Gewerkschaft Politik aus dem MuseumSeite 2/2

Ähnliches gilt für die Gewerkschaften. Es ist kein Zufall, dass sich die Ärztevertretung Marburger Bund von der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di abkoppelte. Auch wenn bislang noch kein neuer Tarifvertrag für die Ärzte zu Stande gekommen ist, wird ein solches Abkommen in jedem Fall besser ausfallen als das, was ver.di erreichen kann - nicht, weil die Dienstleister keinen ausreichenden Druck auf die Arbeitgeber ausüben könnten, sondern weil der interne Ausgleich sie daran hindern würde, zu hohe Forderungen zu stellen. Und der DGB, das ist ver.di hoch zehn, jedoch ohne deren direkte Macht.

Soll man es fürchten, wenn die Einheitsgewerkschaft auseinander bricht? Michael Sommer tut es und kündigte an, alles dafür zu tun, "um den Laden zusammenzuhalten". Doch in einer Lage, wo ein nicht unbeträchtlicher Teil seiner Basis "letztlich politikunfähig" ist, wie die Süddeutsche Zeitung analysiert, stehen die Chancen schlecht, dass der DGB-Vorsitzende damit Erfolg haben wird. Es sei denn, es gelänge ihm, ähnlich flexibel je nach Berufsgruppe und Mitgliedsgewerkschaft zu agieren, wie es jene IG-Metall-Bezirke vormachen.

Die Forderung nach einem bundeseinheitlichen Mindestlohn weist nicht in diese Richtung. Zumal sowohl die Bundeskanzlerin wie Müntefering dieser Idee nicht völlig ablehnend gegenüber stehen, nur eben nicht in dieser Absolutheit. Doch bei 4,6 Millionen Arbeitslosen im Mai und mehr als 30.000 fehlenden Lehrstellen ist die Zeit längst überreif für ein neues Denken. Sonst wäre es vielleicht nicht das Schlechteste, manche DGBler täten sich doch mit Lafontaine zusammen und gründeten ein Politikmuseum.

Mehr aus der Welt der Wirtschaft lesen Sie hier

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 29.05.2006 um 10:23 Uhr

    Das Problem des DGB, aber auch der "Einzel" Gewrkschaften ist ihre Konzentration und ihre faktische Entdemokratisierung. Allein durch das Zusammenfassen zu immer größeren Einheiten haben die Gewrkschaften extrem viele Mitglieder verloren. Da der Ausgleich so vieler unterschiedlicher Gruppen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einerseits Gleichmacherei hervorgebracht hat, anderseits die Funktionärsmacht der Zentralen gestärkt hat, was wohl auch das gewollte Ergebnis war und Ignoranz der Erkenntnis, dass Monopole sich immer selbst ursupieren.

    In einer immer pluralistischeren Gesellschaft ist eine Einheitsgewerkschaft ein Anachronismus, der die Spaltungder Gesellschaft beschleunigt, weil sie keine Vielfalt mehr kennt!

    B Grabe

    • janko1
    • 27.05.2006 um 4:46 Uhr

    Ein bisschen Geschichte
    Mitte der 70er Jahre gab es noch in den Entwicklungsabteilungen die Philosophie:
    Erst dann, wenn du all dein Wissen in dein Produkt hinein gegeben hast, ist Produkt zu Ende entwickelt. Gut oder weniger gut ist natürlich abhängig von der Fähigkeit des Entwicklers. Wir hatten sehr viel Zeit für die Forschung und Entwicklung.

    Nun, Ende der 70er Jahre haben die Gewerkschaften Lohn- und Gehaltserhöhungen von 10% oder sogar 14% erreicht.
    --Damit sind automatisch auch die Einkünfte der Führung unverhältnismässig gestiegen.
    --Anfang der 80er Jahre hat man schon gemerkt, dass auch die Entwicklung ein Kostenfaktor ist, mit dem Ergebnis, es war nicht mehr möglich das Produkt zu Ende des Wissens zu entwickeln.
    --Ohne jeden Zweifel ist die Mitbestimmung und die Gewerkscahft notwendig und ein Erfolg aber mit dem wesentlichen Nachteil, dass die Elektriker und Schlosser, mit wenig Wissen und mit opportunistischem Verhalten zu der Gewerkschaftsführung in den Führungsgremien zusammen mit Aufsichtsräten sitzen.
    --Und in der Politik so wenig Leute aus der Industrie sitzen
    --In den Grundschulen gab es Klassen mit 30 bis 35 Kindern (Dänemark15 bis 20)

    Eine weise Gewerkschaftsführung hätte damals wissen können, dass man mehr und bessere Bildung braucht und die wenige wirklich innovative Köpfe in der Entwicklung die Freiheit haben müssten ähnlich wie vor der 80er Jahren.

