Medien Bumm Bumm BILD
Von Rudi-Riese zu Grinsi-Klinsi ist es nur ein kleiner Schritt für die BILD-ZEITUNG. Die offene Feindschaft zwischen dem Boulevardblatt und Bundestrainer Jürgen Klinsmann gipfelte in einer Kampagne, wie man sie zuletzt gegen Berti Vogts erlebt hatte. Warum ist der Streit gerade jetzt eskaliert?
Wer verstehen will, warum die Bild-Zeitung seit Monaten eine Kampagne gegen Bundestrainer Jürgen Klinsmann fährt, muss bis in das Jahr 1984 zurück. Am 26. Juni trat Jupp Derwall nach einer verkorksten Europameisterschaft in Frankreich als erster Cheftrainer der DFB-Geschichte zurück. Franz Beckenbauer war als Bild-Kolumnist dabei und haute Derwall in die Pfanne. Beckenbauers Kolumnen schrieb Walter M. Straten. Heute ist der Autor Straten immer vorne dran, wenn es gilt, Klinsmann eins auszuwischen. Neben Straten kümmerte sich Mit te der 80er Jahre Raimund Hinko um Beckenbauer, heute bei Sport-Bild und in tiefer Liebe dem FC Bayern München und Oliver Kahn und in ebensolcher Abneigung Klinsmann verbunden.
Jeder wichtige deutsche Nationalspieler hat bei Bild einen speziellen, für ihn zuständigen Redakteur. Der ist Ansprechpartner, Kummerkasten, Image-Schöpfer, Helfer in der Not und Verkäufer, wenn es, wie bei Stefan Effenberg, gilt, ein Buch loszuschlagen. Der Spieler gibt Infos, der Bild-Redakteur nimmt, der Bild-Redakteur gibt gute Spielnoten, der Nationalspieler nimmt und steigert so seinen Marktwert, erhält bessere Verträge. Der Bild-Redakteur steigt mit auf und weiß mehr als die Konkurrenz.
Bild lebte viele Jahre lang gut von diesem Tausch. Es entwickelte sich eine tragfähige Form der Kumpanei. Nach dem EM-Aus in Frankreich saßen in trauter Runde im Hotel Henri IV. in Saint-Germain-en-Laye unter anderem Jörg Hüls, damals Bild-Sportchef, Nachfolger Alfred Draxler, Bild-Kolumnist Max Merkel und Beckenbauer zusammen. Es ging um Derwalls Nachfolger. In seiner Beckenbauer-Biografie beschreibt Torsten Körner die Szene: Namen schwirrten durch den Raum, das Für und Wider wurde jedes Mal mit ernsthafter Miene abgewogen, bis endlich Jörg Hüls Franz Beckenbauer ansah: ,Mach du es, Franz! Beckenbauer lehnte ab: ,Seids ihr narrisch geworden? Aber es war bereits zu spät zum Entkommen, und die anderen redeten so lange auf Beckenbauer ein, bis er, leicht ermüdet, eine sehr verhaltene und vorsichtig formulierte Bereitschaft erkennen ließ. Am nächsten Tag, dem 22. Juni, brüllte Bild auf Seite eins: Derwall vorbei Franz: Bin bereit. So bereit war Beckenbauer gar nicht. Also wurde Deutschland 1990 dank Bild Weltmeister. Seitdem will die Zeitung nicht nur Bundestrainer aus dem, sondern auch ins Amt schreiben. Schon während Derwalls Amtszeit hatte Bild einen Kandidaten des eigenen Hauses angepriesen. Zwar war Max Merkel als Trainer umstritten, doch er war dem Springer-Blatt verpflichtet. Und nur das zählt. Bild ist treu, kämpft für seine Leute und gegen deren Gegner. Bild hat ein gutes Gedächtnis für Freunde und Feinde.
