Rassismus Realistisch oder panisch?

No-go-Areas zu definieren ist eine problematische Strategie. Rechtsextreme könnten dies als Erfolg verstehen, fürchten Afrikaner in Berlin

Wenn Taye Teferra das Wort No-go-Area hört, kann er richtig heftig werden. Seit über 30 Jahren lebt der gebürtige Äthiopier mit seiner Familie in Berlin. Er arbeitet im Westberliner Stadtteil Wedding in einem Zentrum für Flüchtlingsarbeit und Antidiskriminierung. Täglich hat er also mit den Problemen zu tun, die jetzt wieder einmal die Zeitungsseiten füllen: Anpöbelungen, Gewalt und Diskriminierung gegen alle, die irgendwie nicht ins Schema des durchschnittlichen heterosexuellen Deutschen passen. „Trotzdem“, sagt er, „ich bin dagegen, dass das jetzt alles so populistisch hochgekocht wird.“ In der gegenwärtigen Debatte schwingt ihm zu viel Panikmache mit. Dass es eine besondere Gefahr für Menschen mit schwarzer Hautfarbe gibt, die zur Fußballweltmeisterschaft nach Deutschland kommen, glaubt er nicht. Probleme gebe es auch in allen anderen europäischen Großstädten, zum Beispiel in London oder Paris, sagt er.

Zustimmung erhält er bei dieser Einschätzung von Berlins Integrationsbeauftragtem, Günter Piening. Auch der ist überzeugt, dass die Weltmeisterschaft in punkto Fremdenfeindlichkeit keine besondere Situation für die Stadt darstelle. Schließlich werde Berlin Tag für Tag von Tausenden ausländischer Menschen besucht. „Eine extrem besondere Lage oder Bedrohung gibt es nicht“, sagt Piening. Gleichwohl räumt er ein, dass es „in den betroffenen Stadtteilen eine hohe Sicherheitspräsenz gebe“.

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Auch Teferra bestreitet nicht, dass es in Berlin Orte gibt, an denen Ausländer sich unsicher fühlen müssen. Seinen Kindern würde er verbieten, nachts alleine in den Ostberliner Stadtteil Lichtenberg zu fahren, sagt er. Dort wurde vor wenigen Tage der kurdische Abgeordnete der Linkspartei, Giyasettin Sayan, von Rechtsradikalen zusammengeschlagen. Auch wenn Teferra Diplomatenfamilien berät, warnt er davor, nachts am Bahnhof in Lichtenberg auszusteigen - stattdessen solle man besser bis zum Westberliner Bahnhof Zoo weiterfahren.

Von No-go-Areas will er dennoch nicht sprechen. Denn diesen Begriff versteht er eher als Einschränkung seiner eigenen Bewegungsfreiheit, weniger als Sicherheitshinweis. „Ich gehe, wohin ich will, und lebe, wo ich will“, sagt er trotzig. Wenn man „Angstzonen“ beschreibe und Ausländer auffordere, diese nicht zu betreten, helfe man nur den Rechtsradikalen, ihr Konzept der „befreiten“, also „ausländerfreien“, Zonen zu verwirklichen.

Widerstand gegen die schriftliche Ausweisung sogenannter No-go-Areas gibt es auch in anderen Gruppierungen, die sich mit dem Rechtsextremismus auseinander setzen. Karten, auf denen bestimmte Gegenden als besonders gefährlich eingestuft werden, lehne sie zwar ebenfalls ab, sagt die Lehrerin Sanem Kleff, die sich im Rahmen des Projekts „Aktion Courage. Schule ohne Rassismus“ gegen Diskriminierung engagiert. Ihre Gründe sind allerdings andere als die von Teferra. Kleff fürchtet eher, dass Ausländer sich durch solche Vorgaben in falscher Sicherheit wiegen könnten. Denn rassistische Vorfälle könne es durchaus auch in den angeblich sicheren Gebieten geben. Dass es de facto No-go-Areas gebe, hält sie für eine schlichte Tatsache. „Wir alle haben eine innere Landkarte in uns, nach der wir bestimmte Orte zu bestimmten Zeiten meiden.“
 