    Es entsteht der Eindruck, dass die Gewerkschaft nicht mal heute, trotz allen Pisa Studien, noch nicht so weit ist, die echten Probleme dieser Gesellschaft zu verstehen.

  1. ""Wer braucht noch den DGB?", fragt die Presse und urteilt: "letztlich politikunfähig". Karsten Polke-Majewski kommentiert das aktuelle Meinungsbild"

    Mein Kommentar: Falsch! Karsten Polke-Majewski kommentiert nicht das aktuelle Meinungsbild, sondern faßt es kommentarlos zusammen. Sein "Kommentar"

    "Doch bei 4,6 Millionen Arbeitslosen im Mai und mehr als 30.000 fehlenden Lehrstellen ist die Zeit längst überreif für ein neues Denken."

    ist inakzeptabel. Von einem Qualitätsblatt wie der ZEIT erwarte ich zumindest Ansätze dieses geforderten neuen Denkens!

    Hanjoheyer

  2. Keiner braucht mehr einen auf völlig sinnlose Ziele ausgerichteten Gewerkschftsverbund altväterlichen Herkommens. Was Not tut ist kein Mindestlohn -wie weit soll der denn dann sinken bei Produktionskosten in China von einigen Cents pro Stunde - als viel mehr betriebs- und brancheninterne Flexibilität. Der Mut auch den Leuten zu sagen, dass es mit den typischen deutschen Konfliktritualen vorbei ist und statt dessen zugegeben werden muss ,dass in einer globalisietrten Welt nationale Zielsetzungen keinen Sinn mehr machen. Die individuellen Interessen und Gruppenbildungen sind nicht mehr auf der Ebene des Nationalstaates, sondern global definiert. Sehr weit gesträute individuelle Interessen gehen einher mit konjunkturellen Momentkoalitionen, da ist kein Platz mehr für einen allumfassenden Gewerkschaftbund, der viel Geld kostet und letzendlich den Sozialabbau nicht generell stoppen kann.
    Der Artikel macht klar: Auf also und mehr Mut zum Streit und zum Eingeständnis unseres wohlverstandenen Eigeninteresses.

    • rawe64
    • 26.05.2006 um 18:21 Uhr

    Das aktuelle Erscheinungsbild des DGB kann man kaum noch ertragen: Machtkämpfe im Vorstand, grandiose Realitätsverweigerung, Trillerpfeifen anstelle von Argumenten, VW-Affäre, (Fast-)Pleiten von gewerkschaftseigenen Firmen und Applaus für Oskar Lafontaine.

    Noch kurz zu obiger Frage: in dieser Verfassung niemand.

    • eik
    • 28.05.2006 um 10:14 Uhr

    Was Deutschland einst stark machte, war der gesunde Mittelstand. Der ist nun kaputt, kaputt "sozialisiert".
    Das Unternehmertum in Deutschland braucht mehr Freiheit und mehr Luft zum Atmen. Das ganze parasitäre Pack das sich an die Wirtschft geheftet hat und ihm seit Jahren die Luft abdrückt muß weg, wenn es nicht sowieso schon zu spät ist. Das Sterben der kleinen und mittelständischen Betriebe, die eigentlich die Hauptsteurlast tragen geht rasant weiter und oben spielen sie weiter "Sozialstaat". Keiner geht darauf ein, dass wir als Wirtschaftsstandort an letzter Stelle stehen, hinter Portugal! und wir schmeißen das Geld in Dimensionen hinaus, anstatt es im eigenen Land zu investieren. Der gesamte Staatsapparat gehört so was von zusammengestrichen, ebenso die gesamten sogenannten "sozialen Errungenschaften", die so nicht mehr finanzierbar sind. Wer aber sollte einen solchen Kraftakt vollbringen, wo alle doch wieder gewählt werden wollen. Die nationalen Belange Deutschlands spielen schon lange keine Rolle mehr.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service