Mein Leben mit Musik (21) Ich höre Marmelade
Fünf von hundert Menschen sollen Klänge sehen, fühlen, schmecken, tasten können. Sie verfügen über die Gabe der Synästhesie, eine multiple Sinneswahrnehmung. Unserer Autorin wird das manchmal zu viel. – Erfahrungen aus dem tönenden Alltag
Es fing vor zwölf Jahren an. Während ich mit Hunderten von Menschen meditativer Musik lauschte, sah ich plötzlich weiße Wölkchen an der Hallendecke vorüberziehen. Da ich weder Drogen genommen noch Alkohol getrunken hatte, wunderte ich mich: War der Tag zu anstrengend gewesen? Oder war es die Hitze?
Bald erlebte ich vielschichtige Farb-, Ton-, Geruchs- und Gefühlsspektakel. Sie spielten ganz offenbar in meinem Kopf oder wie ich es erlebte davor. Ich bin Synästhetikerin und kann Musik nicht nur hören, sondern auch riechen, sehen, fühlen und schmecken. Umgekehrt tönt meine Marmelade, wenn ich sie koche, und jeder Baum hat seinen Klang.
Ich sitze also in einem wundervollen (oder soll ich sagen: farbenfrohen?) Bruckner-Konzert, der 7. Sinfonie. Die Klänge umhüllen mich in sanften, rundlichen Grüntönen. Mittendrin hat ein sattes, fruchtiges, längliches Erdbraun seinen Platz genommen. Der Geruch von feuchter, moosiger Walderde breitet sich aus und ruft den Eindruck einer lichtdurchfluteten Waldlichtung hervor. Zwischen meinen Fingern spüre ich den dicken, samtenen Stoff eines Theatervorhangs. Das Fagott gibt noch die Idee eines dunkelroten, saftigen Granatapfels dazu. Der Geschmack von saurer Süße stellt sich ein. Das Bild wechselt langsam in die Farben eines sonnig-gelben Lichtstrahls, der mich einhüllt und an die Decke des hebt. Die Musik im Markgräflichen Opernhaus in Bayreuth umrauscht mich so, dass ich mich unwillkürlich mit ihr wiege.
Mein Mann meint nach dem Konzert, die ganze Sitzreihe habe gebebt, so stark sei mein bisschen Wiegen gewesen. Synästhesie ist übrigens erblich: Meine Töchter können meine farbige Klangwelt nachempfinden, meine Söhne nicht.
Fünf von hundert Menschen sollen solche außerordentlichen Wahrnehmungen haben. Es gibt zwei Formen des Phänomens: Ich bin eine Gefühlssynästhetikerin. Daneben gibt es die genuinen Synästhetiker. Das sind Menschen, bei denen der gleiche Impuls immer zum gleichen Ergebnis führt. Das A zum Beispiel hat immer die gleiche Farbe, der Montag ist immer blau.
Ich fühlte mich manchmal einsam, bevor ich vor vier Jahren im Internet einen Link zur Medizinischen Hochschule in Hannover fand. Bei Professor Emrich und seinem Team fühlte ich mich zum ersten Mal wirklich verstanden, als ich über goldene Klänge berichtete. Erstaunt lauschte ich den Erfahrungen anderer. Da erzählte eine Frau, dass sie jedes Problem als geometrische Figur sieht und aus Erfahrung weiß, dass die Lösung die gleiche Form haben muss. Auch gibt es Menschen, die Gemälde hören.
Für mich kann ein Ereignis unterschiedlich klingen, riechen, schmecken, aussehen oder sich anfühlen. Wie lässt sich das jemandem erklären, der es nicht selber erlebt hat? Am ehesten hilft vielleicht die Vorstellung, von allen Sinnesorganen ein inneres Double zu besitzen. Dieses erschafft eine zusätzliche Sinneswelt neben der allgemein anerkannten Realität.
- Datum 04.06.2006 - 03:03 Uhr
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Kleine Anmerkung zum letzten Satz Deines Kommentars: Ja, Synästhesie ist nicht lernbar. Man hat sie, oder man hat sie nicht. wer sie nicht hat, kann auch nichts daran ändern. Aber wenn man Synästhetiker ist, ist keinerlei Fremdeinwirkung nötig, um die Eindrücke hervorzurufen. Die kommen gänzlich von selbst. Deshalb denke ich, daß Dein Satz mit der Anspielung auf Deine Drogenabstinenz nicht in die richtige Richtung führt.
... albgardis, nur nicht besonders häufig. ;-)
Ich kenne z.B. gar keine Synästhetiker - jedenfalls keine, die sich dessen bewusst wären. Sie und die Verfasserin des Artikels (täusche ich mich, oder haben meistens Frauen diese Gabe?) können sich jedenfalls einer Spur freundlichen Neides meinerseits sicher sein! Solche Erfahrungen würde ich auch gerne mal machen. Aber als Drogenabstinenzler kann ich das wohl vergessen...
Für mich haben, so lange ich zurück denken kann (bin bald 60),nicht nur alle Zahlen und Wochentage eine bestimmte unveränderliche Farbe, sondern auch jeder Buchstabe. Das heißt aber nicht, dass die daraus gebildeten Wörter nun irgendwie "bunt" erscheinen - nein, jedes Wort hat seine eigene unveränderliche Farbe. Musik sehe ich nur als Farbe, schmecken und riechen kann ich sie nicht; nur sehr scharfe Trompetentöne oder die Flageolett-Töne einer Geige erzeugen einen leicht metallischen Geschmack. Auch ich dachte bis vor wenigen Jahren, dass alle Menschen so empfinden, und erst durch eine Diskussion im Freundeskreis wurde mir klar, dass das keineswegs so ist.
