Nichts ist Jürgen Klinsmann wichtiger als seine Freiheit. Seit seinem Amtsantritt hat er wirklich alle denk- wie undenkbaren Präventionsmaßnahmen ergriffen, um sie zu erhalten: Dauerpendeln zwischen Deutschland und Kalifornien, Freigang für das Team bis Mitternacht oder auch Einladung der Spielerfrauen ins Mannschaftshotel - im Gegenzug zur Ausladung der DFB-Funktionäre. Alles umsonst! Nach 14 Tagen Trainingslager hat er Klinsmann wieder einmal erwischt: der Lagerkoller!

Bereits als Nationalspieler stahl sich Klinsmann seinem Bundestrainer immer wieder aus dem Mannschaftshotel davon. Doch was jetzt, wo er nur vor sich selbst flüchten könnte? Schon auf Sardinien fühlte sich der Bundestrainer in seiner Freiheit beschnitten. Ein Foto wollten sie mal wieder, diese Bildjournalisten. Und das auch noch am Meer. „Am besten wohl noch in der Badehose und vor einem Kalifornien-Poster?“, brach es zum ersten Mal kurz aus „Klinsi“ heraus.

In Genf haben es die Fotografen nun wieder versucht. Zwar wollten sie nicht einmal Berge, sondern hätten sich sogar mit der Sponsoren-Tafel als Hintergrund für die Pressekonferenz begnügt – aber da macht Klinsmann nicht mehr mit. Nach zwei Wochen Trainingslager kann sich der Bundestrainer selbst nicht mehr sehen, zumindest nicht in den Zeitungen.

Denn kein Problem hatte Klinsmann damit, vor laufenden TV-Kameras anordnen zu lassen, die Fotografen müssten das Knipsen nach fünf Minuten einstellen. Mit dem Hinweis: Klinsmann habe sich in den letzten Tagen wohl kaum verändert. Hat er aber doch! Klinsmann fühlt sich mal wieder eingesperrt. Aber er weiß auch, dass diesmal niemand anderes als er selbst die Schuld dafür trägt.

So verfolgte Klinsmann mit schuldigem Lächeln, wie sich ein Fotograf nach dem anderen demonstrativ aus dem Konferenzsaal verabschiedete. Den Grund für den Boykott kennt Klinsmann nur zu gut: Die Kollegen fühlten sich in ihrer Freiheit beschnitten. Dass es auch noch die Pressefreiheit ist, macht die Sache zudem heikel.

Was Klinsmann dabei wohl schon vergessen hat: Er selbst wurde dieser Tage als Hobby-Paparrazzi geoutet. Auf frischer Tat ertappt, als er einen Journalisten aus Spaß mit seiner Digitalkamera in der Genfer Fußgängerzone abpasste. Ob der Kollege gegen eine vermutlich nicht geplante Veröffentlichung des Fotos Rechtsmittel einlegen will, ist nicht bekannt.

Wer kennt ihn nicht, den unberechenbaren Lagerkoller. Auch der Kolumnist ist davor nicht gefeit. Nur gut, dass jetzt Schluss ist mit den Trainingslagern. Kein Casa Falk mehr auf Sardinien, kein weiterer Macchiato Caramel im Genfer Starbucks. Stattdessen heißt es am Dienstag: Ab ins Flugzeug und zurück in die Heimat. Zum großen Wiedersehen mit alten Bekannten: Die bürgerliche Presse, der Boulevard und sogar die Fotografen sind eingeladen. Nach dem Japan-Spiel zur Pressekonferenz mit... Jürgen Klinsmann! Vielleicht erlaubt der Bundestrainer zur Erinnerung ja sogar ein Foto.