In jedem Fall, meint Kleff, könnten No-go-Areas nicht dadurch verhindert werden, dass man von den potenziellen Opfern verlange, ihre „innere Landkarte“ zu ignorieren und sich nur mutig auch in Gebiete vorzuwagen, in denen sie sich nicht sicher fühlen. Solche Gegenden könnten nur langfristig zurückgewonnen werden. Dabei kann der Staat helfen, indem er zivilgesellschaftliche Prozesse fördert und hart gegen Rechtsextremisten vorgeht. Doch auch die wohlmeinende, aber schweigende Mehrheit ist gefragt, wenn es darum geht, rechtsextreme Dominanz in den Köpfen und auf den Straßen zurückzudrängen.

Dass die Gefahr real ist, belegen nicht nur die Zahlen des Verfassungsschutzberichts .  Nach Angaben der Berliner Opferberatungsstelle reach out gab es in diesem Jahr bisher allein in Berlin 39 Übergriffe mit rechtem, rassistischem oder antisemitischem Hintergrund.

Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 23.05.2006 um 18:27 Uhr
    1. Sorry

    Entweder es gibt "no go areas", dann muss man sie auch benennen, wo genau und warum, oder man laesst es bleiben, von "no go areas" zu sprechen!

    Wollen sie jetzt im luftleeren Raum diskutieren, wie ein Geheimdienst, ja es gibt Gefahr, wir duerfen aber aus taktischen Gruenden nicht sagen wo??

    Sorry, ich kann nicht mehr folgen!

    Das Verschweigen macht doch die ganze Sache mysterioes!

    Das Verschweigen hilft den Rechtsextremen!

    Wer etwas behauptet, muss es auch belegen koennen!

    Wenn er es nicht tut, ist das fuer seine Behauptung schlecht, um nicht zu sagen: sehr schlecht!

    Also raus mit der Sprache!

    • Anonym
    • 24.05.2006 um 0:32 Uhr

    Wo sind die Karten der "no go areas"!

    Ich wiederhole es, alles andere ist blanker Unsinn,

    Stumpfsinn!

    Wo sind sie,

    oder bitte haltet doch,

    mit Verlaub,

    einfach die Klappe!

  1. In der Tat beginne ich mich zu fragen, ob die "Zeit" nicht langsam so etwas wie eine Bildzeitung für etwas gehobenere Schichten wird.

    Wenn diese WM in New York stattfinden würde - könnte man da einem Touristen raten, zu jeder Zeit in jeden Stadtteil zu gehen ?

    Wer verläuft sich in Rio de Janeiro in die umliegenden favelas ?

    Jeder Pariser weiss, dass in bestimmten Vorstadtzügen zu bestimmten Zeiten das Risiko mitfährt...

    In den 70er Jahren schon war es selbst am hellichten Tag nicht ungefährlich für ein junges "europäisches" Mädchen in gewisse Stadtviertel in Marseille oder Lyon zu gehen...

    Damit sollen die Probleme nicht wegdiskutiert, aber anders diskutiert werden.

    Man kann Touristen generell darauf hinweisen, dass es - zumals nachts - in einigen S-oder U-Bahn-Zügen gefährlicher werden kann (das wissen die Einheimischen auch). Man kann auch sagen, dass man um Gruppierungen bestimmter Personen (ob Naziszene oder z.B. arabisch/türkisch in einigen Berliner Stadtbezirken) möglichst einen Bogen machen sollte...viele Touristen sind da übrigens von Natur her oder Vorwissen aus der eigenen Stadt sowieso vorsichtig, sonst hätten wir ja bei der Gefahr, die hier an die Wand gemalt wird, schon seit Jahren mit grosser Regelmässigkeit Morde an Ausländern und vor allem ausländischen Touristen.

