Vier Wochen gibt Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) der Koalition noch, dann sollen die "Eckpunkte" der geplanten Gesundheitsreform feststehen. Am Sonntag zog der Koalitionsausschuss eine Zwischenbilanz und will, nach Strukturen und Einsparmöglichkeiten, nun die Finanzierungsfrage diskutieren. BILD

Über die Pläne der Expertengruppe wird eifrig spekuliert. Vielleicht kommt ja eine Versicherungspflicht für alle und ein Versorgungsausgleich zwischen privaten und gesetzlichen Krankenkassen, wie vor dem Wochenende die Berliner BZ munkelte. Oder ärztliche Leistungen werden in Zukunft gleich vergütet, egal ob der Patient privat oder gesetzlich versichert ist, wie Schmidt im Dezember vorschlug. Es könnte aber auch sein, dass Union und SPD die Ärzte verpflichten, erst eine zweite Meinung einzuholen, bevor sie neue, teure Medikamente verschreiben. Eine Idee, die das Gesundheitsministerium sogleich dementierte. Woraufhin sich die Deutsche Presseagentur aus "Koalitionskreisen" bestätigen ließ, über Therapien "im sechsstelligen Kostenbereich" sollte ein Arzt künftig nicht mehr allein entscheiden können. Zuletzt ließ der Focus noch verlauten, die Koalition erwäge einen pauschalen Arbeitgeberbeitrag für die Krankenversicherung, der bei rund 150 Euro liegen und in einen Fonds fließen solle. Womit man wieder einmal beim so genannten Kauder-Modell wäre. Und bei weiteren Dementis.

Mit so viel Rauschen im Hintergrund lohnt es sich, auf das zu hören, was die Bürger denken. Die Bertelsmann-Stiftung befragt sie zweimal jährlich für ihren Gesundheitsmonitor, in diesem Frühjahr waren es 1524 Personen. Einer Sonderauswertung der Befragung für ZEIT online ist Interessantes zu entnehmen. Zunächst: Die Bürger denken weit solidarischer, als ihnen zugetraut wird. 82 Prozent aller Befragten finden es überwiegend oder vollkommen gerecht, wenn einkommensstarke Haushalte ärmere unterstützen. Fast ebenso viele halten es für richtig, wenn Gesunde den Kranken und junge Menschen den älteren helfen. Gerade diejenigen Haushalte, die mehr als 3000 Euro verdienen, unterstützen das Solidarprinzip überproportional stark. "Sie scheinen die Notwendigkeit einer solchen Umverteilung zu Gunsten des sozialen Friedens zu akzeptieren", schreiben die Gesundheitsfachleute Jan Böcken und Robert Amhof in ihrer Bewertung.

Aus solchen Zahlen sollte aber niemand schließen, die Bundesbürger hingen alten Idealen an, die angesichts der Kosten- und der Haushaltslagen heute eben nicht mehr durchzusetzen sind. Denn auf die Frage, wie Krankenversicherung und Leistungskatalog gestaltet und aufeinander abgestimmt sein sollten, sagten zwar 46 Prozent der Befragten, die Versicherung solle auch in Zukunft alle Krankheitsrisiken absichern. Doch 41 Prozent antworteten, sie wollten eine solidarische Grundsicherung. Weitere Risiken will diese Gruppe zusätzlich privat versichern. Allerdings, so zeigt eine weitere Auswertung, wollen die Bürger solches nur dann, wenn auch alle Einkommensarten in den Solidarausgleich einbezogen werden, also auch die von Beamten, Selbstständigen und Reichen sowie deren Mieteinkünfte, Zinsen und Aktiengewinne. Insofern stößt das ursprüngliche Konzept einer Bürgerversicherung, das die SPD vertrat, auf größere Zustimmung als die Kopfpauschale der CDU (von der die Christdemokraten inzwischen allerdings viel weiter abgekommen sind, als mancher Unionspolitiker zugeben mag).

So also sind die Deutschen. Sie wollen Verantwortung für sich selbst wahrnehmen, wenn sie sicher sein können, im Notfall nicht ins Bodenlose zu fallen. Die Zustimmung für eine "Grundsicherung plus" hängt jedoch stark von der Einkommensgruppe ab: 53 Prozent von denjenigen, deren Haushaltseinkommen über 4000 Euro im Monat liegt, stimmen für einen solchen Vorschlag, aber nur 33 Prozent derer, die weniger als 1500 Euro verdienen. Geht es um die Rundum-Absicherung, spiegelt sich das Bild. Offenbar ist es eine Frage des Geldes, wie viel Selbstschutz man sich zutraut.

Nicht erstaunlich, mag man sagen, denn erstens haben Arme selten Geld für Versicherungen übrig, und zweitens sind sie öfter krank als Reiche. Umso erstaunlicher ist es, dass ihre sonstigen Gesundheitsausgaben, für Praxisgebühren, frei verkäufliche Medikamente, Zuzahlungen bei rezeptpflichtigen Arzneien, auch für Krankenhausaufenthalte, nicht höher ausfallen als die von Gutverdienern. Möglicherweise ist der Umgang mit dem Geld in Sachen Gesundheit doch recht unterschiedlich: Die einen sparen, weil sie etwas nicht bezahlen wollen. Die anderen sind eben seltener krank.

Der wichtigste Schluss aus der Untersuchung für jene Koalitionspolitiker, die jetzt in Sachen Finanzen diskutieren, ist aber wohl dieser: "Die zusätzliche Zahlungsbereitschaft scheint außerdem bei all jenen Versicherten deutlich geringer zu sein, die keine klaren (das heißt weder optimistische noch pessimistische) Aussagen über die zukünftige Entwicklung im Gesundheitswesen treffen können." Wohl wahr. Die Bürger sind, im Gegensatz zu manchem Ständevertreter oder Politiker, schon länger offen für Reformen. Nur möchten sie gerne wissen, wohin die Reise denn nun geht.