Heine-Preis Handke wehrt sich

Die Stadt Düsseldorf will Peter Handke den Heine-Preis nicht verleihen. Der Grund: seine pro-serbische Haltung. Der Schriftsteller versichert nun, dass alle Beteiligten der Jugoslawien-Kriege Verbrechen begangen hätten

Im Streit um die geplante Vergabe des Heine-Preises an ihn wehrt sich Peter Handke erneut persönlich. Der österreichische Schriftsteller entgegnet in einem ausführlichen Beitrag für die Süddeutsche Zeitung vom Donnerstag den Vorwürfen, er würde mit seiner serbienfreundlichen Haltung die Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien falsch darstellen und falsch bewerten. Diese Vorwürfe, die sich auf einschlägige Äußerungen des Autors beziehen, führen dazu, dass die geplante Übergabe des Heinrich-Heine-Preises jüngst infrage gestellt wurde. Der Stadtrat von Düsseldorf hatte sich am Montag quer durch alle Fraktionen gegen die Vergabe ausgesprochen. Er will das unabhängige Jury-Urteil am 22. Juni kippen.

Der umstrittene Autor versichert nun, dass alle Beteiligten der Jugoslawien-Kriege Verbrechen begangen hätten. Das serbische Massaker an Muslimen im Juli 1995 in Srebrenica bezeichnete er als "das schlimmste Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das in Europa nach dem Krieg begangen wurde". Srebrenica sei eine "abscheuliche Rache der serbischen Streitkräfte" gewesen. "Hören wir einander endlich an, statt uns aus feindlichen Lagern anzubellen und -zuheulen", appelliert Handke an seine Gegner.

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Vielfach scharf kritisiert wurde auch Handkes Teilnahme am Begräbnis des ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic im März. Dazu schrieb Handke, die Sprache sei es gewesen, die ihn auf den Weg brachte: Er habe ein Zeichen setzen wollen gegen die Vorverurteilung Milosevics vor allem in der Sprache der Medien. Loyalität zu Milosevic sei keineswegs sein Motiv gewesen. Eine "Dummheit" nennt er den Vergleich, bei dem er die Serben als "noch größere Opfer als die Juden" bezeichnet hatte. Er habe später gar nicht mehr glauben können, diesen Satz jemals ausgesprochen zu haben. Er habe diesen Vergleich sofort öffentlich korrigiert. Diese Richtigstellung sei damals akzeptiert worden.

Vorgeschlagen hatte den Autor Sigrid Löffler, einst Literaturkritikerin beim Literarischen Quartett , heute Herausgeberin des Magazins Literaturen . Handke überstand mehrere Wahldurchgänge gegen gut ein Dutzend Konkurrenten, unter ihnen Marcel Reich-Ranicki, Dieter Forte, Irene Dische, Wolfgang Büscher und Amos Oz. Sieben von elf Jurymitgliedern sollen am Schluss für Handke gewesen sein, der im ersten Durchgang die erforderliche Zweidrittelmehrheit der Stimmen nicht erreichte. Pikant und ein Fall für den Landtag: Der nordrhein-westfälische Kulturstaatsminister Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (CDU) war als 12. Juror der entscheidenden Sitzung fern geblieben. Löffler kritisierte die öffentlichen Äußerungen einiger Jury-Mitglieder. "Jury-Sitzungen müssen vertraulich bleiben. Es ist eine unglaubliche Verwahrlosung von guten Jury-Sitten, wenn Juroren diese Verschwiegenheit brechen", sagte sie.

"Demokratisch völlig legitim" sei es, dass der Stadtrat über die Preisvergabe entscheidet, rechtfertigt Jurymitglied Christoph Stölzl (CDU), ehemaliger Kultursenator in Berlin und heutiger Vizepräsident im Abgeordnetenhaus der Hauptstadt, das Vorgehen. Persönlich bedauere er die Absicht der Fraktionen, die Ehrung Handkes scheitern zu lassen. Das Problem liege aber in der starken Orientierung der politischen Vertreter am Wortlaut "der hochmoralischen, politisches Handeln prämierenden Preisbestimmungen". Auszeichnungswürdig sind demnach Persönlichkeiten, die sich den Grundrechten des Menschen, dem sozialen und politischen Fortschritt, der Völkerverständigung und der Zusammengehörigkeit aller Menschen verpflichtet fühlen.

