New York, 1984. Ein junger, schwarzer Amerikaner tanzt mit Rollschuhen auf einer Kreuzung. Er schwingt vor und zurück und dreht sich zu einem imaginären Rhythmus, zu der Melodie des Verkehrs, den Sirenen der Polizeifahrzeuge, dem Klang der Stadt. Klicken Sie hier, um einen Ausschnitt aus "Rising Tones Cross" zu sehen. BILD

An einer Hausmauer steht ein schwarzer Saxofonist und übt. Manchmal werfen die Vorbeigehenden Münzen in seine neben ihm liegende Mütze. Doch niemand bleibt stehen, alle haben es eilig. Der Saxofonist spielt, die Kamera fährt nach oben. Später sieht man den Saxofonisten in seiner Wohnung. Er erzählt von den Großen des Jazz, von seinen Vorbildern. Und er erzählt von Armut und davon, in Mülltonnen nach Essbarem zu suchen. Nur, um spielen zu können. Stunden, Tage. Seine Musik, die es schwer hat, eine Bühne zu finden. Denn sie ist sperrig, wütend und verwundbar. Sie hat keinen klaren Rhythmus, keine durchgehende Melodie. Sie sucht, fragt. Töne steigen auf, kreuzen einander, Rising Tones Cross .

Der Saxofonist ist Charles Gayle und der Film ein Portrait über ihn, über die Stadt und die Musik, in der er lebt. Die Kamera begleitet ihn durch die Straßenschluchten und die Hitze des New Yorker Sommers. Sie zeigt seinen schmalen, geraden Rücken in dem dünnen, weißen T-Shirt und sein Lächeln nach dem Spielen. Es ist die Zeit, Mitte der achtziger Jahre, als sich die Szene des New Thing in New York verdichtet. Der Bassist William Parker und seine Frau, die Tänzerin Patricia Parker, haben gemeinsam mit dem deutschen Künstler A. R. Penck ein Festival für Free Jazz, Kunst, Tanz und Theater organisiert. Es versammelt und präsentiert Musik, die sich sonst in dunklen Wohnungen und an Straßenrändern verliert.

Auch Peter Kowald gehört zu den Suchenden, der deutsche Bassist aus Wuppertal. Die Kamera beobachtet ihn, wie er seinen schwarzen Basskoffer über die Bürgersteige rollt. Später erzählt er, dass die Neue Experimentelle Musik der jungen, weißen New Yorker Downtown Szene eigentlich die interessantere sei. Aber sie sei vor allem intellektuell, ohne die Gefühlstiefe und Improvisationsdichte des Jazz. Er erzählt vom alltäglichen Rassismus, von Jobs, die er nur bekommt, weil er weiß ist. Und auch davon, wie getrennt die Szenen voneinander sind.

Es gibt Ausnahmen. Die Kamera zeigt einen sehr jungen John Zorn, der eine Klarinette zerlegt hat und auf den einzelnen Teilen unter Wasser bläst. Dazu improvisiert ein ebenfalls sehr junger Wayne Horwitz Geräusche. Später sieht man beide mit Charles Gayle und Peter Kowald und dem schwarzen Flötisten Roy Campbell.

Peter Kowald hatte die junge deutsche Filmemacherin Ebba Jahn ermuntert, eine Dokumentation über die Free Jazz Szene New Yorks zu machen. Ihr Film nähert sich sehr leise den Musikern an, beobachtet sie, ohne zu kommentieren. Dazu entwirft der Film ein Bild der Stadt und man meint, die Wärme der Hausmauern und das Surren der Klimaanlagen zu spüren. Es ist ein Sommer des Aufbruchs. Das Festivals beginnt in einer Turnhalle, mit großen Leinwänden von Penck und seinen tanzenden Schattenfiguren als Bühnenbild.

Rising Tones Cross wird jetzt nach langer Zeit wieder gezeigt, auf dem ersten Interplay! -Filmfestival für Free Jazz und Improvisation in Berlin. Ebba Jahn, die in New York lebt, und Helma Schleif, Leiterin des Berliner Total Music Meetings, haben diese Veranstaltung ins Leben gerufen.

Zu sehen sind Filme, die einen Einblick in die Entwicklung des Free Jazz und der improvisierten Musik in Amerika und Europa geben. So ist es den beiden Kuratorinnen unter anderem gelungen, die einzige existierende 35-Millimeter-Kopie des Ornette Coleman-Portraits Made In America nach Berlin zu holen. Der Film von Shirley Scott soll das Festival am 2. Juni eröffnen. Er begleitet Ornette Coleman in seine Heimatstadt Fort Worth, Texas, zur Uraufführung seines Werkes Skies Of America . Er zeigt die Verleihung des „goldenen Schlüssels der Stadt Fort Worth“ durch den Bürgermeister und das Geburtshaus Colemans neben den Eisenbahnschienen, auf denen immer noch der Santa Fe-Express vorbeifährt.