Bär Bruder Bruno
Er war einer von uns. Jetzt ist er tot - weil wir das Fremde, Wilde nicht ertragen können. Nachruf auf einen petzigen Sommerbesucher
Er war jung, er war dynamisch, er war eine Hoffnung und ein Versprechen – er war im Grunde einer aus dieser sommerlichen Wundermannschaft, er war wie Poldi und Schweini und Miro: Dieser Bruno, der nicht sein durfte, was er war, weil es manchmal gefährlich ist für die anderen, wenn da einer jung ist und dynamisch. Fragen Sie mal die Schweden.
Bruno ist also tot, geschossen am Montag um kurz vor fünf in der Früh von ein paar Jägern in der Nähe des Tegernsees, knapp sechs Wochen nachdem es geheißen hatte, „der Bär ist willkommen“ – das hatte jener bayerische Minister gesagt, der den in diesem Falle besonders absurden Namen Schnappauf trägt. Sechs Wochen, in denen ein paar Bienenstöcke zu Bruch gingen und ein paar Zuchtschafe gerissen wurden; in denen Bruno durchs schöne Bayernland und durch Tirol wanderte wie Millionen andere Touristen; in denen finnische Bärenhunde eingeflogen wurden und der bayerische Papst ins Spiel kam und Bruno vor einem Eiscafé gesehen wurde und vor einer Polizeiwache. Sechs Wochen, wie sie sich nicht mal Eugène Ionesco hätte ausdenken können, der die Menschen zu Nashörnern werden ließ, um zu zeigen, wie dumm und klein und lächerlich sie manchmal sind im Angesicht des Alltäglichen.
Bruno, und das ist nicht pathetisch gemeint, war einer von uns. Bruno war nicht das Böse und nicht das Gute, er war nur ein Schatten von uns, von dem, was wir wollen, was wir suchen, was wir fürchten. Er war keine Bedrohung für den Menschen, das haben all die Begegnungen der letzten Tage gezeigt, als er ein paar Radfahrern und Wanderern begegnete und jedes Mal brav abzog. Wenn wir Bruno, einmal wenigstens, ein letztes Mal, ins Gesicht sehen, jetzt, da er tot ist, dann werden wir erkennen, was für ein schrecklich absurdes Schauspiel wir in den letzten Wochen erlebt haben.
Bruno war der Normalfall und zugleich die Ausnahme: Er war einfach ein Bär, wie wir ihn uns immer gewünscht haben in unserem idealistisch beseelten Ökowunderland – und als er dann hier war, haben wir versagt. Bruno symbolisierte die Sehnsucht nach einer heilen Natur, er war unser wandelndes schlechtes Gewissen angesichts all der Fluten und Wirbelstürme und schmelzenden Polkappen, er war im Grunde, wenn wir ihn verstanden hätten, ein Bote mit einer guten Nachricht: Es gibt sie wieder, sie leben und wandern und werden unter uns sein, zeigen wir also, dass wir klüger sind als vor 170 Jahren.
Bruno, und das ist das Bittere, war eine Erfolgsgeschichte, als er noch lebte. Jetzt, da er tot ist, bleibt als Erbe nur der bittere und scheinbar billige Hohn auf eine Boulevardgesellschaft, wo alle gleich japsend und hechelnd und hyperventilierend auf dem Boden liegen, wenn zwischen Ottfried Fischers Liebeseskapaden und der nächsten Steuerlüge mal was wirklich Kurioses passiert.
Die Angst vor Bruno zeigte nur die Angst vor allem Unberechenbaren in diesem rundum versorgten Wohlstandsland, zeigte die so leicht durchschaubare Doppelmoral vom Bewahren und Bestrafen, zeigte den autoritären Reflex, der hier immer noch so leicht abrufbar ist. Deutschland war noch nicht bereit für Bruno, das war sein Schicksal, das war sein Todesurteil.
- Datum 06.07.2006 - 05:15 Uhr
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Sehr geehrter Herr Georg Diez, der Nachruf ist ihnen wirklich gelungen, musste dabei an Enzensbergers Gedicht "Erinnerung an den Tod" denken. In Ihnen sehe ich wahrhaftig wirklich keinen, der Bären nur aus der Haribotüte kennt. Mensch Bruno, Mensch Georg!