 
Leser-Kommentare
  1. Kaum einer bemerkt den Skandal hinter dem Skandal. Ich meine nicht die ehrabschneidende Art und Weise bestimmter Sittenwächter, Handke als Dichter und Person zu diskreditieren (sie geschieht meistens von jenen, die bar jeder Ahnung die Werke gar nicht gelesen haben, sondern nur - das sind sie gewohnt - nachplappern).

    Der zweite Skandal ist, dass die Entscheidung einer freien Jury nachträglich gemassregelt wird. Demnächst werden sich die Damen und Herren wohl noch die genauen, "politisch-korrekten" Lebensläufe anschauen und somit hätten wir dann wieder einen weiteren Schritt in eine Mainstream-Kulturdiktatur. Etwas anderes scheinen die selbsternannten Pseudodemokraten nicht mehr aushalten zu können.

    Ich schäme mich als Einwohner der Stadt Düsseldorf vor derartigem Vorgehen. Es ist wie in einer Bananenrepublik. Heine hätte mit Sicherheit vor Ekel vor diesen erbärmlichen Figuren des Stadtrates zurückgezogen. Aber er war ja nie so richtig geliebt in seiner Stadt Düsseldorf. Damals nicht und auch heute noch nicht. Wenn man bedenkt, wie lange es gedauert hat, bis sich die Stadt dazu durchgerungen hat, die Universität nach ihm zu benennen...

    • SMunk
    • 05.06.2006 um 15:01 Uhr

    Interessant ist aus meiner Sicht das eine Jury von Fachleuten, ich bin definitiv keiner, zu dem Ergebnis gekommen sind, dass der Schriftsteller Handke für sein literarisches Werk mit dem Heinrich-Heine-Preis ausgezeichnet werden soll.

    Die Kriterien, die an eine solchen Preisträger zu stellen sind, sind den Juroren hinreichend bekannt gewesen.

    Wie aus dem Artikel hervorgeht, hat Handke eben nicht das mit seinen Medienauftritten ausdrücken wollen, was ihm im Nachhinein als Interpretation angehangen wird.

    Für mich sieht das so aus, als ob literarisch nicht sehr bewanderte Provinzpolitiker, die nicht in der Lage sind, die komplexe Persönlichkeitsstruktur des Schriftstellers zu erfassen, aus Angst vor einem simplifizierten Zeitgeist, die Ehrung verweigern und damit nur zeigen, dass der Versuch differenziert, provokant und kontrastreich mit einem Thema wie dem Balkankrieg umzugehen an der Flut geistloser Menschen zerschellt.

  2. 3. ?

    Heine hätte den Preis so wohl selbst nicht bekommen, mein ich auch. Natürlich soll der Peter Handke den Preis bekommen.

    Gab es da nicht mal einen CDU-Politiker (Bundestag) namens Schwarz, Christian Schwarz, aber nicht Schwarz-Schilling, der für sein humanitäres Engagement im ehemaligen Jugoslawien bestraft wurde und von einem guten Listenplatz für den Bundestag runterversetzt wurde. Es ist eine seltsame Welt, wer hier alles versucht moralisch zu sein.

  3. Ich will es kurz und prägnant formulieren: Bananen für die Affen, Heine für Handke.

  4. Auch hier gefallen sich einige Kommentatoren in der Attitüde, alle Substantive kleinzuschreiben. Nun, jedem das Seine. Aber, liebe Kleinschreiber: ihr solltet Euch bewußt sein, daß Eure Texte dadurch weniger gelesen, schlechter verstanden und weniger ernstgenommen werden.

