Arbeitsmarkt Clevere und Hoffnungslose
Es fehlen wieder viele Lehrstellen in Deutschland. Ob eine Kürzung der Lehrlingsgehälter die Misere abstellen hilft, bleibt zweifelhaft. Das aktuelle Meinungsbild
Bis zu 50.000 Lehrstellen werden fehlen. Mit dieser Größenordnung zumindest rechnet die Bundesregierung für das laufende Ausbildungsjahr. Ob diese Zahl so stimmen wird oder womöglich noch viel höher liegt, sei dahingestellt. Auch 50.000 wären schon ein Debakel. Angesichts der aktuellen Hartz-IV-Debatte bemerken die Nürnberger Nachrichten zu Recht, dass der Engpass bei den Lehrstellen ein Thema sei, "das wichtiger ist als die nächste Reform der Arbeitsmarkt-Reform".
Um das Debakel irgendwie abzuwenden, hat sich Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) für eine Kürzung der Lehrlingsgehälter ausgesprochen. Dieser Vorschlag kommt regelmäßig, üblicherweise aus den Reihen der Arbeitgeberverbände. Nur weiß man auch, dass es am Geld alleine nicht liegt, dass zu wenig Ausbildungsplätze angeboten werden - zumal die Kosten für eine Lehrstelle ohnehin recht niedrig sind. Die Westdeutsche Zeitung befürchtet daher eine Vorlage von Glos an die Unternehmen: "Es wäre die Aufgabe des Wirtschaftministers, den Druck auf die Unternehmen zu erhöhen, ihre Zusagen zum Ausbildungspakt einzuhalten. Immerhin hatte die vorherige Bundesregierung dafür von der angedrohten Ausbildungsplatzabgabe Abstand genommen. Stattdessen liefert Glos der Wirtschaft schon jetzt die Entschuldigung dafür, warum auch in diesem Jahr nicht genügend Ausbildungsstellen zur Verfügung stehen werden."
Die Heilbronner Stimme weist auf den Umstand hin, dass "Betriebe, die schließen mussten, (...) keine Lehrlinge mehr aus(bilden). Die noch existierenden können dieses Defizit nicht ausgleichen." Immer mehr Betriebe ziehen sich aus der Ausbildung zurück, trotz der düsteren Prognose, dass der deutschen Wirtschaft 2015 bis zu 3,5 Millionen Fachkräfte fehlen könnten. Das wiederum hat mit dem Faktor Demografie zu tun, wie der Münchner Merkur bemerkt: "Am Ende wird die Ausbildungsmisere alle treffen. Dann nämlich, wenn in nur wenigen Jahren nicht mehr genug junge Leute für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, ganz einfach, weil die Deutschen zu wenig Kinder haben. Es müsste das ureigenste Interesse der Unternehmen sein, heute die Fachkräfte für die Zukunft auszubilden."
Ein weiteres, wesentliches Problem der Misere ist außerhalb der Wirtschaft zu finden. "Die Zahl der Schulabgänger, die nicht einmal mehr über die Grundvoraussetzungen für eine Lehre verfügen, wird stetig größer", schreibt die Rhein-Neckar-Zeitung . Dort kann man dem Vorschlag des Wirtschaftsministers zumindest eines abgewinnen: "Nimmt sich ein Betrieb eines schwer vermittelbaren Jugendlichen an, könnte er für den zusätzlichen Aufwand, etwa, um die schulischen Grundkenntnisse nachzuholen, durch geringere Lohnkosten entschädigt werden."
Unser Bildungssystem hat sich den Erfordernissen der Zeit jedoch nicht angepasst, so sehr man das bedauern mag. In keinem anderen Industrieland gibt es ein derart strikt gegliedertes Schulsystem, in dem die Entscheidungen über künftige Lebenschancen der Schüler so früh gefällt werden. Übrig bleiben in diesem System Jugendliche mit Hauptschul- oder auch schlechtem Realschulabschluss, die auf dem Lehrstellenmarkt nicht mehr zu vermitteln sind. Wollen wir also für die Zukunft vorsorgen, hilft es nicht nur, auf die Unternehmen zu schimpfen. Auch an der Basis muss gearbeitet werden. Und das bedeutet, dass zumindest die Hauptschule abgeschafft werden muss.
- Datum 06.06.2006 - 12:30 Uhr
- Quelle ZEIT online
- Kommentare 22
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Stimmt, entweder zahlen die Eltern das Schuldgeld, ODER: der Schueler nimmt einen entsprechendn Kredit auf, der dann NACH Abschluss der Ausbildung und mit Arbeitsbeginn jahrelang abbezahlt wird.
