An was denkt ein Student in der Vorlesung? Wer war wohl die Schöne in der vierten Reihe. Will er das wissen, ohne sie direkt anzusprechen, kann er jetzt auf die moderne Technik hoffen. Denn mit einem Profil bei Studiverzeichnis oder Studylounge könnte es vielleicht doch noch klappen mit der Kontaktaufnahme.
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Social Networks wie diese sind das Online-Segment mit den am schnellsten wachsenden Nutzerzahlen. Rupert Murdochs Plattform MySpace.com erreicht inzwischen schon 50 Millionen Menschen, die College- und Universitätsplattform Facebook.com hat in anderthalb Jahren fast acht Millionen amerikanische Studenten dazu gebracht, sich auf ihren Seiten zu registrieren.

Dort präsentieren sich die Studenten ihren Kommilitonen, suchen nach Gleichgesinnten und Freunden. Ihre Profile zeigen den anderen Nutzern, wer sie sind, wen sie im Netzwerk kennen, was sie im realen Leben mögen und was sie suchen. Von politischer Einstellung und Religionszugehörigkeit über Hobbys, sexuelle Ausrichtung und belegte Kurse an der Universität bis zur Angabe, dass der Nutzer nur auf der Suche nach einem schnellen Flirt sei - alles lässt sich eintragen und viele nutzen dieses Angebot in vollem Umfang.

Auch für die 2,3 Millionen deutschen Studenten ist das Internet längst ein unverzichtbarer Kommunikationsweg geworden. So zum Beispiel für Ehssan Dariani. Eigentlich sollte er sich in Sankt Gallen dem Studium der Wirtschaftswissenschaften widmen. Aber Dariani wohnt in Berlin und verbringt seine Zeit lieber mit dem Internetportal Studiverzeichnis, das er selbst vermarktet. Ende 2005 als studentisches Projekt gestartet, hat der erste deutsche Facebook-Klon mittlerweile mehr als 30.000 Nutzer. Jeden Tag kommen mehrere hundert hinzu.

Christoph Berger studiert Betriebswirtschaft. Doch eigentlich wirbt er vor allem für sein neues Portal Studylounge. Er ist Vorstand der Intergenia AG, einem Webhosting-Anbieter aus der Nähe von Köln. Dort baute er das Konkurrenzportal zu Studiverzeichnis auf. Seit Anfang Mai ist es im Netz zu finden. Angeblich können die Kölner schon 12.000 Nutzer vorweisen. 200.000 bis 300.000 sollen es bis zum Ende des Jahres werden.

Dariani von Studiverzeichnis will da schneller sein: "Wegen des exponenziellen Wachstums werden wir spätestens im Juli die 100.000er-Marke knacken", glaubt der Jungunternehmer. Beworben werde sein Portal vor allem von Mund zu Mund. An einzelnen Orten wie Münster und Tübingen hätten die Nutzerzahlen schon eine kritische Masse erreicht, neue Kunden würden nun wie bei einem Schneeballeffekt von ganz alleine kommen. Die Studenten nutzen die neuen Plattformen vor allem, um zu flirten. "Gruscheln" nennt es das Studiverzeichnis, "Zuzwinkern" die Studylounge. Beim Vorbild Facebook gilt das Cyberflirten als "Killer-Applikation", als wichtigste Funktion überhaupt.

Erotisch offenbar erfolgreich, sind beide Angebote ökonomisch bislang nur ein Versprechen. Und ein Hauch von New Economy liegt bei beiden in der Luft, wenn die Rede ist von sechsstelligen Werbebudgets, von zweistelligen Entwicklerzahlen und großen Investoren. Die aber gibt es bislang noch nicht. Immerhin: Gerüchteweise setzt Facebook bis zu einer Million Dollar am Tag mit Werbung um. Auf eine ähnliche Entwicklung hoffen auch die Deutschen. Doch bis zum Jahresende wollen sich beide Plattformen zunächst werbefrei präsentieren - aus Werbegründen.