Handke Vom Preis zur Posse

Was ist nur in die deutsche Geisteselite gefahren? Klaus Harpprecht lässt das Hin und Her um den Heine-Preis Revue passieren und kennt schon den nächsten Preisträger

Endlich, nach unbegreiflich langem Zögern, entschloss sich der Dichter, dem Preis zu entsagen (nachdem er noch im vorigen Jahr mit geplusterten Backen hatte ankündigen lassen, dass er gar keinen Preis mehr akzeptieren werde). Damit ist die Narretei noch nicht vergessen, die Deutschlands Elite ihrer Contenance, jeder Vernunft und vor allem der Einsicht in die eigene Lächerlichkeit für Tage, ja für Wochen beraubte: Handke und Heine hieß die Farce, in der sich Beteiligte plusterten, als stünden die heiligsten Güter des Abendlandes, die Freiheit des Geistes, die Moralität von Politik und Literatur auf dem Spiel.

Nichts davon. Eine Posse, nur mäßig unterhaltsam, an deren Ende nahezu alle Akteure und Kommentatoren wie die begossenen Pudel dastanden und blicklos-blöd ins Leere starrten (die Nichtpudel – mangels Kern – nicht ausgenommen, so wenig wie die kläffenden Deutschdackel, die wadenbeißenden Terrier, die blökenden Schafe oder weiß der Himmel welche Art von Gottes Geschöpfen, die mit der Affäre zu schaffen hatten).

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Das gilt für die Jury, die den Düsseldorfer Heine-Preis zu vergeben hatte, das gilt für die aufgebrachten Stadtväter, die mit dem großen, so lange (oder noch immer?) ungeliebten Sohn ihres Gemeinwesens so wenig Glück haben wie er mit ihnen, was nicht nur die Ironie des lieben Gottes als eine bestimmende Macht der Schöpfung und ihres Geschicks beweist, sondern auch – dieses eine Mal – eine ausgleichende Gerechtigkeit der Geschichte. Das gilt für den Preisgekrönten und so rasch wieder Degradierten, der die Fassung verloren zu haben schien, die übliche Arroganz im Zaume hielt und in umständlichen Erklärungen, ja Entschuldigungen seltsam hilflos daherstolperte wie ein ertappter Schuljunge, einer rationalen Argumentation kaum mehr fähig, gleichviel ob auf Deutsch oder Französisch. Das gilt für das Gros der Kritiker im Gewoge ihres passionierten Streites für und wider die Auszeichnung des Dichters, die der Grünenchef Fritz Kuhn einen „Skandal“ und eine „Verhöhnung der Opfer des Regimes“ (Milosovic) sowie Heinrich Heines nannte, während Alice Schwarzer, nie um ein provokatives Argument verlegen, die Vermutung äußerte, „Handkes Mut hätte Heine vermutlich imponiert“. Ist sich die formidable Kollegin dessen so sicher? Darf man nicht eher annehmen, Heine hätte über den teutschen Kladderadatsch Tränen gelacht?

Der FAZ -Hauptherausgeber Frank Schirrmacher, hoch über dem Getöse schwebend, ließ es offen, ob Handke die Auszeichnung verdiente oder nicht, aber er verkündete zugleich, die Düsseldorfer Räte hätten sich der Jury-Entscheidung zu beugen, andernfalls wären „literarische Preise in Deutschland der Willkür ausgeliefert, dem Rufmord“. Den Geehrten „öffentlich für unwürdig zu erklären“, fügte er hinzu, sei „die ultimative Form sozialer Demontage. Sie macht den Literaturkritiker zum Büttel der Politik...“

Jupiter tonans . Aber kann der Herausgeber so sicher sein, dass ein „literarischer Preis“ zu vergeben war? Der Heine-Preis soll, laut Statuten, an Persönlichkeiten verliehen werden, „die durch ihr geistiges Schaffen im Sinne der Grundrechte des Menschen, für die sich Heinrich Heine eingesetzt hat, den sozialen und politischen Fortschritt fördern, der Völkerverständigung dienen und die Erkenntnis von der Zusammengehörigkeit aller Menschen verbreiten.“