Ich persoenlich habe das oft gehoert. Mein Mann hat selbst ein Stipendium gehabt, aber fuer seine Brueder wurde das Collge bezahlt. Nun waren beide Elternteile auch Beamte, als konnten sie das auch. In anderen Faellen wird eben der Kredit abgezahlt, wenn man dann spaeter in dem Beruf arbeitet. Das ist ganz normal und absolut nicht aussergewoehnlich.
Stimme Dir auch sonst zu, es liegt schon extrem am Elternhaus, was aus den Kindern wird. Keine Frage!
"Wie viele Jugendliche zeigen sich lustlos im Ausbildungsbetrieb, weil der zu erlernende Beruf nicht der Traumkarriere entspricht?"
Motivation ist alles! Haben Sie schon einmal versucht, junge Menschen, die nach 9 Jahren eine Schule verlassen, keinen Abschluss haben und seit Jahren hören, sie sind eh die Verlierer der Nation, zu motivieren? Haben Sie schon einmal versucht, junge Menschen, die halt irgendwas lernen, was weder in ihrem Bekanntenkreis noch ganz allgemein in Deutschland Achtung verdient, zu motivieren. Ich spreche hier z.B. von Friseurinnen, Metzgern oder Bäckereifachverkäuferinnen. Die Worte Beruf und Berufung liegen in unserer Gesellschaft sehr nah zusammen. Man will einen Traumberuf haben, der einen Achtung und ein sehr gutes Einkommen verschafft. Leider ist das heute in Deutschland fast ausschließlich nur den Gymnasiasten z.T. möglich.
Dann kommt noch das Lernen am Modell dazu. Kinder aus sozial schwachen Familien lernen von der ersten Sekunde an, dass man morgens lange schläft, bereits zu Mittag das erste Bier trinkt, ständig auf den Staat schimpft, der ungerecht zu einem ist, den ganzen Tag den Fernsehe laufen lässt, dass es Leute gibt, die einem Handys, die von einem Lastwagen gefallen sind, besorgen, dass man sich am besten mit dem System, so wie es ist arrangiert, man kommt da eh nicht raus. Die Eltern leben es den Kindern vor. Das Elternhaus vermittelt Werte. Die werden übernommen. Diese Menschen werden auch dann keine Ausbildung machen, wenn sie sich eine aussuchen dürfen und dafür bezahlen müssen.
Möglicher Weise wäre es mal gut, eine Grundsatzdiskussion darüber zu eröffnen, welche positiven Wirkungen Arbeit hat. Auch die, die man nicht mit einem Traumjob verbindet. Was man doch alles aus seinem Leben mit einer festen Anstellung als Bäckereifachverkäuferin oder Maler machen kann. Welche Möglichkeiten man zur Selbständigkeit hat. Wie schön ein Leben sein kann, das leider die Selbstverwirklichung über den Beruf nicht enthalten hat.
Wie gesagt, Motivationn ist alles. Ich weiß auch nicht immer, wie man die jungen Leute noch irgendwie motivieren kann. Die Erfahrung zeigt aber das: Wenn sie sehen, dass ein selbstbestimmtes Leben mehr lebenswert ist, als ein "sozialamtabhäniges", dann entsteht sogenannte intrinsische Montivation. Eine Motivation von innen, die im Menschen wächst und ihn antreibt vorwärts zu kommen.
Wir haben in Deutschland durchaus das Problem, dass die sozial schwache Schicht nicht ganz klein ist. Wir hatten auch eine Einwanderungspolitik, die ganz besonders Menschen in Land holte, die dieser Schicht angehören. Das verschärft die Situation noch mal. Hier liegt auch das Ausbildungsproblem, diese Leute sind schwer bis gar nicht vermittelbar, bzw. schmeißen eh gleich die Lehre wieder hin. Dieses Problem kann ich nicht den Unternehmen aufhalsen und ich kann es auch nicht mit der Kürzung von Lehringsgehältern lösen.
Würden SIE einen seinstellen, der Sie fast soviel kostet wie eine vollzeitkraft, der vor Forderungen nur so strotzt und in der Schule mehr mit Konflikten als mit dem Lehrstoff konfrontiert wurde und zudem oftmals ein komplettes halbes Jahr fehlt?
Die Antwort erklärt das Problem.
Wenn Gewerkschaften und SPD Arbeitspolitik betreiben, kommt sowas raus.
Hallo,
Die Ausbildung von Azubis kommt einen Betrieb wesentlich teurer, als hier dargestellt.
