Vor seiner Reise nach Polen lasteten viele Hoffnungen auf Benedikt XVI. Von den ramponierten deutsch-polnischen Beziehungen bis zu den Auseinandersetzungen innerhalb der polnischen Kirche : Der Papst sollte vermitteln, zum Symbol werden, wie es Johannes Paul II. war. Nicht alle dieser Hoffungen hat er erfüllt, zum Teil bewusst. Aber er hat die schwierige Balance zwischen gebührender Würdigung seines Vorgängers und völliger Vereinnahmung gefunden.

Auf dem Warschauer Pilsudski-Platz hatte Johannes Paul II. einst Millionen Landsleute zum Widerstand gegen den Kommunismus aufgerufen. Benedikt XVI. forderte von den Polen nur Stärke und Hoffnung im Glauben, die auch hier nicht mehr selbstverständlich sind, seitdem der Kommunismus Geschichte geworden ist. In Krakau, der wichtigsten Wirkungsstätte seines Vorgängers, sagte er vor fast einer Million Pilgern, der Besuch sei ihm ein Herzenswunsch gewesen: "Das Krakau von Karol Wojtyla ist auch mein Krakau." Im Pilgerort Tschenstochau riefen 300.000 Gläubige "Lang lebe der Papst" und in Wadowice, dem Geburtsort Johannes Pauls, versprach Benedikt, für die Seligsprechung seines Vorgängers zu beten.

Die Reise war also ein Erfolg. Nur der ehemalige Solidarnosc-Führer und spätere Staatspräsident Lech Walesa relativiert: "Der Besuch des Papstes ist ideal verlaufen, doch in unseren Herzen fühlen wir noch immer Schmerz" über den Tod von Johannes Paul. In diesen Worten schwingt viel von dem polternden Ton mit, in dem der ehemalige Elektriker einst den Kommunismus in seinem Land zu Fall brachte. Aber es steckt auch ein Funke Wahrheit darin: Eine Integrationsfigur wie sein Vorgänger kann der Deutsche nicht sein. "Nasz Papiez" nannten die Polen Johannes Paul II.: "unseren Papst".

In Auschwitz trat Benedikt XVI. seinen schwersten Gang an: Alleine ging er den langen Weg entlang der Gefängnisblocks, auch vor der Mauer des Todes stand der deutsche Papst alleine da, mit vom Wind zersaustem weißen Haar. Die Anspannung und die  Strapazen seiner viertägigen Reise waren dem 79-Jährigen anzusehen. Als er gleichaltrigen Überlebenden des Vernichtungslagers begegnete, wirkte er unbeholfen. Hier war Benedikt XVI. wieder Joseph Ratzinger, Generation Flakhelfer. Euer Papst.

Mehr als eine Million Menschen wurden in diesem Lager von Deutschen ermordet. Vor 27 Jahren hatte Johannes Paul II. an dieser Stelle zur Versöhnung aufgerufen, wollte weder Entschuldigungen noch Schuldzuweisungen zulassen. In seiner Ansprache widmete der neue Papst dem Vorgänger eine lange Passage. Doch den Worten des Polen fügt er nicht viel hinzu. Seine erste amtliche Äußerung über die Beziehung von Deutschen und Juden zeigt, wie schwer sich die Kirche auch nach 60 Jahren mit den Verbrechen des Nationalsozialismus tut.

Als Kind des deutschen Volkes sei ihm der Besuch in Auschwitz eine Pflicht gegenüber der Wahrheit und gegenüber Gott gewesen, sagte Benedikt XVI. Als dieses Volkes Kind, über das "eine Schar von Verbrechern mit lügnerischen Versprechungen Macht gewonnen, es als Instrument gebraucht und missbraucht" habe, stand Joseph Ratzinger unter einem Regenbogen, der sich plötzlich über den ehemaligen Lagerinsassen und ihren Angehörigen spannte. Er sagte, die Nazis hätten mit den Juden das Volk vernichten wollen, "zu dem Gott am Sinai gesprochen" habe, und damit die Wurzel auszureißen versucht, auf dem der christliche Glauben beruhe. Das mag theologisch betrachtet stimmen. Doch das Christentum als Opfer des Holocaust? Die Lagerschergen und Folterärzte belogen, missbraucht und verführt?