Berti Vogts, der Nachfolger Franz Beckenbauers, war ein Feind. Er machte mit der unter Beckenbauer stets üblichen Vorzugsbehandlung des Bild-Blattes Schluss. Bild verpasste Vogts dafür ein Image: fleißig, brav, bieder, grau, kämpferisch, langweilig. Mit der Wirklichkeit hat das so wenig zu tun wie Beckenbauers auch von Bild erfundenes Image als Lichtgestalt. So wird der eine hoch- und der andere heruntergeschrieben, je nachdem, wer Bild passt und wer nicht. Vogts Nachfolger Erich Ribbeck passte. Ein schwacher Bundestrainer ist gut fürs Blatt, weil er Bild als Stütze braucht. Ribbeck hielt zum alternden Lothar Matthäus. Das garantierte Bild exklusive Informationen und intime Details. Also hielt Bild zu Ribbeck, bis es gar nicht mehr ging. Bei Vogts war der Trainer schuld, wenn mies gekickt wurde, bei Ribbeck waren es die Spieler, bis auf die Freunde des Blattes. Auch Ribbecks Nachfolger Rudi Völler war ein Bild-Mann. Er hielt an der jahrelang gepflegten Vorzugsbehandlung fest: Bild bekommt die Mannschaftsaufstellung einen Tag früher als alle anderen und exklusive Informationen. Für Bild war Völler immer zu sprechen. Jahre später griff Bild Leverkusens durchaus erfolgreichen Trainer Klaus Augenthaler an, dem dann Bayer-Sportchef Rudi Riese auf die Trainerbank folgte.
Völlers Nachfolger Klinsmann ist ein Feind. Schon als Jungprofi bei den Stuttgarter Kickers hielt er Distanz zu Bild. Stets war des Stürmers Privatleben tabu. Die Boulevardzeitung rächte sich und streute subtil das für einen Fußballer tödliche Gerücht, Klinsmann sei homosexuell. Harald Schmidt griff dies während der WM 1998 auf und verhöhnte Klinsmann als Schwabenschwuchtel. Der DFB erstritt eine Unterlassungserklärung.
Als Klinsmann bei Bayern München spielte, störte er die Mauscheleien zwischen Bayern-Führung und Bild, indem er auf die schädliche Wirkung von Beckenbauers Bild-Kolumnen für Mannschaft und Trainer Otto Rehhagel hinwies. Er kritisierte, dass Matthäus Bild Interna steckte. Anfang 1996 brach der Konflikt zwischen Klinsmann und Matthäus offen aus. Auffällig war, dass Bild und seine Schwesterblätter in diesem Streit gerne Partei gegen Klinsmann ergriffen. Als Beckenbauer nach Rehhagels Entlassung Trainer des FC Bayern wurde, stand Klinsmanns angebliches Gehalt, 10,5 Millionen Mark für drei Jahre, sogleich in der Sport-Bild, und als Klinsmann nicht mehr traf, verspottete ihn Bild. Sein interner Spitzname Flipper, weil ihm der Ball immer mal wieder versprang, wurde bekannt.
Vor der EM 1996 baten Klinsmann, Thomas Helmer und Matthias Sammer Bundestrainer Vogts, Matthäus, der Kabinengespräche an Bild verraten hatte, aus der Nationalmannschaft zu werfen. Matthäus Indiskretionen hatten das Klima bei der Nationalelf vergiftet. Vogts warf Matthäus raus. Erst einmal. Das verzieh Bild weder Klinsmann noch Vogts. Michael Horeni beschreibt in seinem Buch Klinsmann. Stürmer, Trainer, Weltmeister, wie der Streit zwischen Klinsmann und dem Blatt während der EM 1996 eskalierte. Bild brachte auf Seite eins ein Foto Klinsmanns mit nacktem Oberkörper und einen Text über einen Saunaskandal. Englische Boulevardzeitungen hatten in sensationeller Aufmachung berichtet, dass deutsche Spieler halb bekleidet zur Sauna im Mannschaftsquartier gegangen seien. Bild griff dies auf, nur ausgerechnet der abgebildete Klinsmann war nicht in der Sauna. Der fand, dass dies zu weit ging, rief bei Bild an und schlug vor: Spendet etwas für einen wohltätigen Zweck und die Sache ist für mich erledigt. Darauf ließ sich Bild nicht ein. Über den DFB verklagte Klinsmann das Blatt, bekam wegen Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte 25.000 Euro, spendete das Geld und gewann einen Feind fürs Leben.
