Die Franzosen haben das passende Sprichwort zum Brüsseler EU-Gipfel parat. Il est urgent d'attendre  - man muss dringend abwarten. Dieses Warten haben die 25 Staats- und Regierungschef beim Diner am Donnerstag immerhin mit Datumszeile und Ortsnamen versehen. 25.März 2007, Berlin. Dort soll der Rütlischwur auf einen Verfassungsvertrag erfolgen, der womöglich dann vorsichtig Grundgesetz heißt und nach Vorstellung der Franzosen, Niederländer oder Briten gescheiter nicht dem Bürger, diesem frechen Bengel, vorgelegt, sondern in wohlgeordneter parlamentarischer Abstimmung verabschiedet werden.

Dann im März müsste Bundeskanzlerin Angela Merkel als amtierende EU-Ratspräsidentin erläutern, wie bis Ende 2008 eine Reform doch noch glücken kann, die derzeit restlos festgefahren ist zwischen den geprügelten Franzosen und Niederländern, den fortschrittstreuen Deutschen und Italienern, den prüden Polen, den windelweichen Briten, den lauernden Schweden.

Berlin und nicht etwa Rom wird zum Schauplatz des Rütlischwurs, pünktlich zum 50. Jahrestag der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Gewiss, den Sandebenen um Spree und Havel fehlt der epochenumschlingende Liebreiz der Sieben Hügel von Rom. Dafür aber stimmt die Symbolik. Denn Berlin, bis 1989 Teil des geteilten Europa, steht für dessen Überwindung, für die Vereinigung von Ost und West. Fünfzig Jahre nach Rom ist diesem Europa etwas Unglaubliches gelungen, siebzehn Jahre nach der Wende stellen die Dinge sich bei und trotz allen Schwierigkeiten lichter und freundlicher dar als es die Berichte aus Brüssel gelegentlich ahnen lassen.

Ein Gipfel der Trippelschritte, ein Rat der Ratlosen. Stimmt und ist doch nur ein Ausschnitt des Bildes. Der Blick aufs Brüsseler Geschäft verführt derzeit mehr denn je zum Tunnelblick. Und der erfasst etwa die Erfolgsgeschichte des Euro - auf dem Brüsseler Gipfel wurde seiner Erweiterung um Slowenien und bald wohl auch Litauen so routiniert begrüßt, dass es wie eine Nebensache klang - ebenso wie den Ameisenfleiß der Europäischen Gerichtshöfe, die mal den Verbraucher, mal den Bürger, mal den Wettbewerb schützen.

Nicht in Brüssel, vielmehr in Frankfurt und Luxemburg laufen derzeit die stärksten Integrationsmaschinen. Und man darf ruhig Straßburg hinzunehmen, das Europäische Parlament arbeitet mit 732 Abgeordneten aus 25 Nationen erstaunlich stetig, verabschiedet den heiklen Dienstleistungskompromiss und die komplizierte Chemikalienrichtlinie, wacht mit Argusaugen über die Kandidaten Rumänien und Bulgarien wie über die ominösen CIA-Aktivitäten in EU-Mitgliedssaaten.

Martin Schulz, der deutsche Fraktionschef der europäischen Sozialisten im EP, mag also recht haben, wenn er jetzt erklärt: Es gebe keine Krise Europas, nur eine Krise des Europäischen Rats. Daran schließt sich eine zweite Frage umgehend an: Ja, wer soll die dann meistern, wo doch alle irgendwie mitgefangen sind? Die neue Lichtgestalt Angela Merkel? Der alte Hase Jean-Claude Juncker, der soeben an einer EU-Karte pinselte, auf der Großbritannien nicht mehr verzeichnet sein könnte (wo London doch gerade jetzt in Nahost oder in der Iran-Politik eine Schlüsselrolle übernimmt)? Der als italienischer Premier wiedergeborene EU-Kommissionspräsident Romano Prodi, der uneigennützig dem Berlin-Termin zustimmte, wo sich für ihn Rom durchaus angeboten hätte?

Tony Blair verließ den Gipfel kurzzeitig. Der Grund war harmlos und zeigte doch, wie unwichtig das Geschäft diese Woche war: England spielte gegen Trinidad-Tobago. Woraus ein anderer Gipfelteilnehmer durchaus Hoffnung schöpfte. England tat sich verdammt schwer, mal wieder. „Aber es wird bei dieser WM inzwischen Mode, dass die Tore erst nach der 85. Minute fallen.“ Was natürlich nicht nur fußballerisch zu verstehen ist. Vielleicht wird das Traum- oder Alptraum-Team der EU-Größen ja wie Beckham oder Ballack auch erst kurz vor Abpfiff des Reformmatches endlich wach. Wir warten und halten es mit dem Kaiser: " Schaun ma mal, spuin ma mal ."