    Dass das Problem zur Kenntnis gebracht wird, ist völlig in Ordnung. Das jeden Tag ein neuer Artikel dazu erscheint - man hat den Eindruck, auch die ZEIT benötigt wie die Boulevardpresse jetzt solche "Aufhänger" (ist ja auch sonst nichts los, die Vogelgrippe war ja auch ein Flopp, und dass sie jetzt ganz schlimm in Rumänien grassiert, ist hier unwichtig).

    Ja, man hat richtig das Gefühl, liebe Redaktion, Ihr wartet darauf, dass was passiert. Schreibt lieber Eure Gegendarstellungen zu den "Aufreissern", dazu ist seriöse Presse verpflichtet. Gestern ist wieder was zum Fall "Deutsch-Äthiopier passiert, falls ihr's nicht gehört haben solltet.

    Momentan ist diese Art von Journalismus und Aufgeregtheit kostenlose Werbung für die Rechtsradikalen - jetzt sind sie erst richtig wer !!! Haben ja auch gleich noch eins draufgelegt und Demos angekündigt !

    Völlig kontraproduktiv, Ihr Vorgehen, liebe Zeitredaktion !

    In Frankreich schwollen die Krawalle in den Banlieues umso mehr an wie sie Platz in den Medien bekamen. Wetten wurden sogar abgeschlossen, welche Cité am meisten Autos verbrennen könne !

    Und unsere "Nazis" (soweit sie überhaupt selbst den ideologischen Hintergrund verstehen):

    Eine Neonaziszene, die immer jünger wird, wie die Polizei sagt (angeworben schon in den Schulen).

    Eine Neonaziszene, die vor allem da existiert, wo Schulen und Jugendarbeit wegen fehlenden Geldes aufgegeben wurden, wie die Polizei sagt.

    Und die Ursachen - offensichtlich gibt es sie inzwischen europaweit, bis nach Russland, wo diese Leute wirklich morden. Sie vergreifen sich an denen, mit denen sie noch vor kurzem per offiziell verordneter Völkerfreundschaft verbunden waren (Zentralasiaten, Kaukasier).

    Warum wird nicht endlich mal hinterfragt, was los ist ?

    Wenn man in seinem französischen Bekanntenkreis akademisch gebildete Leute hat, die plötzlich für Le Pen sind - "la France d'abord" ?

    Wenn ein amerikanischer Bekannter nach fast 20 Jahren (aufopfernder !) Arbeit mit Emigranten sagt, es ginge nicht mehr und zu den Rechtsextremen abwandert ?

    Das Pikante - in beiden Fällen handelt es sich um Menschen, deren Eltern selbst Einwanderer waren, aber hart für den sozialen Aufstieg gearbeitet haben.

    Und was ich im Berliner und Brandenburger Familien- und Bekanntenkreis (alle Volksschichten) höre, gebe ich hier mal lieber nicht weiter.

    Kein deutsches Problem.
    Eines, was ernst genommen werden muss.

    Aber nicht so abgehandelt werden darf, da viel zu komplex.

    Die Bild-Zeitung steht für eine simple Weltsicht - und die ZEIT ?

    • Anonym
    • 24.05.2006 um 1:37 Uhr

    "Wer nicht aufpasst, kriegt die Kette in die eigene Fresse" so oder so aehnlich sagt man im Ruhrgebiet, bin aber schon lange nicht mehr da, im schoenen Ruhrgebiet!

    Zumindest schmeck ich wieder eine Kette!

    • Anonym
    • 24.05.2006 um 2:11 Uhr

    Dieses "Ende des Forums": hat das denn nicht etwas aeusserst Laecherliches: ein Deutscher hat mal wieder was Falsches gesagt: mein Vater riet mir: im Ruhrpott, ruhig verhalten, keine grosse Klappe!