700 Euro Verguetung pro Monat ueber die Ausbildungszeit plus AG-Sozialversicherungsanteile 120 Euro ergeben 820 Euro,
bei urlaubs- und feiertagsbereinigt etwa 100 Stunden pro Monat Anwesenheit im Betrieb ergeben bereits die reinen Verguetungszaehlungen mehr als 8 Euro pro Stunde Anwesenheit im Betrieb,
dazu kommen die Kosten der betrieblichen Ausbilder und zwar nicht nur reine Unterrichtszeit, sondern auch noch ein ueberdurchschnittlich hoher Verwaltungsaufwand an diverse öeffentlich-rechtliche Kontrollinstanzen.
Ausbildungsbetriebe sitzen dabei am Ende einer Kette von ungünstigen Entwicklungen, die bei fehlenden Kita's beginnt und sie muessen seit Jahren Defizite der "Vorinstanzen" ausgleichen, indem sie beispielsweis Rechenarten, die auch nur geringfuegig ueber die Grundrechenarten hinausgehen, und Rechtschreibkenntnisse vermitteln muessen, wenn dies fuer das Berufsbild erforderlich ist.
In das betriebliche Ausbildungswesen wurden so kontinuierlich ursprueglich staatlicher Aufgaben "hineinprivatisiert", und dass diese zusaetzlichen Ausbildungsaufgaben von Ausbildungsbetrieben nicht gerade mit Begeisterung uebernommen wurden,ist doch eigentlich verstandlich - insbesonders, wenn durch Betriebsverlagerungen innerhalb Europas auf WESENTLICH besser ausgebildete Mitarbeiter zurueckgegriffen werden kann.
Gruesse Gabi
Noch ein paar Klarstellungen. Zunächst die Begrifflichkeiten: "Unterschicht" klingt natürlich irgendwie abwertend. "Bildungsferne Schichten" ist mir zu gespreizt. Wer bessere Begriffe kennt: her damit. Jedenfalls ist für mich nicht "Oberschicht" der Gegensatz zu Unterschicht, sondern "Mittelschichten". Man denkt sonst immer nur an reiche Leute. Mittelschicht reicht mindestens vom Facharbeiter bis zum Oberarzt, ja sogar darüber hinaus bis zum einfachen Arbeiter, der ackert, damit es seine Kinder mal besser haben. Damit erledigt sich auch Dein Einwand: keineswegs alle Mittelschichtkinder studieren.
Sodann: klar ist der Vorsprung von Mittelschichtkindern auch auf die größeren Ressourcen ihrer Eltern zurückzuführen. Ich kann das sogar präzisieren: die deutschen Bildungsausgaben insgesamt sind im internationalen Vergleich gar nicht so niedrig. kaum irgendwo aber ist der Anteil der PRIVATEN Bildungsausgaben so hoch wie bei uns - im Klartext: in kaum einem Industrieland liegt die Last der Ausbildung, von Nachhilfe bis Studentenunterhalt, so sehr auf den Schultern der Eltern. Klar, daß das die Chanchenungleichheit verstärkt.
Richtig ist, was Sie am Beispiel Frankreich zeigen: kein Staat kann ein verantwortungsvolles Elternhaus ersetzen, und es ist gefährlich, dies zu versuchen. Er kann und sollte aber versuchen, ein verantwortungsLOSES Elternhaus zu kompensieren. Zugegeben, eine schwierige Gratwanderung. A propos Frankreich: kennen Sie die Verhältnisse dort näher? Sind Kinderhorte und Kindergärten dort eher Verwahranstalten, oder werden die Kinder intensiv und von geschultem Personal betreut, mit dem obersten Ziel, ihnen möglichst viel BEIZUBRINGEN?
Sie schreiben: >>gelernt werden kann überhaupt erst, wenn das Umfeld stimmt. Und hierzu kann auch der einfachste und ungebildetste Sozialhilfeempfänger ohne Bücher beitragen, nämlich seinem Kind einige grundlegende Benimmregeln mit auf den Weg zu geben.
M.W. fehlen 2006 keine Fachkräfte, es gibt vielmehr eine hohe Arbeitslosigkeit. Steigenden Bedarf an Fachkräften sehe ich angesichts Rationalisierung und Arbeitsplatzverlagerung ins Ausland nicht. Einen gleichbleibenden Bedarf können aber auch die jetzigen Arbeitnehmer decken.
Da es kaum noch Arbeitnehmer über 50 gibt, braucht man nur mit der Frühverrentung aufhören und hat damit die nächsten 15 Jahre genug Arbeitskräfte.
Danach wird infolge der Schrumpfung der Bevölkerung und damit schrumpfender Nachfrage auch die Wirtschaft schrumpfen und auch damit der Bedarf an Arbeitskräften.