Zweifel sind erlaubt, ob Peter Handke diese Kriterien erfüllt. Seine oft so jähmütigen, unbedachten, ja geradezu hasserfüllten Erklärungen zum Balkan-Konflikt dienten wohl kaum der Völkerverständigung, auch wenn man ihm zugesteht – was er den Lesern der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Süddeutschen Zeitung und der Pariser Libération in merkwürdig umständlicher und verhangener Prosa zu erläutern versuchte -, dass nicht nur die beschuldigten Serben, sondern auch die Kroaten, die bosnischen Muslime, die Albaner widerwärtige Verbrechen begangen haben. Dennoch lässt sich nicht aus der Welt reden, was die serbische Dramatikerin Biljana Srbljanovic (nach einem Zitat von Johannes Willms) in Le Monde festgestellt hat: „Für Slobodan Milosevic eintreten, hat niemals bedeutet, für Serbien zu sein. Für Slobodan Milosevic eintreten, hat immer schon bedeutet: sich nicht nur über die Verbrechen zu mokieren, die jenseits der serbischen Grenzen verübt wurden, denn die Opfer von Slobodan Milosevic sind auch die Serben selber... Wer der Freund von Slobodan Milosevic ist, kann nicht der Freund Serbiens sein.“

Nein, Handkes verbohrte Deklarationen, aus welchen Ressentiments sie auch genährt sein mochten, waren nicht dazu angetan, „die Erkenntnis von der Zusammengehörigkeit aller Menschen (zu) verbreiten“, wie es die Statuten verlangen. Diesen Forderungen wurden die bisherigen Preisträger Carl Zuckmayer, Walter Jens, Max Frisch, Richard von Weizsäcker oder Hans Magnus Enzensberger in hohem Maße gerecht, die Mehrzahl durch das geschriebene Wort, der einstige Bundespräsident eher durch das gesprochene Wort und die politische Tat. Freilich, bei dem verbissenen Alt-Anti-Stalinisten Wolf Biermann oder bei der professionellen Österreich-, Mutter-, Männer-, Frauen- und Selbsthasserin Elfriede Jelinek, die sich nach ihren frühen Meisterwerken in eine Weltrekord-Produktion vergifteter Kalauer verrannte, bedurfte es einer sehr generösen (oder schlampigen) Auslegung der Preis-Prinzipien, um die Auszeichnung zu rechtfertigen. Überdies relativierte sich die literarische Gewichtung des Preises von vorn herein durch den Vorsitz des Oberbürgermeisters von Düsseldorf und die Zugehörigkeit von drei Vertretern der Stadt nebst einem Staatssekretär der Landesvertretung.

Schirrmacher nannte es, nicht zu unrecht, eine „schlichtweg törichte Idee, dass nach Zuerkennung des Preises der Rat der Stadt, mithin die Politik, dies noch ‚bestätigen’ muss...“ Aber war das nicht immer so? Hätten sich die literarischen, die akademischen, die politischen Juroren darüber nicht vorher den Kopf zerbrechen sollen? Manche Mitglieder des Gremiums scheinen keines der Werke des Preisgekrönten gelesen zu haben. Warum ließen sie sich auf das Abenteuer ein? Es wurde zu vieles versäumt.

Hernach nichts als flatternde Aufregung. Gabriele von Arnim respektierte, vermutlich als einzige, die Vertraulichkeit der Beratungen und hielt den Mund. Der liebenswürdige Professor Stölzl distanzierte sich eilig von den serbischen Peinlichkeiten der Gekrönten, aber erklärte honigsüß, Handke sei „trotzdem ein großer Dichter“. Das mag ja sein, wenn man – die eindrucksvolle Intensität der frühen Texte ausgenommen, nach der genau kalkulierten Provokation der „Publikumsbeschimpfung“ – brütend poetischen Schwersinn, lastende Symbolik und die deutsche, großdeutsche, mithin auch kärntnerische Gleichsetzung von düster glucksendem Bedeutungssumpf mit „Tiefe“ als Beweise dichterischer Größe begreift. Darüber mag die Nachwelt entscheiden.

Frau Löffler wollte den Preis für Handke, Punktum. Vielleicht um uns darauf hinzuweisen, dass Kärnten neben seinem Landeshauptmann, dem Jörgl Haider, noch mit einem zweiten prominenten Zeitgenossen aufwarten kann. Das schien ihr wichtiger zu sein, als die Chance zu nutzen, ihrem Intimfeind aus Quartett zeiten, Marcel Reich-Ranicki, der immerhin als Kandidat zur Debatte stand, durch die Verleihung der zweihundertsiebenundfünfzigsten Auszeichnung die Hand zur endlichen Versöhnung zu reichen. Selbst Heine wäre sie damit gerechter geworden. Aber sie bestand darauf, die Leistung des Balkankriegers zu ehren. War sie die Verfasserin der knappen Begründung? „Eigensinnig wie Heine verfolgt Peter Handke in seinem Werk seinen Weg zu einer offenen Wahrheit. Den poetischen Blick auf die Welt setzt er rücksichtslos gegen die veröffentlichte Meinung und deren Rituale.“

