Es fing vor zwölf Jahren an. Während ich mit Hunderten von Menschen meditativer Musik lauschte, sah ich plötzlich weiße Wölkchen an der Hallendecke vorüberziehen. Da ich weder Drogen genommen noch Alkohol getrunken hatte, wunderte ich mich: War der Tag zu anstrengend gewesen? Oder war es die Hitze?

Bald erlebte ich vielschichtige Farb-, Ton-, Geruchs- und Gefühlsspektakel. Sie spielten ganz offenbar in meinem Kopf oder – wie ich es erlebte – davor. Ich bin Synästhetikerin und kann Musik nicht nur hören, sondern auch riechen, sehen, fühlen und schmecken. Umgekehrt tönt meine Marmelade, wenn ich sie koche, und jeder Baum hat seinen Klang.

Ich sitze also in einem wundervollen (oder soll ich sagen: farbenfrohen?) Bruckner-Konzert, der 7. Sinfonie. Die Klänge umhüllen mich in sanften, rundlichen Grüntönen. Mittendrin hat ein sattes, fruchtiges, längliches Erdbraun seinen Platz genommen. Der Geruch von feuchter, moosiger Walderde breitet sich aus und ruft den Eindruck einer lichtdurchfluteten Waldlichtung hervor. Zwischen meinen Fingern spüre ich den dicken, samtenen Stoff eines Theatervorhangs. Das Fagott gibt noch die Idee eines dunkelroten, saftigen Granatapfels dazu. Der Geschmack von saurer Süße stellt sich ein. Das Bild wechselt langsam in die Farben eines sonnig-gelben Lichtstrahls, der mich einhüllt und an die Decke des hebt. Die Musik im Markgräflichen Opernhaus in Bayreuth umrauscht mich so, dass ich mich unwillkürlich mit ihr wiege.

Mein Mann meint nach dem Konzert, die ganze Sitzreihe habe gebebt, so stark sei mein bisschen Wiegen gewesen. Synästhesie ist übrigens erblich: Meine Töchter können meine farbige Klangwelt nachempfinden, meine Söhne nicht.

Fünf von hundert Menschen sollen solche außerordentlichen Wahrnehmungen haben. Es gibt zwei Formen des Phänomens: Ich bin eine Gefühlssynästhetikerin. Daneben gibt es die genuinen Synästhetiker. Das sind Menschen, bei denen der gleiche Impuls immer zum gleichen Ergebnis führt. Das A zum Beispiel hat immer die gleiche Farbe, der Montag ist immer blau.

Ich fühlte mich manchmal einsam, bevor ich vor vier Jahren im Internet einen Link zur Medizinischen Hochschule in Hannover fand. Bei Professor Emrich und seinem Team fühlte ich mich zum ersten Mal wirklich verstanden, als ich über goldene Klänge berichtete. Erstaunt lauschte ich den Erfahrungen anderer. Da erzählte eine Frau, dass sie jedes Problem als geometrische Figur sieht und aus Erfahrung weiß, dass die Lösung die gleiche Form haben muss. Auch gibt es Menschen, die Gemälde hören.

Für mich kann ein Ereignis unterschiedlich klingen, riechen, schmecken, aussehen oder sich anfühlen. Wie lässt sich das jemandem erklären, der es nicht selber erlebt hat? Am ehesten hilft vielleicht die Vorstellung, von allen Sinnesorganen ein inneres Double zu besitzen. Dieses erschafft eine zusätzliche Sinneswelt neben der allgemein anerkannten Realität.