Luxemburg - das sind 460.000 Einwohner, eine konstitutionelle Monarchie, einer der kleinsten Staaten der Europäischen Union. Und ein gerne gesehener Aufbaugegner der deutschen Nationalmannschaft vor großen Turnieren. Dreizehn Tage vor Anpfiff der Weltmeisterschaft hat der Deutsche Fußballbund nach 1998 wiederum das Team des Großfürstentums eingeladen, damit die 23 auserwählten Spieler Selbstbewußtsein, Spielfreude und -praxis sammeln können. Wie vor acht Jahren endete die Partie 7:0. Die Sonne schien, die Fans hatten Spaß und kein Nationalspieler hat sich verletzt. Damit ist dann ja alles gesagt, oder?  Nein. Denn der Erkenntnisgewinn, den man aus diesem Spiel ziehen kann, ist erstaunlich hoch.

"Abwechslung für die Spieler". So antwortete Franz Beckenbauer vor der Partie auf die Frage, welchen Sinn dieses Spiel hat. 90 Minuten und sieben Tore später zieht der Chef des WM-Organisationsteams, ehemalige Teamchef und ZDF-Experte freilich andere Lehren aus der Partie und lobt, dass sich die Auswechselspieler "nahtlos eingefügt" hätten. Hinter diesen scheinbar belanglosen Worten verbirgt sich Größeres. Denn zum ersten Mal konnte man den Eindruck gewinnen, die Spieler hätten das Spielsystem ihres Bundestrainers Jürgen Klinsmanns verstanden und auch umgesetzt. So hatten es auch die Nachrücker auf dem Feld nicht schwer sich in die Rollen einzufinden, die das Team in den vergangenen Tagen geübt hatte.

"Vertikal spielen", nennt Klinsmann dieses System. Er meint damit, dass der Ball schnell in die Spitzen verteilt werden soll. Gerade in der ersten Halbzeit setzte die Mannschaft diese Vorgabe konsequent und erfolgreich um. Im Sturm lauerten Klose und Podolski auf die Pässe und Flanken der Hintermänner, um schnell zum Torabschluss zu kommen. Es klappte. Die beiden Angreifer bildeten vor dem Tor eine Einheit, die zielstrebig und harmonisch agierte.  Neben dem als Stammspieler gesetzten Bremer Klose wird der Kölner Podolski deshalb wohl bei der Weltmeisterschaft für die Startelf gesetzt sein. Auch Fredi Bobic, früherer Sturmpartner von Klose in der Nationalelf, ist sicher, dass Poldi die ideale Ergänzung im Angriff ist. Zwar erzielte Neuville ebenfalls zwei Tore, doch dürfte der älteste Feldspieler der Partie nicht über die Rolle des Jokers hinauskommen. Immerhin: Der Sturm ist also nicht das Sorgenkind der Nationalmannschaft.

Problemzone des Mannschaftskörpers bleibt die Abwehr. Assistenztrainer Joachim Löw veranstaltete in den vergangenen Tagen des Trainingslagers Sonderübrungen: "Viererketten-Schulung" für Defensivspieler. Genutzt hat es bislang noch nicht. Friedrich rechts, Huth und Metzelder in der Innenverteidigung sowie Janssen auf der linken Seite verhielten sich gegen die schwachen Angreifer Luxemburgs so ungeordnet wie schon häufiger zu erleben war. Zwar blieb die Schwäche ohne Konsequenzen, aber genau die dürfte Klinsmann aus der Leistung Arne Friedrichs ziehen und den Rechtsaußen in den folgenden Testspielen auf die Bank setzen. Nach dem Spiel sagte der Bundestrainer, er wolle in den kommenden Partien auch in der Innenverteidigung die Formation variieren. Die Abwehr hat sich also noch nicht gefunden. Einzig Per Mertesacker, der gegen Luxemburg in der zweiten Halbzeit für Huth eingewechselt wurde, darf sich Hoffnungen auf einen Stammplatz machen.

Hoffnung hat auch noch Tim Borowski. Der Auftritt gegen den kleinen Nachbarn hat gezeigt, dass eigentlich kein Weg an dem Bremer vorbeiführt. Borowski fühlt sich zwar nicht als Konkurrent von Michael Ballack (der zwar verletzt fehlte, bis zur WM aber wieder genesen wird). Doch wird es schwer, beide Akteure gleichzeitig in das Mittelfeld zu integrieren. Schliesslich sind Frings, Schneider und der Kapitän gesetzt. Bliebe also nur noch die vierte offene Besetzung auf der linken Seite. Aber auf dieser Position überzeugte Bastian Schweinsteiger. Mit zwei Vorlagen und dem fast blinden Zusammenspiel mit Podolksi hat der Münchener sehr gute Karten, in die Stammelf zu rutschen. Was also tun mit Borowski? Sinnvoll wäre, ihn in die defensiv zentrale Position hinter Ballack zu setzen. Denn Borowski agiert ohnehin mehr als Spielgestalter. Dafür müsste allerdings Frings auf die rechte Abwehrseite weichen. Ob Klinsmann sich darauf einläßt? Festzuhalten bleibt, dass sowohl Schweinsteiger als auch Borowski für das Offensivspiel bereichernd wirken. Und, dass  Ballack ersetzbar ist.

Die vielleicht erfreulichste Einsicht, die man aus dem Spiel  gegen Luxemburg gewinnen kann, war nicht auf dem Platz sichtbar, sondern von den Tribünen zu hören: Die Unterstützung des Fans erreichte fast das euphorische Niveau des Confed-Cups im vergangenen Sommer. Zum ersten Mal nach Torwartdebatte, Umzugsdiskussionen und sportlicher Kritik waren Klinsmann-Sprechchöre zu hören. Die Zuschauer zeigen also, dass sie zu Mannschaft und Trainer stehen. Wenn das mal keine Erkenntnis ist.