Filmfestspiele Il Caimano (Der Kaiman)
Nanni Morettis Film über den ‚Kaiman’, Synonym für Silvio Berlusconi, ist mehr als nur eine polemisierende Abrechnung mit dem von ihm zuvor bereits in der Arena Italiens bekämpften italienischen Ministerpräsidenten.
Synopsis:
Kurz vor dem finanziellen und künstlerischen Bankrott und dem endgültigen Aus seiner Ehe fällt Bruno Bonomo (Silvio Orlando), ehemals Regisseur so aussagekräftiger Filme wie
Moccassin Assassins
oder
Lady Cop in Stillettos
, ein Drehbuch der jungen Regisseurin Teresa (Jasmine Trinca) in die Hände:
Il Caimano
ist eine kritische Abrechnung mit den politischen Machenschaften des italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. Wild entschlossen setzt Bruno alles daran, seinen beruflichen und persönlichen Ruin mit dem riskanten Projekt vielleicht doch noch abzuwenden.
Kritik:
Bruno Bonomo ist im Grunde eine italienische Kopie von Ed Wood, jenes 1994 von Tim Burton verewigten, ebenso enthusiastischen wie geschmacklosen Schöpfers zahlloser B-Pictures wie
Plan 9 from Outer Space
. Wie der einst als schlechtester Regisseur aller Zeiten ausgezeichnete Wood denkt sich Bruno mit nie versiegender Inspiration die haarsträubenden Plots seiner von ihm selbst produzierten Filme selbst aus, in denen seine Frau (Margherita Buy) sehr zu ihrem heutigen Bedauern die Hauptrollen spielte. Die einzigen dankbaren Konsumenten seiner einstigen künstlerischen Höhepunkte sind bis heute die beiden Söhne zu Papas Geheimagentengeschichten lässt es sich bestens einschlafen. Ansonsten ist Bonomo am Ende. Kein Geldgeber wagt sich mehr an sein Die-Rückkehr-des-Christoph-Kolumbus-nach-Italien-Projekt, der dafür vorgesehene Regisseur verlässt das sinkende Produzentenschiff.
Nanni Moretti inszeniert diesen Idealisten, der das Kino so sehr liebt, dass er in seinem Büro übernachtet (mitschuldig daran ist auch seine Frau die schon lange auf die Scheidung drängt, aber immer wieder vom Familienmenschen Bruno davon abgehalten wurde) und sein künstlerisches wie privates Überlebensgestrampel anfangs wie eine tragikomische Groteske, die ansonsten eigentlich die Spezialität seines Kollegen Roberto Benigni ist. Anders als bei Benigni aber ist Morrettis Bezug zu seinen Geschichten zuerst ein privater auch seine Ehe wurde geschieden und die Begeisterung und Leidensfähigkeit, die die Herstellung abseitiger Filme bedarf, kennt Moretti aus dem Effeff.
Nun betritt in Form des Drehbuchs einer talentierten Berufsangfängerin derjenige Mann die Geschichte, der auch in Morettis bürgerlichen Leben als seine Popularität nutzender, engagierter Politaktivist in den letzten Jahren die Hauptrolle spielte. Es wird spannend. In nicht weniger als vier Inkarnationen erscheint der Kaiman ein Film, der als wütende Abrechnung einer jungen Frau mit den korrupten Machenschaften des verhassten Berlusconi gedacht ist - im Verlauf der Geschichte auf der Leinwand. Zunächst taucht Silvio in der Fantasie des lesenden Produzenten Bonomo auf und ist als Berlusconi zum Verwechseln ähnlich sehendes Double mit Riesengeldkoffer natürlich ebenso überzeichnet, als hätte der Produzent selbst Hand ans Drehbuch gelegt. Doch zu diesem Zeitpunkt hat Bruno die Geschichte noch gar nicht richtig verstanden, weil das Projekt nur als Vorwand dient, um von seiner desolaten Situation abzulenken. Erst allmählich beginnt er sich wirklich für sein Sujet zu interessieren. Dabei hatte Bonomo den italienischen Ministerpräsidenten bei der letzten Wahl noch selbst an die Macht gewählt, als wirtschaftlich denkender Unternehmer, dem Berlusconi Steuererleichterungen und die Befreiung von bürokratischem Ballast versprochen hatte. Durch die Begegnung mit der resoluten Berlusconigegnerin Teresa wandelt sich dieses Bild sie zeigt ihm einen im Ausland hergestellten Dokumentarfilm, in dem der reale Berlusconi als ein die Europäische Kommission und die eigene Justiz auftretender Agitator zu sehen ist Bilder, die in Italien längst keinen Skandal mehr darstellen, so sehr hat man sich an seine polemisierende mediale Omnipotenz gewöhnt.
Als das Projekt wider Erwarten doch voranschreitet, trägt man die Rolle dem berühmten Schauspieler Marco Pulici an, einem eitlen und sexsüchtigen Leinwandstar. Moretti hat ihn mit seinem Regiekollegen Michele Placido besetzt, auch das ein genialer Schachzug, weil Moretti mit dem später seine Mitarbeit im Film widerrufenden Pulici auch davon erzählt, wie ein Teil der italienischen Künstler durch das Mediensystem Berlusconi korrumpiert wurde.
Bis hier ist im Kaiman vieles Spielerei, mischen sich tragikomische, private Elemente aus dem Erzählkosmos Morettis mit der ihn seit Jahren umtreibende Fragen nach der angemessensten Form, wie man sich dem Phänomen Berlusconi fiktional nähern sollte. Doch nun tritt Moretti selbst die Leinwand in der Rolle eines Schauspielfreundes Bonomos, der das Berlusconi-Projekt zunächst verspottet hatte (hier zitiert sich Moretti als Kritiker der zerstrittenen Linken). Der Regisseur Moretti, die Regisseurin Teresa und der Schauspieler Moretti verschmelzen zu einer einzigen Person, die in den letzten 20 Minuten des Films zu einer wütenden Anklage gegen Berlusconis Demontage der italienischen Demokratie und ihrer Verfassung anhebt.
Viele Berlusconi-Gegner, hört man, seien von Morettis Film, der kurz vor den Wahlen in den italienischen Kinos anlief, enttäuscht gewesen. Moretti habe nicht engagiert genug gegen den Kaiman Stellung bezogen, hieß es. Doch die wütende Abrechnung am Schluss beweist das Gegenteil hätte Moretti den ganzen Film als politische Agitation inszeniert, wäre die Rezeption ausschließlich entlang der verfeindeten politischen Lager verlaufen. Nicht in diese Falle getappt zu sein und dabei auch noch einen höchst unterhaltsamen und intelligenten Film geschaffen zu haben, ist Morettis bleibendes Verdienst sowohl als Regisseur als auch als Kämpfer für die Rettung der italienischen Demokratie.
Sterne: ***
- Datum 26.05.2006 - 04:10 Uhr
- Quelle ZEIT online, arte-tv.com
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