Eine kleine Szene, zwei Sekunden lang, zu kurz für das Protokoll: Im ehemaligen Gästehaus der Bundesregierung im vornehmen Berliner Villenviertel Dahlem reicht der iranische Außenminister seinem deutschen Kollegen die Hand. Und geht dabei einen Schritt auf ihn zu. Frank-Walter Steinmeier, etwas steif, streckt die Hand aus, ohne vom Pult zu weichen. Wie viel Nähe zum Vertreter einer Regierung, die den Holocaust leugnet und Israel auslöschen möchte, ist erlaubt? Die Kameras halten hartnäckig drauf. Manutschehr Mottaki, freundlich lächelnd, als habe man sich eben über eine internationale Gartenbauausstellung ausgetauscht, zieht den SPD-Mann ruckartig in die Bildmitte, Steinmeier gibt nach.

Schröders ehemaliger Kanzleramtschef wirkt gelegentlich noch ein wenig unbeholfen bei den großen Gesten der Weltpolitik, der geborene Staatsrepräsentant ist er nicht. Interessanterweise gerät ihm aber diese Schwäche derzeit zum Vorteil, gerade bei denjenigen, denen die Exzentrik Joschka Fischers ebenso leid war wie das ruckartige Auftreten Gerhard Schröders. Im Ausland wirkt Steinmeiers zurückhaltendes, farbloses Agieren beruhigend: Er ist das personifizierte Gegenteil des arroganten, besserwissenden Deutschen, der in der Vergangenheit allzu offensiv Führungsrollen anstrebte. Für einen Diplomaten pflegt er freilich bisweilen harte Worte. Im Gästehaus in Dahlem hat er dem Iran die drohende Isolation vor Augen geführt und beim Händeschütteln vor der Weltpresse klar gesagt: "Am Ende liegt es an Ihnen."

Das mit der Großen Koalition plötzlich in SPD-Hand gefallene Amt hat Steinmeier überraschend ereilt. Er hat, anders als Joschka Fischer, zur Vorbereitung nicht ein außenpolitisches Buch geschrieben, und noch zur Jahreswende hatte er scheinbar wenig außenpolitisches Profil. Der Verwaltungsjurist hatte nicht einmal das Profil eines Politikers. Reden hielt er höchstens vor Wirtschaftsversammlungen, zu denen er derart gute Kontakte pflegte, dass man davon ausging, ihn in diesem Feld nach der Ära Schröder wieder zu finden. Nicht wenige zweifelten, ob der Schröder-Vertraute auf die öffentliche Bühne passt.

Im Schatten der innenpolitischen Raufereien der Großen Koalition und einer Reihe von Auslandsentführungen musste er nicht nur für sich, sondern auch für die SPD ein Ressort  erobern, das zuletzt 1969 in den Händen der Sozialdemokraten lag. In seinen Auftritten bezieht er sich seit kurzem auf die großen SPD-Außenpolitiker Willy Brandt und Egon Bahr. "Grundlegend ist die Erkenntnis, dass Rüstung keine Sicherheit schafft, Willy Brandt und Egon Bahr wussten das aus eigener Erfahrung", sagte er am Montag im Willy-Brandt-Haus bei einer SPD-Abrüstungskonferenz mit Mohamed ElBaradei, dem Leiter der Internationalen Atomenergieagentur. Nur wenn man Wege zur Kooperation auch mit schwierigen Partnern suche, verringere man Risiken: "Ich versuche, diesen Gedanken wieder fruchtbar zu machen."

Und doch ist sein Umfeld darauf bedacht, die Ikone Brandt als Vergleichsfigur nicht zu oft zu bemühen. Sie ist eine Nummer zu groß für Steinmeier. Der setzt auf "selbstbewusste Bescheidenheit" auf internationalem Parkett, auch im Umgang mit Journalisten. Während Dialoge zwischen Medienvertretern und Joschka Fischer häufig verbalen Boxkämpfen glichen, eitelkeitsfördernd auf beiden Seiten, herrscht nun ein entspannteres Gesprächsklima. Noch jedenfalls.

Die Grundzüge der Steinmeier'schen Außenpolitik stehen inzwischen fest: Er setzt auf Kooperation statt Isolation bei schwierigen Staaten wie Iran. Er riskiert dabei mehr Distanz gegenüber Israel und hält die Skepsis mancher Israelis aus, den iranischen Außenminister nach Berlin zu laden, um ihn als Boten zu nutzen für das so genannte Angebotspaket des Westens. Die Israelis nannten Joschka Fischer einen "guten Freund", diese emotionale Nähe sucht Steinmeier offensichtlich nicht. Ihm reicht gegenseitiger Respekt. Selbstverständlicher als sein Vorgänger rekurriert er auf wirtschaftspolitischen Interessen in der Außenpolitik, etwa in der Energiepolitik - ohne vom traditionellen deutschen Kurs abzuweichen, in den internationalen Beziehungen nicht an erster Steller Wirtschaftsziele zu verfolgen.