht etwa, dass die Anleger nüchtern die volkswirtschaftlichen Verluste der Niederlagen kalkuliert hätten – Einbußen beim Handel mit Fanartikeln, Alkohol, Sex und so weiter. Der Grund scheint rein psychologischer Natur zu sein.

Nun haben Börse und Fußball sicherlich vieles miteinander gemein. Auch die Börse ist in Wahrheit ja nichts anderes als ein Spielfeld, auf dem sich Käufer und Verkäufer einen erbitterten Fight liefern. Schon für Friedrich Nietzsche, dem vielleicht genialsten, aber auch umstrittensten Geist, den deutsches Denken je hervorgebracht hat, war das Börsenparkett eine Art Schlachtfeld, auf dem Kämpfe ausgetragen werden, die so heftig sind, als ginge es ums Überleben. Ganz so wie in der Arena auf Schalke. Und Börsengewinnler empfinden sich nach dieser Theorie als bullenstarke Sieger, weil sie es den Schwächlingen gezeigt haben. Genau wie die Hooligans in der Ostkurve, wenn die Hertha den Bayern die Lederhosen auszieht.

Allein die Tatsache, dass an der Börse die gleichen Urinstinkte am Werke sind wie in den Fußballstadien, erklärt freilich noch nicht, weshalb die Aktien purzeln, wenn das Nationalteam versagt. Dabei ist die Antwort ganz banal: Stimmungen und Gefühle schlagen auf die Börsenkurse durch. Normalerweise gleichen sich die Gemütszustände der Aktionäre aus – die einen sind gut drauf, die anderen depri. Doch nach einem verlorenen Match überwiegt die Niedergeschlagenheit. Und die zeigt sich in den Kursen. Genauso, wie manchmal auch schlechtes Wetter auf die Kurse drückt.

Die Börse ist eben eine sehr esoterische Veranstaltung. Wirtschaftliche oder betriebswirtschaftliche Fakten bestimmen nur zu einem Teil die Entwicklung der Kurse. Vermutlich ist weit weniger als die Hälfte der Kursbewegungen auf Neuigkeiten aus den Unternehmen oder den ökonomischen Rahmenbedingungen zurückzuführen. Harte Fakten, die wirklich die Neubewertung einer Aktie rechtfertigen, gibt es viel zu selten.