Zwei Sätze, von denen man ohne Übertreibung feststellen kann, dass sie in einem Deutsch verfasst sind, das mit Heine und seiner Prosa, seiner Eleganz, seinem Witz, seiner Nuanciertheit, seiner Musikalität nicht das geringste gemein haben. „Jedem sei es erlaubt, nach Willkür, also so schlecht er wolle, zu schreiben...“, sagte der Namensgeber mit seiner mokanten Nachsicht. Dennoch: verweist „Eigensinn“ – den man Handke zusprechen darf – auf eine (noch so entfernte) Verwandtschaft mit Heine? Hat das Adverb „rücksichtslos“ mit Heine, seinem Leben und seinem Werk, auch nur das geringste zu schaffen? Von der modischen Phrase „veröffentlichte Meinung“ beschämt zu schweigen... Nein, es führt kein Weg von Heine zu Handke. Schirrmachers Vorgänger bei der FAZ, der liberal-konservative Börne-Preisträger Joachim Fest, hatte mehr mit dem Spätjakobiner aus Frankfurt gemein, dessen Name eine der ihm verliehenen Auszeichnungen schmückt, als der bekennende Altjugoslawe Handke mit Börnes Erzkonkurrenten und Todfeind: dem malträtierten Heine.

Indes, aus den melancholischen Weiten der Uckermark tönte orgelnder Widerspruch zu uns herüber: Botho Strauss zeigte mit dicken Fingern und anschwellender Wut auf den genialen Amerikaner Ezra Pound, diesen „überragenden Rhapsoden und Poeten“, der den Propagandisten des Duce und eifernden Antisemiten vergessen macht. Schon recht. Aber würde man Pound posthum einen, sagen wir, Saul Bellow-Preis verleihen wollen? Strauss zitiert den „berüchtigten Rechtslehrer Carl Schmitt“ herbei, den (angeblich) „intuitivsten Denker über Verfassungs- und Rechtsgeschichte“. Nun ja: Aber müsste ihm der Theodor Heuss-Preis aufs Grab gelegt werden? „Von Heidegger zu sprechen und dabei seine Rolle als brauner Universitätsrektor hervorzuheben, erweist sich inzwischen als Lächerlichkeit“, zürnt der Wahlmärker weiter. Aber ist es denn so? Und wenn es zuträfe: Hätte der Schwarzwald-Hölderlin einen Hannah Arendt-Preis verdient (die rührend-verquere Liebe der Philosophin hin oder her)? Und Brecht, der „die Dramaturgie des Theaters nachhaltiger veränderte als jeder andere Autor...“? Müsste er dafür mit einem Ossip Mandelstam-Preis gewürdigt werden (wenn es den gäbe)?

Hat Literatur nicht, wenigstens vage, etwas mit jenem altmodischen Begriff zu schaffen, den man einst Takt nannte? „Was bleibt“, fragt der uckermärkische Künder überzeitlicher Wahrheit, „was bleibt schließlich von dem angeblichen Sänger des großserbischen Reichs, Peter Handke? Nicht nur der sprachgeladenste Dichter seiner Generation, sondern wie nur Überragende es sind, ein Episteme-Schaffender (nach dem Wortgebrauch Foucaults), eine Wegscheide des Sehens, Fühlens und Wissens in der deutschen Literatur“.

„Sprachgeladenste...“: dieses Wortmonster wäre nicht einmal dem Superlativ-Olympioniken Schirrmacher in den Sinn geraten. „Episteme“ wiederum leitet sich aus dem altgriechischem Begriff für „Verstehen“ her. Laut Brockhaus: „Wissen, Erkenntnis, Wissenschaft, Einsicht. Die Vorsokratiker, aber auch PLATON und ARISTOTELES unterscheiden die E., das durch das spekulative Denken erworbene Wissen, das Aufschluss über die Wahrheit und das Sein vermittelt, von der häufig trügerischen und sich verändernden Sinneswahrnehmung und der darauf begründeten (bloßen) Meinung.“

Ja, wenn es so ist... Bei Handke, dürfen wir daraus schließen, berühren sich die Tiefe (des Ursumpfes) mit dem gestirnten Himmel der entrücktesten Höhen menschlichen Denkens. Der nächste Heine-Preisträger kann – dies sollte damit geklärt sein - nur Botho Strauss heißen.

