PatriotismusAngst vor der Nation

Das Fußball-Volk schwingt die Fahnen, und den Linken wird unbehaglich. Sie fürchten sich vor dem alten Ungeheuer. Ein Kommentar von 

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Es war lediglich eine Frage der Zeit, bis sich jene Kreise zu Wort melden würden, denen patriotische Gefühle von jeher höchst verdächtig sind. Das linksliberale Milieu hatte sich zunächst darauf beschränkt, sein Unbehagen eher in privaten Zirkeln zu äußern: Die von der WM entfesselte, Fahnen schwenkende Euphorie sei zu emotional und ein bisschen gewöhnlich, wenn nicht gar ein beunruhigendes Symptom.

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Weil aber niemand gerne als Miesepeter dastehen möchte angesichts des heiteren Fußball–Patriotismus', beschränkt man sich zunächst auf glossierende, leicht ironische Distanz zum Treiben des Volkes. Der Autor eines großen deutschen Nachrichtenmagazins verriet allerdings seine wahren Gefühle mit der Bemerkung, man solle sich nur die Autobesitzer genauer anschauen, die da ihre Wagen mit schwarz-rot-goldenen Flaggen schmückten – es handele sich bei ihnen nicht gerade um Geistesleuchten. Manche Feuilletonisten versuchen den nationalen Überschwang, der ihnen offenkundig wenig behagt, umzudeuten: Das Volk habe, ganz postmodern, begonnen, mit den nationalen Symbolen und Gefühlen spielerisch umzugehen. Nach dieser Interpretation erlebt Deutschland gerade die Geburt eines ironisch–gebrochenen, augenzwinkernden Patriotismus'.

Zu dem Schluss kann nur gelangen, wer Patriotismus und Nationalgefühl prinzipiell für eine dunkle, gefährliche Regung hält, und sich deshalb mit Verve der Illusion hingab, die Nationalstaaten Europas ließen sich in einer "europäischen Nation" auflösen. Solche Zeitgenossen würden sich wohl nichts sehnlicher wünschen, als dass deutsche Fußballfans nach den Siegen des eigenen Teams die Fahne der EU schwenkten.

Der britische Sozialist George Orwell bezeichnete linke und liberale Intellektuelle vor 60 Jahren als unfähig, jene Instinkte zu verstehen, die Geschichte formten, wozu allem voran das Verlangen nach nationaler Identität gehöre. Die Weltmeisterschaft hat dieses Gefühl nicht geschaffen, sie dient lediglich als Ventil dafür. Was wir in Deutschland erleben, ist ein Stück Normalisierung. Wir gehen entkrampfter und weniger neurotisch mit nationalen Symbolen und Patriotismus um.

Man kann dies als späte, aber willkommene Antwort auf jene Stimmen begreifen, die nach dem Fall der Mauer "Nie wieder Deutschland" skandierten und sich mit Macht gegen die Wiederherstellung nationaler Einheit stemmten. Wobei diese Haltung eng verbunden war mit der Ansicht, die Deutschen seien mental instabil, wenn nicht spezifisch anfällig fürs Böse.

Es ist erfreulich, dass ausländische Beobachter angesichts der patriotischen Gefühle der Deutschen nicht von Panik überfallen werden. Dabei haben gerade britische Intellektuelle, ob links oder rechts gestrickt, nach der Wiedervereinigung misstrauisch Ausschau gehalten nach Anzeichen für eine Wiederkehr dunkler, garstiger Regungen in Mitteleuropa. Selbst Großbritanniens Gazetten, die allzu gerne neonazistische Tendenzen aufspüren und herausposaunen, lassen derzeit eigentlich nur freundliche Überraschung durchblicken über den "sanften, friedlichen Patriotismus", so der linksliberale Observer , den das moderne Deutschland an den Tag lege. Eher wertet man die Ablehnung nationaler Gefühle durch einen Teil der deutschen Publizistik als Ausdruck verquerer Selbstkasteiung, die darauf hindeutet, dass die Deutschen mit sich selbst nicht im Reinen seien.

Trotz manch schriller Töne in der neuesten deutschen Patriotismus-Debatte besteht Hoffnung. Die WM 2006 könnte tatsächlich dazu beitragen, Deutschland zu einem frischen, normaleren Image zu verhelfen.

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