Staatsanwältin Anette Bargenda blieb am Dienstag bei ihrer Forderung, die angeklagte Sabine H. wegen Mordes schuldig zu sprechen. Die 40-Jährige habe "serienhaft" und "routinemäßig" acht lebend geborene Kinder "durchdacht getötet", sagte sie vor dem Landgericht Frankfurt an der Oder. Schon während der Schwangerschaft, die sie verbarg, sei der Entschluss gereift, die Kinder zu töten, nicht erst beim Einsetzen der Wehen. Einen Leichnam soll die Angeklagte über Jahre in einer Tiefkühltruhe aufbewahrt haben, bis sie ihn vergrub.

Die Staatsanwältin beantragte zudem, dass die besondere Schwere der Schuld anerkannt würde, weil von "niederen Beweggründen" für die Taten auszugehen sei. Dadurch wäre eine Haftentlassung nach 15 Jahren ausgeschlossen. Bargenda verwies zwar auf die Alkoholsucht der Angeklagten, die aber laut Gutachten nicht zu einer verminderten Schuldfähigkeit führte. "Sie versuchte, ihre Probleme wegzutrinken." Der Ehemann wollte nach drei Kindern keinen weiteren Nachwuchs. Sie habe Angst gehabt, dass ihr Mann sich von ihr trennt und sie das Sorgerecht an ihn verlieren könnte. Deshalb habe die Angeklagte die Schwangerschaften verheimlicht. Zu einem Arzt sei sie nie gegangen, weil sie befürchtete, dieser könnte die vorherigen Schwangerschaften feststellen.

Verteidiger Matthias Schöneburg plädierte hingegen für dreieinhalb Jahre Haft wegen Totschlags durch Unterlassen in einem minderschweren Fall: Das 1992 in Goslar geborene Kinde habe gelebt und sei nicht ausreichend versorgt worden, so dass es starb. Den Tod dieses in einen Mantel eingewickelten Kindes habe die heute 40-Jährige erst am Tag nach der Entbindung bei ihrer Rückkehr in Frankfurt bemerkt. Für weitere Taten gibt es aus Sicht des Verteidigers keine ausreichenden Beweise. Er sagte aber auch: "Meine Mandantin hat moralische Schuld auf sich geladen."

Das Gericht wird sich in seinem Urteil wohl keiner der beiden Forderungen anschließen. Die Anklage wegen Mordes hatte es bereits vor der Hauptverhandlung abgewiesen. Statt dessen erhob es Anklage wegen Todschlags, da nach seiner Auffassung die planmäßige und gewohnheitsmäßige Tötung der Kinder nicht nachzuweisen ist. Die Anklage besagt, dass die 13fache Mutter ohne fremde Hilfe zwischen 1992 und 1998 acht Kinder entbunden und so lange unversorgt gelassen habe, bis sie starben. Die letzte Tötung soll 1998 stattgefunden haben. Ein weiterer Fall aus dem Jahr 1988 ist nach DDR-Recht bereits verjährt. Zeugen für die Taten gibt es nicht, die mutmaßliche Täterin erinnert sich nicht. Die Überreste der Kinder waren im vergangenen Sommer entdeckt worden.

Der Verteidiger stützt sich auf diesen Mangel an Indizien. Im Beweisverfahren war es zwar nicht möglich, eine lückenlose Indizienkette aufzustellen. Allerdings wird das Gericht der Verteidigung in seiner Urteilsbegründung wohl nicht folgen. Denn wenn man annimmt, dass die Kinder nicht getötet worden sind, würde das bedeuten, dass die Kinder schon tot geboren wurden. Dies ist nach Aussage der im Prozess gehörten Sachverständigen ausgeschlossen: Acht Totgeburten könnten auch nicht durch den exzessiven Alkoholkonsum der Mutter begründet werden. Wegen der dünnen Beweislage rechnen Prozessbeobachter allerdings mit einer relativ milden zeitlichen Gefängnisstrafe.

Das Urteil wird am Donnerstag erwartet. Falls das Gericht doch vor dem Urteil zu der Überzeugung gelangt, dass eine Verurteilung wegen Mordes in Frage kommt, müsste die Kammer einen entsprechenden rechtlichen Hinweis geben. Für diesen Fall kündigte Verteidiger Matthias Schöneburg an, eine Aussetzung des Verfahrens zu beantragen. (cj)