 
Leser-Kommentare
  1. Wie lange noch braucht das deutsche Feuilleton (der ganze Sumpf samt Kröten), um in trocknere Gebiete zu gelangen und ein wenig Weitblick zu entwickeln? Wie lange noch müssen wir das "sau"-mäßige Quaken aller Möchtergernintellektuellen über uns ergehen lassen? Lasst doch Handke & Co. ruhig gewähren, geht endlich in die Welt hinaus und lasst verflucht nochmal den eigenen Nabel in Ruhe, ihr eitlen Memmen ... uns freilich auch! Jeder soll doch lesen und interpretieren, was er will, aber bitte nicht unsere Ohren mit seinen dämlichen Kommentaren voll stopfen!

  2. Klaus Harpprecht bedient sich der floskelhaften, sinnleeren und gleichzeitig verhetzenden Sprache, die Handke in seinem Werk zu Serbien angeprangert hat. Das Einzige, das wir aus seinem Text herauslesen koennen ist, dass Harpprecht Handke nicht gelesen und nicht verstanden hat; dass Harpprecht, ob seines Sprachschwindels von sprachsinnigen Menschen wie Handke ueberfuehrt und seiner journalistischen Macht bangend, zurueckschlaegt. Ekelerregend.

  3. Da hat er nun doch Einiges recht arg verdreht:
    Handke als "Balkankrieger"? Das Teile und Herrsche der deutschen Balkankriegstradition auf der Spur zur BagdadBahn und zum Erdöl nach Baku, zur KongoBahn und via ElAlamein zum SüdSudan - nach Belethuen und Mogadischu in Someoilyeah - dafür stehen die nato-olivgrünergrauten Alten Krieger GentscherPinkel - Scharpimfischer, die Kosocaust-BilderFälscher, Schröbright und AlClinton. Und den Soldatensender Belgrad hat doch nicht Handke in BombenschmeisenSchneisen installiert wie seinerzeit der GröFAZ vor fast 1000 Jahren. Als die grünlichen CNN-Bilder von der Bombardierung Belgrads (der zweiten im letzten Jahrhundert mit deutscher Beteiligung) sangen die FischerChöre im WiederGroßDeutschland: "Es grünt so grün, wenn Serbiens Städte glühen....", und ganz nassforschKühne schmetterten bereits: "Wenn bei Baku die rote Flotte im Schwarzmeer sinkt ... " jenes Lieblingslied von JoschCapri Fischer. Tatsache ist - und Handke hat dieser Wahrheit nur zum Licht verholfen: Belgrad stand, als es noch stand im Weg. Jetzt liegt es auf dem Weg nach Bagdad, Baku, Samarkand, nach Koso-und nach Sonstnochwo
    wo man
    noch Rohstofflager
    fand ....

    Richard von Weizsäcker hat im Gegensatz zu Handke den Heine-Preis verdient, schreibt/meint Harpprecht: Richy hatte 90 Millionen DM in den dicksten Rüstungskonzernen, hat das agent-orange-Geschäft von Böhringer mit den USA eingefädelt und die Staaten mit dem Grundstoff für Napalm und Entlaubung Vietnams beliefert (als Geschäftsführer des deutschen Chemie-Rüstungsgiganten Böhringer mit 1000jähriger Erfahrung), während er gleichzeitig den Präsidenten des evangelischen Deutschen Kirchentages und etwas später lilabetüchelt den Friedensapostel machte. Über seine Rolle in der Wehrmacht bei der Aktion BARBAROSSA, bei der "Judensäuberung" und dem "Kommissarbefehl" in der überfallenen UdSSR, sein Wirken im Stab des Regiments "Graf", wo der deutsche Hochadel als Herrenmenschen hochzuross bis 33 Kilometer vor Moskau und retoure morden, plündern, vergewaltigen und brandschatzen durfte, hat Otto Köhler ja schon Mal beinahe im Stern, dann aber dort zensiert bei konkret schreiben dürfen, ohne dass das je aus dem Hause von Weizsäcker widerlegt wurde. Ein solcher Mann war des Heine-Preises würdig, würdiger als Handke?
    Vielleicht sollte man vor einem solchen Artikel doch mehr von Heine als die erste Strophe der Loreley und ein paar Texte von Handke gelesen haben. Zu vermuten ist jedoch, dass Harpprecht doch sehr belesen ist und nur im MainStream der politischen OpporTUItät in der Donau schwimmt.