    Der Hauptgrund: Kleinschrieb stört den Lesefluß. Mir jedenfalls geht es so, und mehrere wissenschaftliche Studien belegen es - es gibt sogar eine, derzufolge selbst englische Muttersprachler einen englischen (!) Text mit Substantivgroßschreibung schneller lesen und besser rezipieren. Ich habe es mir jedenfalls zur Gewohnheit gemacht, Texte in Kleinschrieb grundsätzlich zu ignorieren, und ich vermute, daß ich da nicht der Einzige bin. Kleinschrieb ist eine Belästigung des Lesers - wie, sagen wir mal, absichtliches Nuscheln am Telefon.

    Kleinschreiber setzten sich außerdem einem bestimmten Verdacht aus. Ungefähr wie ein Autofahrer, der auf der Autobahn notorisch mit 70 dahinzockelt, um für ein generelles Tempolimit zu demonstrieren. Solche Leute halten sich für ungeheuer fortschrittlich und merken nicht, daß sie sich einfach nur spießig benehmen -- indem sie ihre absolut gesetzten Überzeugungen unbedingt anderen Leuten aus Auge drücken wollen oder schlicht eine skurrile Protzerei betreiben. Seht, wie intellektuell ich bin! Mag der Eindruck täuschen oder nicht: er ist da, und er wird dazu führen, daß so mancher Leser - selbst wenn er den Text überfliegt - von vornherein eine Abwehrhaltung einnimmt.

    Psychologe wissen: niemand läßt sich gern ungefragt belehren. Jüngsten Zahlen zufolge lehnen über 90% der Bevölkerung selbst die (viel geringfügigeren) Korrekturen durch die sog. Rechtschreibreform ab. Wenn Eure Kommentare hier einen Sinn haben sollen, dann, liebe Kleinschreiber, verstehe ich nicht, warum ihr diesen 90% Eurer potentiellen Leser erst mal auf den Nerven herumtrampeln müßt.

  5. Dem Vorredner ist völlig zuzustimmen - die Politik darf sich nicht einmischen in eine Entscheidung einer Jury, die aus Literaten besteht. Soviel Demokratie muss sein. Im Übrigen hat Handke nie serbische Kriegsgreuel geleugnet - er hat sich nur gegen die Pauschalisierung gewehrt, die damals gegen ganz Serbien ausgeübt wurde. Die Situation im Balkan zu beurteilen, sollten sich vor allem Deutsche verbieten, deren Geschichte diesbezüglich nicht rühmlich ist und die man nicht verstehen kann, wenn man nicht auch die Gegenseite (Albaner und Bosnier) berücksichtigt.

  6. Also bitte schoen - wo gaebe es einen literarischen Preistraeger in Deutschland, der sich nicht seinerseits in die Politik eingemischt haette. Z.B. Guenther Grass in der gleichen Online-Ausgabe dieser Zeitung - natuerlich in bewaehrtem Anti-Amerikanismus.

    Die Politik hat das Recht, sich das Urteile einer offenbar geschichtsrevisionistischen und gegenueber den Opfern des serbischen Aggressionskriegs vollkommen unsensiblen Jury anzusehen - und zu revidieren.

    Am meisten entsetzt mich in der Jury nicht die Altlinke Loeffler, sondern die den Frauen-Mainstream vertretende Alice Schwarzer. Ich erinnere mich, wie ich 1993 mit wenigen hundert jugoslawischen Frauen auf dem Bonner Marktplatz gegen die Massenvergewaltigungen in Ost-Bosnien demonstriert habe. Das war zu einer Zeit, als Friedens- und Frauenbewegungen hunderttausende mobilisieren konnten. Die gleichen Leute, die damals feige weggesehen haben, setzen heute noch eins drauf.

    • eik
    • 02.06.2006 um 10:03 Uhr

    Auch ich bin dafür das Handke den Preis bekommt, denn wir können doch nicht die Menschen, die den momentanen Zeitgeist nicht bedienen ständig zurücksetzen. Wieviel Demokratie darfs denn bitte schön sein?

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