Es tut sich was in Sachen Ärztestreik. Ausgerechnet aus Bayern kommen jetzt Signale, die Hartmut Möllring, Finanzminister in Niedersachsen und Verhandlungsführer der Länder, kaum gefallen werden. Der bayerische Finanzminister Kurt Faltlhauser (CSU) hat sich mit Vertretern der Ärztegewerkschaft Marburger Bund getroffen und einen Plan ausgeheckt, der den Tarifkonflikt nun endlich zu einem Ende bringen soll. Der neue Vorschlag bleibt zwar unter den dreißig Prozent Gehaltssteigerung, die die Ärzte fordern, bietet aber deutlich mehr als der Abschluss, den die Länder mit der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di vereinbart haben. Auf diesen Abschluss indessen beruft sich Möllring, wenn er weitere Verhandlungen mit dem Marburger Bund ablehnt . BILD

Was Faltlhauser als Grund für seinen Vorstoß nennt, ist so populistisch wie perfide: "Wir können nicht in die WM gehen, ohne dass die Frage der medizinischen Versorgung in den Kliniken geklärt ist", sagte er der Süddeutschen Zeitung . Populistisch ist das, weil die Notversorgung an allen deutschen Universitätskliniken gesichert ist. Kein Fußballfan muss damit rechnen, im Notfall unbehandelt zu bleiben. Es ist perfide, weil Faltlhauser dem Hannoveraner nun ein Ultimatum stellt: Eine Woche hat Möllring noch Zeit. Dann findet in München das Eröffnungsspiel zwischen Deutschland und Costa Rica statt. Wenn aber Bayern aus der Länderfront ausschert, wird auch Baden-Württemberg nicht mehr zu halten sein. Dann könnte in Zeiten des Ärztemangels ein Wettbewerb ums Personal entstehen, in dem die finanzschwachen Nordländer den starken im Süden wenig entgegenzusetzen hätten.

Hinter Faltlhausers Vorschlag stehen außerdem pekuniäre Interessen. Der Bayer ist offenbar  nicht länger bereit, dass unter dem Streik ständig wachsende Defizit der Unikliniken weiter zu tragen, das sich schon auf mehr als 100 Millionen Euro gehäuft hat. Ganz abgesehen von dem Imageschaden, den die Hochschulkrankenhäuser erleiden könnten. An diesem Donnerstag trägt Faltlhauser seinen Vorschlag deshalb im Kreise der Länderfinanzminister vor. Für die kommende Woche sind weitere Verhandlungen angesetzt.

Erstaunliches hört man derweil aus der Uniklinik in Köln. Rund tausend Patienten musste das Krankenhaus abweisen, weil keine Ärzte da waren, um diese Menschen zu behandeln. Verwaltungsdirektor Jörg Blattmann kann dem Streik aber trotzdem etwas Positives abgewinnen. Um die Ausfälle trotz des  Streiks möglichst gering zu halten, organisierte das Krankenhaus sich neu. Die Verantwortlichen dehnten die Zeiten aus, in denen operiert wurde, und nutzten gleichzeitig weniger Säle.

Die überraschende Erkenntnis: "Wir kommen mit weniger als zwanzig Operationssälen aus und können dennoch siebzig Prozent der bisherigen Leistung bringen", sagt ein Kliniksprecher. Normalerweise betreibt das Hochschulkrankenhaus dreißig Operationssäle. Würden die OP-Zeiten  dauerhaft von sieben Uhr morgens bis abends um acht verlängert, könnten die Kölner also leicht auf acht bis zehn Säle verzichten und müssten wesentlich weniger teure Gerätschaften vorhalten. Fünf bis sieben Millionen Euro könnte die Klinik auf diese Weise sparen, hat Blattmann ausgerechnet. Sparpotenziale hat der Verwaltungsdirektor auch auf den Stationen entdeckt. Wenn man beispielsweise Patienten unterschiedlicher Abteilung zusammenlegte und halb belegte Zimmer auffüllte, könnten andere Räume geschlossen werden.

Produziert der Ärztestreik also neue Ideen, dem Motto folgend: die Krise als Chance? Zumindest treten die Schwachstellen des Systems jetzt deutlicher zu Tage, sagt Wilfried von Eiff, Leiter des Münsteraner Centrum für Krankenhausmanagement. "Das Einsparpotenzial ist aber begrenzt." Es liege bei fünf, höchstens bei zehn Prozent. Auch Rüdiger Strehl, Direktor der Uniklinik in Tübingen und Vorsitzender des Verbands der Universitätsklinika, bremst die Euphorie. Die Hochschulkrankenhäuser seien bei der Rationalisierung auf einem extrem unterschiedlichen Stand. Was Köln als neu feiert, sei in Tübingen ein alter Hut. Dort habe die Klinikleitung längst die Operationssäle, auch die Endoskopie und die Labormedizin zentralisiert.

Dennoch hält Strehl den Kölner Weg für richtig. "Nachdem wir die nicht-medizinischen Bereiche durchrationalisiert haben, ist nun der medizinische dran." Bislang hätten die meisten Krankenhäuser dadurch Geld gespart, dass sie beispielsweise Reinigungs- oder Küchenkräfte durch Dienstleister von außen ersetzten oder sich zu Einkaufsgemeinschaften zusammenschlossen, um niedrigere Preise zu erreichen. Nun müssten auch die ärztlichen Tätigkeiten reorganisiert werden.