    Dennoch schreibe ich "oder Kette": ich werde der Zeit Redaktion gemeldet, am besten berichten noch ein paar auslaendische Medien: Deutscher spricht von Kettenfeindschaft!

    Afrika erregt!

    Soll es immer so weiter gehen?

    • iceman
    • 24.05.2006 um 0:20 Uhr

    @GerhardStenkamp
    Viele Menschen sind derzeit beunruhigt, weil jeder merkt, dass die Folgen der Zuwanderung aus dem Ruder laufen.
    Die einen beunruhigen sich über die Belastung der Sozialsysteme, die anderen über den Lohnverfall des unteren Arbeitsmarktes, den kulturellen Verlust, die schleichende Islamisierung oder dem Verfall der Bildung.
    Alle diese Sorgen sind nachvollziehbar.
    Und während wir unsere Kommentare schreiben, geht am unteren Ende langsam der soziale Frieden verloren.
    Das Perverse ist, dass die Politik wenn es wie in Lichtenhagen lichterloh brennt - erst danach wurde die Drittstaatenregelung eingeführt.
    Genau damit spielt man den Rechtsradikalen in die Hände.
    Auf der einen Seite wirbt man für die Akzeptanz einer "Parallelgesellschaft", auf der anderen Seite wundert man sich über "befreite Zonen".
    Auf den einen Seite werden gut ausgebildetete und motivierte junge Chinesen nach dem Studium ausgewiesen (s. Vorkommentator), auf der anderen Seite lässt man weiterhin die Zuwanderung Unqualifizierter über den "Familiennachzug" zu.
    Den Germano-Faschismus prangert man an, den weitaus grösseren Islamo-Faschismus blendet man aus.
    Die zaghaften Versuche für mehr Ordnung an deutschen Schulen verurteilt man als Zwangsgermanisierung, aber gegen die Verwahrlosung ganzer Stadtteile tut man nichts.
    Man hat Angst vor einem "Nanny-Staat" und verurteilt die Rasterfahndung, aber ignoriert den Versuch traditioneller Muslime, auch ohne offene Gewalt den Staat zu kippen.
    Das alles ist ziemlich widersprüchlich, und man muss sich fragen, was noch alles passieren muss, bis endlich politisch gehandelt wird.

    • plamen
    • 24.05.2006 um 12:10 Uhr

    Aus meiner Erfahrung würde ich folgende Orte als No-Go Areas festlegen:

    1. Generell

    - Züge nach Berlin und im Osten; besonders kritisch. Selbst (Schüler-)Gruppen, die keine "wirklichen" Nazis sind, könnten die Situation ausnutzen; Hilfe kann kaum gerufen werden; wenn nicht zu vermeiden, dann nur in der Nähe des Restaurants oder anderes Personals.

    - Straßenbahnen rund um Plattenbausiedlungen. Die Bahnen im Osten haben kleine Wagen, da sind sich die Nazis unter sich. Viele Angriffe haben genau dort schon stattgefunden.

    - Tankstellen. Sie sind beliebter Ort von Nazi-Treffen, besonders nachts, wenn die Geschäfte zu sind.

    2. Orte

    - Magdeburg-Neustadt und -Olvenstedt
    - Leipzig-Paunsdorf
    - Delitsch, Wurzen, Altenburg

    allgemein: der Osten

    P.

  2. Hunderte von Beamte wurden zur Verfolgung von Jugendlichen abgestellt, die sich ein paar Songs oder Videos über Internet-Tauschbörsen besorgt haben. Andererseits mangelt es bei der konsequenten Verfolgung des Rechtsextremismus an Personal. Viel zuviele dieser brutalen Überfälle werden nicht aufgeklärt. Warum? Wem nützt und wem schadet dies? Welche Interessen stecken dahinter? Die Politiker setzen falsche Prioritäten. Sie leben in einer abgeschirmten Kunstwelt und haben den Kontakt zum wirklichen Leben der Menschen verloren.

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