Die Feindschaft schlummerte, bis Klinsmann Bundestrainer wurde. Für Bild ist der Bundestrainer so wichtig wie der Bundeskanzler. Mit beiden ist Aufl age zu machen. Der Sport ist für Bild lebensnotwendig, vor allem die Nationalmannschaft, um die Kompetenz, die Bild für sich beansprucht, nachzuweisen. Doch obwohl auf Druck von Bild eine Trainerfindungskommission installiert wurde, in der mit Beckenbauer auch ein Bild- Kolumnist saß, gelang es nicht, den eigenen Kandidaten, den notorischen Bild-Informanten Matthäus, durchzusetzen. DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, ein konservativer, schwerhöriger, unberechenbarer, alter Mann, wollte nicht irgendeinen, er wollte den richtigen Trainer. Einen, dem er zutraute, Nationalelf und Umfeld zu reformieren. Er traf sich im Sommer 2004, nach einem Tipp von Vogts, in einem New Yorker Hotel mit Klinsmann, während Beckenbauer in Deutschland unverdrossen für Matthäus warb. Eine Niederlage. Eine Blamage für Bild. Unter den Spielern der aktuellen Nationalmannschaft hat Bild keinen Informanten.
Angeblich hat Oliver Kahn für die Zeit nach der Weltmeisterschaft einen Exklusivvertrag mit der Zeitung. Umso blindwütiger greift Bild Klinsmann an. Dies geschieht vor allem durch WM-OK-Chef Beckenbauer, der, so hört man, eine Million Euro pro Jahr für seine Tätigkeit bei Bild bekommen soll und den uns das ZDF trotzdem als unabhängigen Experten verkauft. Über Bild-Kolumnist Günter Netzer, den die ARD als unabhängigen Experten verkauft. Über einige Bundesligatrainer, die Bild brauchen, um ihren Job zu sichern. Und über DFB-Funktionäre der zweiten, Politiker der dritten Reihe und enttäuschte Spieler wie Christian Wörns.
Klinsmann steht für alles, was Bild ablehnt: Neue Formen der Trainingsarbeit, Wissenschaft, neue Taktik, Risiko, neue Führungscrew, internationaler Trainerstab Bild ist national. Klinsmann bedeutet einen Verlust von Macht und Einfluss. Deshalb muss Klinsmann weg. Sonst saust die sinkende Auflage weiter in den Keller.
Bild hat den Nachfolger schon positioniert: Matthias Sammer. Dessen Medienberater heißt Ulrich Kühne-Hellmessen und war Chef-Reporter bei Bild. Sammer wurde, unter Einsatz aller Blätter des Springer-Verlages und der üblichen Trittbrettfahrer, als neuer DFB-Sportdirektor gegen Klinsmanns Kandidaten, Hockey-Nationaltrainer Bernhard Peters, durchgeboxt. Ein Erfolg. Der Ausgang des Kampfes zwischen Klinsmann und Bild ist offen. Es ist wie im Fußball. Nicht immer gewinnt der Bessere.
Bild und die Bundestrainer - Schlagzeilen:
- Datum 06.06.2006 - 07:51 Uhr
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Grosses Kompliment, besonders gut gelungen die Aufarbeitung des Beginns der "Feindschaft" Klinsmann - Bild. Details waren mir und sicher auch vielen anderen Fussballfreunden nicht so präsent.
...herrn klinsmann die daumen zu drücken.
Wie wir alle schon seit Wallraff wissen: BLÖD lügt!
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