Abu Musab al-Sarqawi, der „Schlächter“, ist tot. Doch was bedeutet der Tod des so genannten Stellvertreters Osama bin Ladens im Irak, des Mannes, der nicht nur mit seiner selbstdarstellerischen Zelebrierung der Hinrichtung des amerikanischen Bürgers Nicholas Berg vor zwei Jahren weltweite „Berühmtheit“ erlangte?

Es ist in der Tat ein fundamentaler Schlag. Ein Schlag sowohl gegen den irakischen Arm des Terrornetzwerks al-Qaida als auch gegen den vornehmlich sunnitisch geprägten Aufstand gegen die US-geführten Besatzungstruppen. Überdies könnte er den irakischen Wiederaufbaubemühungen einen entscheidenden Ruck geben.

Sarqawi war eine Geburt des Irak-Krieges. Er ritt seit dem Sturz Saddam Husseins auf der Welle des irakischen Widerstands insbesondere gegen die amerikanischen Truppen. Seine medialen Inszenierungen von Hinrichtungen ausländischer Gefangener, mit der er seine „glaubensfeste Blutrünstigkeit“ feierte, machten ihn zum meistgesuchten Terroristen neben dem Terrorfürsten Osama bin Laden.

Seine eigentliche Gefährlichkeit offenbarte sich jedoch nicht in den im Westen publikumswirksamen Video-Hinrichtungen. Dies war bloßes Kalkül – wenn auch sicher an Brutalität und Perversion kaum zu überbieten. Seine langfristige Strategie war es, die seine tatsächlichen Vorstellungen offenbarten. Sarqawis Ziel war es, mit Hilfe von anti-schiitischer Rhetorik und Terror einen Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten, den beiden islamischen Bevölkerungsgruppen im Irak, vom Zaun zu brechen. Dies wiederum sollte den Irak als neues territoriales Terrornest installieren und gerade für ausländische Dschihadisten attraktiv machen. Die Entwicklungen der letzten Monate deuteten darauf hin, dass seine Vorstellungen zumindest nicht allzu weit von der Realität entfernt waren. Der Anschlag auf die schiitische Moschee von Samarra im Februar 2006 war der Beginn von täglichen – und noch immer andauernden – gewaltsamen, konfessionellen Auseinandersetzungen.

Sein Tod ist eine Zäsur. Der internationale islamistische Terrorismus verliert einen seiner bedeutendsten Vertreter. Wichtiger und einschneidender ist jedoch, dass der brutale Terror im Irak nun ohne Sprachrohr auskommen muss. Gerade in den letzten Wochen hatte Sarqawi versucht, der Welt seine brutale Kampfesideologie mit Video- und Audiobotschaften vor Augen und Ohren zu führen, nicht zuletzt, um sein Rekrutierungspotenzial im Irak zu steigern und so seine Wahnvorstellungen eines irakischen Bürgerkriegs wahr werden zu lassen.

Macht sein Tod ihn jetzt zum Märtyrer im Irak? Nein. So groß seine Symbolkraft für internationalen und irakischen Terrorismus auch gewesen sein mag – ein Sinnbild für irakische Befreiungsbestrebungen und irakischen Nationalismus war er nie. Er war Jordanier, also kein Landsmann, der womöglich noch die Qualen unter Saddam Hussein erleiden musste, wie so viele, die seit dem Sturz des Ex-Diktators für die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit des Irak kämpften.