Genau das erwarten Sie von Ausbildungsbetrieben. Ein Handwerker verrät einem Azubi sein Knowhow und muss ihm noch Geld zahlen. Wenn ein Bäcker sein Brot verschenken müsste und dem Kunden noch Geld hinterherwefen, dann gäbe es ab morgen keine Brot mehr zu kaufen. So wird Ökonomie auf den Kopf gestellt. Lassen wir den Azubi stattdessen einen angemessenen Betrag zahlen für die Lehre (Lehrgeld!), die er empfängt, dann gibt es ab morgen Ausbildungsstellen ohne Ende. Das Ausbildungsproblem läßt sich so in 24 h lösen.
Ein weites Feld...
Mit den statistischen Bevölkerungsgruppen haben Sie recht, nur kommt das hier in den Kommentaren manchmal ein wenig abfällig an, und ich bin durchaus nicht unbedingt der Meinung, dass "Oberschichtseltern" immer die besseren sind - sie können nur auf andere Mittel zurückgreifen (wieviel Erziehung findet durch Dritte statt ?). Ausserdem betrifft die Lehrstellensuche deren Kinder weniger, hier geht es um elementare, nicht um akademische Bildung..
Viele Dinge haben zu den Ergebnissen geführt, mit denen wir heute zu kämpfen haben : Die Klein - und Kleinstfamilie (Kinder wurden früher ja nicht nur von den direkten und weiteren Familienmitgliedern, ja sogar den Geschwistern erzogen, sondern auch vom Nachbarn, Gemeindemitgliedern usw.), die Erosion von Autoritäten (selten haben Eltern früher das Wort des Lehrers in Frage gestellt, jetzt ohrfeigen sie diesen vor den Augen der Kinder)...
Ich glaube doch, dass die Frage nach Verantwortung eine grundlegende ist. Denn auch in die von Ihnen angesprochene Elternschule wird ja nur der kommen, der Unterstützung sucht und selbst etwas ändern will. Ähnlich wie bei den Elternsprechstunden mit dem Lehrer - sie werden dort selten die Eltern sehen, die sich am ehesten kümmern müssten.
Ob ein früherer Unterricht ( wie in Frankreich ab 3 Jahren) so viel ändern wird, da bin ich skeptisch. Gerade dort hat es ja die Tendenz auch nicht verändert (dennoch glaube ich, dass es ohne noch schlimmer wäre). Allerdings verlassen sich die Eltern immer mehr, was die Erziehung betrifft, auf den Staat, und meinen inzwischen, dass die Schule mittlerweile alles beibringen soll - von den einfachsten Benimmregeln bis zur Verkehrssicherheit. Es hat Versuche gegeben, sogar das Frühstück in die Schule zu verlegen (aber umsonst, bitte), da offensichtlich einige Eltern morgens nicht einmal dazu imstande sind, ihrem Kind ein solches vorzubereiten, was ich in Deutschland genauso erlebe (Kauf Dir was beim Bäcker !). Mit anderen Worten : Ich glaube, je mehr Hilfe durch den Staat angeboten wird, desto "hilfsbedürftiger" werden die Menschen, desto mehr Eigenverantwortung werden sie abschieben.
Hilfe zur Selbsthilfe ist hier eher angebracht. Wenn Sie das meinten, stimmen wir überein. Wie diese organisiert werden könnte, ist ein anderes Thema.
Aber gelernt werden kann überhaupt erst, wenn das Umfeld stimmt. Und hierzu kann auch der einfachste und ungebildetste Sozialhilfeempfänger ohne Bücher beitragen, nämlich seinem Kind einige grundlegende Benimmregeln mit auf den Weg zu geben.
Was das Problem der Berufsausbildung angeht, so sollte man weniger an den Schultypen basteln, als sich um Inhalte (Ziele) Gedanken machen. Und bundesweit vergleichbare Bildungsstandarts, die erreicht werden müssen, dass die Betriebe überhaupt verlässliche Auswahlkriterien an die Hand bekommen. Wie schon gesagt wurde - ein bayerischer Hauptschulabschluss ist mit Sicherheit mehr Wert als ein Berliner, wahrscheinlich teilweise sogar mehr als ein Realschulabschluss in der Hauptstadt. Und zur Disziplin :
Ich kenne persönlich mehre Handwerker, die keine Lehrlinge mehr nehmen. Nicht nur wegen der mangelhaften Schulbildung, sondern auch wegen der Schwierigkeiten, die diese haben, Autoritäten anzuerkennen und sich diszipliniert zu verhalten.
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