    So was zu schreiben und so stehen zu lassen ... das ist anscheinend der ZEIT-Geist. Früher hieß es Mal: Nimm dir Zeit und nicht das Leben. Zu hoffen ist, dass auch wenn "alles in Serbien fällt", ZEIT und Leben nehmen nicht zusammenfällt

  4. Die Hautnähe zwischen studiertem Zeitungs-Autor und Dichter-Geist prickelt böse elektrisch, wenn man das liest:
    "... brütend poetischen Schwersinn, lastende Symbolik und die deutsche, großdeutsche, mithin auch kärntnerische Gleichsetzung von düster glucksendem Bedeutungssumpf mit „Tiefe“ als Beweise dichterischer Größe begreift."
    Klaus Harprecht betätigt sich hier als Piranha-Fisch im Wasser der Dichtung.

  5. 5. Stil

    in allem hat Handke als einziger den Stil gewahrt -

    -- was von Journalisten zu lesen war, gern aufgeladen mit altbacken bildungsbürgerlichem symbolischem Kapital, war unter aller ... gell.

    würde mir jetzt ein schöner Witz einfallen, stünde der hier ... adios muchachos und muchachas ...

  6. Wen holen Sie denn noch alles zum Nachtreten? Besonders kenntnisreich ist Herr Harpprecht ja nicht; sowohl was Handkes Literatur angeht als auch die Vorgänge. Das beginnt schon damit, dass Handke "endlich" auf den Preis verzichtet hätte. Welche Anmassung - und: welch' ein Unsinn. Handke hat am 2. Juni seinen Brief geschrieben - exakt zwei Tage nach der Provinzposse im Düsseldorfer Stadtrat.

    Und so weiter...

  7. 7. \N

    Herrn Harpprechts "Glosse" scheint mir ein sehr präzises Beispiel der "Journalistensprache" zu sein, die, nicht nur für Peter Handke, immer unerträglicher wird. Vorlaut und seicht, ein Jahrmarktstrick, heute hier und morgen da, vor allem aber herzlos clever, nur den eigenen Ambitition dienend, schwafelt er dahin, sogar von "Deutschlands Elite". (Wer wäre das? Handke, Jelinek oder Strauss würden diese Einordnung sicher als Beleidigung empfinden, schließlich gibt es den Gebrauch dieses Begriffes ja nicht erst seit gestern Abend.)
    Heinrich Heine und Peter Handke stehen in meinem Bücherregal gar nicht so weit auseinander. Ich lese beide, wieder und wieder, weil sie mein Leben bereichern, mich meinem Selbst und der Welt näher bringen. Herr Harrprecht dagegen bringt mich nur der Häßlichkeit, weil Gehäßigkeit, Deutschlands näher.
    Heinrich Heine verehrte Napoleon, das ist für mich heute schwer zu verstehen. Peter Handke hat Slobodan Milosevic nie verehrt, er hat ihn im Gefängnis besucht und war bei seiner Beerdigung. Das ist für mich sehr gut zu verstehen. Hätte es den gleichen Aufschrei gegeben wenn er stattdessen Tu?man in seinem Präsidentenpalais besucht hätte? Jean-Paul Sartre hat Andreas Baader und Gudrun Enslin besucht und ich bin alt genug, mich daran zu erinnern was die "Journalistensprache" dazu zu sagen hatte.
    Ich bin dankbar, daß Peter Handke Serbien liebt und versteht, daß er um die Geschichte und Deutschlands Verantwortung für den Krieg in Jugoslawien weiß.
    Ich zweifle nich daran, daß Herr Harpprecht mit ähnlichen Zoten gegen die Verleihung des Heine-Preises an Heinrich Heine selbst polemisiert hätte, schließlich verdient er damit sein Geld. Schön ist, daß Peter Handke genug Geld mit "umständlicher und verhangener" (armseeliger, blinder Harpprecht) Prosa verdient, um sich diesem ganzen Mist entziehen zu können.

    • Colon
    • 10.06.2006 um 7:27 Uhr

    Haberecht von Montventoux

    Ihr guten Leutchen im Dorf an der Düssel
    sucht händeringend nun, nach neuen Juroren,
    für jene angelauf´ne Dichter - Ehrenschüssel.
    Wie wäre Haberecht als caput der Kuratoren?

    Der streitet im schnellsten Geistestrab
    der alten Kurie jede Weisheit ab.
    Und lässt auch kein Fitzelchen Ehren
    an Dichtern, die ihm sind wie Meyerbeeren.

    Ach, ich fühl´ es, und es schmerzt,
    wenig hört der happige Richter,
    aus Kathariens Boden jene Dichter,
    die nicht takten, so wie er.

    Bräuchte nur sein altes Schreiberohr
    leicht auf den Lavendelsoden niederlegen,
    wie zu Schlafes Tor.
    Doch er kennt nur groben Segen,

    der Herr Großinquisitor.

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