Ohne Flachs jetzt, ohne Ironie, ich meine es wirklich ganz ernst: ist das denn nicht normal?
Ich kenne es gar nicht anders, bin fast 43 Jahre alt, weiblich, und kann absolut nachvollziehen, was die Autorin beschreibt. Ich empfinde es ganz genauso.
Allerdings habe ich es immer als normal angesehen, weil ich es nicht anders kenne. Es war schon immer so, also, ich habe es nie anders empfunden. Und wenn etwas normal ist (bzw. man es fuer normal haelt), dann diskutiert man es nicht mit der Umwelt, denn man geht ja davon aus, dass alle anderen Menschen es ebenso empfinden.
Bei mir haben z.b. Zahlen bestimmte Farben, und zwar exakte Nuancen, und die sind immer gleich. Drei ist immer gelb, 12 ist immer taubenblau, 8 ist bordeauxrot, 9 ist gruen, 20 ist hellblau, etc etc. Wieso? Keine Ahnung! Woher soll ich das wissen? Es ist eben so, es war schliesslich immer so!
Und selbstverstaendlich sind Gefuehle mit Musik verbunden, und umgekehrt. Also, alles ganz normal.
Da ich das nicht als "Stoerung" empfinde (eben weil ich es nie anders kannte), habe ich nie daran gedacht, das zu therapieren. Warum auch?
Fuer (an) diejenigen, die das naeher studieren und sicher mehr darueber wissen, hier eine Frage:
durch ein gestoertes Gleichgewichtssystem (Innenohr) kann ich NICHT komplett stillstehen, sondern pendle mein Gewicht immer aus. Das ist so minimal, das man es nicht sieht (also, ich schwanke nicht!!). Es kam auch erst heraus, als ich im Alter von 21 Jahren einmal eine Roentgenaufnahme machen sollte und die nix wurde, weil ich einfach nie voellig still stand. Die Krankenschwester bemerkte das und ermahnte mich, ich muesse schon ganz still stehen, und ich erwiderte, "naja, gute Frau, so GAAANZ stillstehen kann man doch gar nicht, wie soll das denn gehen?". Die war nicht dumm, schaltete sofort und fragte mich aus, und so kam heraus, dass ich mein eigenes Gewicht stetig auspendele (wie ein hohes Gebauede ja auch schwankt), um nicht umzufallen. Ich lernte an dem Tag, dass andere Leute sehr wohl wirklich still stehen koennen, ohne umzufallen. Ich war 21 und hatte bis dahin keine Ahnung, dass ich anders war.
Und bis heute bin ich auch davon ausgegangen, dass alle Sinneseindruecke im Gehirn verknuepft werden. Hmmm, da es der ZEIT einen Artikel wert ist, muss ich wohl davon ausgehen, dass das nicht der Fall ist.
Ich werde bald 43 und lerne immer noch, super!
Ach ja: kann mir vielleicht ein Mediziner erklaeren, ob mein Innenohr irgendwie damit zusammenhaengt? Oder ist das Zufall?
Danke vorab!
...nur haben es eben nicht alle Leute. Ich z.B. habe es auch, Buchstaben und Ziffern haben jedes eine eigene Farbe, außerdem kann durch Geräusche, vor allem Musik hervorgerufene dreidimensionale farbige Formen sehen sowie anfassen.
Kleine Anmerkung: Es gibt nicht ENTWEDER genuine Synästhetiker ODER Gefühlssynästhetiker, sondern man kann - muß aber nicht - beides zugleich sein.
Das SynästhetikerINNen-Netzwerk (ja, es scheinen mehr Frauen als Männer zu sein) in Deutschland ist inzwischen sehr gut. Es gibt ein Forum (http://www.synaesthesie.net/), eine moderierte Mailingliste, die aus dem inzwischen eingestellten und schmerzlichen vermißten synaesthesieforum (http://www.synaesthesiefo...) hervorging, außerdem wird gerade ein Verein gegründet, der bald richtig lebendig sein wird (http://www.synaesthesie.org/), und die Medizinische Hochschule Hannover veranstaltet in regelmäßigen Abständen Synästhetiker-Treffen, Anfang Dezember sogar einen Fachkongreß zum Thema (http://www.mhh-synaesthes...)...
Viele bunte Grüße!
... wenn man einen Satz hinschreibt, den irgendwer falsch verstehen könnte, dann kommt garantiert jemand und will es wirklich, wirklich falsch verstehen...
*seufz*
Also. Ganz langsam. Zum Mitverstehen. Ich bin kein Synästhetiker. Deshalb mache ich im Normalzustand (ja, ich habe einen) keine Sinnüberschneidungs-Erfahrungen. Ich kenne Leute, die sind auch keine Synästhetiker. Die haben aber schonmal Drogen genommen und solche Erfahrungen gemacht. Weil ich aber keine Drogen nehmen will, beneide ich die Leute, die solche Erfahrungen machen -- Achtung! Jetzt messerscharf aufpassen! Hier ist der entscheidende Punkt! [Ton: Bitte Fanfare einspielen] --, *obwohl* sie *keine* *Drogen* *nehmen* - die Synästhetiker halt!
Puuuh. Das hat mich geschafft. Jetzt bin ich ganz kalt und leer. Ich glaube, ich muss jetzt dringend Drogen nehmen.
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