Mein Urlaub im Allgäu ist ein paar Wochen her - da fing "Problembär" Bruno erst an sein kurzes Leben in Deutschland zu geniessen. Hier daheim in Berlin habe ich mehr Angst - hier gibt es, trotz Leinenzwang und diverser Auflagen, immer noch zigtausende Problemhunde, die keiner abschiessen will aber die (im Gegensatz zum scheuen Bruno) wirklich Menschen anfallen und verletzen oder gar töten.
Für die unberührte Natur und den Schutz von Wildtieren eintreten ist sehr einfach. Falls sie dann mal auf einen Besuch vorbeikommt, brennen aber alle Sicherungen durch. Mit allen Bärenmythen aus den Grimms-Märchen im Kopf und der Flinte aus dem Schrank, wird die Natur wieder auf Geranien-vor-dem-Balkon Format zurechtgestutzt.
Platz für "wilde" Tiere gibt es in Bayern wohl (noch?) nicht. In Deutschlands Osten leben ein paar Wolfsrudel auf Truppenübungsplätzen - das scheint nicht ganz so gefährlich zu sein, wie es sich anhört. Aber hier gibt es auch weniger Geranien.
Was Problembären bedeuten kann man sich auf National Geographic in Berichten aus Kanada ansehen. Nur dort sieht man auch, dass Problembären mit einem Betäubungsgewehr gefangen und dann verfrachtet werden. Die Methode ist da und wenn man Hunde aus Finnland kommen lassen kann, wird man wohl auch noch ein Flugticket über den Atlantik bezahlen können. Ich denke einerseits, dass man einen wilden Bären, der die Nähe des Menschen sucht nicht aushalten wird und schüttele andererseits den Kopf, dass man sich die Lösung so einfach macht ihn einfach abzuknallen. Es bestätigt mein Bild der Jagd und professionelle Spezialisten aus dem Bereich des Artenschutzes sollten die einzigen mit Lizenz zum Schuß auf einen Bären sein, da ihr Horizont einfach weiter ist und eher eine Lösung für Mensch und Bär nebeneinander gefunden wird.
Da konnte man den Kindern endlich mal beim Frühstück erklären, was die Kaffemilch aus den Alpen mit Bären zu tun hat, da wird das arme Vieh gleich bei der erstbesten Gelegenheit abgeschossen. Jetzt sagen die Kinder, daß auf der Dose mit der Kaffeemilch eigentlich Angsthasen abgebildet sein müßten.
PS: Bekommen Brunofans in bayrischen Wirtshäusern jetzt wenigstens leckeren Bärenbraten aufgetischt? ZEIT-Redakteure, recherchiert das mal!
Die Argumentation des Artikels ist derart flach, dass man sich des Verdachts nicht erwähren kann, er solle genau das Gegenteil bewirken.
Wenn man nur stark genug für These A plädiert, dann geht die Meinungsbildung schwerpunktmäßig als Gegenpol zur Gegenthese über.
Leider scheint der Verfasser sein zartes, ökologisches, fast schon elegisches Gelaber aber ernst zu meinen.
Man kennt das von Grabreden: der Verstorbene hatte einfach nur positive Seiten.
Armer Bruno - jetzt wird er auch noch von den Redakteuren der Zeit für deren Zwecke instrumentalisiert.
Vergessen wir nicht ganz: Problembären werden auch woanders beseitigt - weil man auch dem Menschen manche Gefahren nicht zumuten möchte.
Sehr geehrte Redakteure, machen Sie doch demnächst mal Urlaub in Kanada und sich ein eigenes, weniger mediengefärbtes Bild von Bären.
Vielleicht werden auch Sie feststellen, dass diese Teddys nicht einfach nur kuschelig sind. Und dass gesellschaftspolitische, ideoloogische Überlegungen reichlich egal sind.
Vielleicht.
"Verkehrte Welt" muß ich bei einigen Kommentaren denken. Es ist einfach schrecklich, was da zum Teil geschrieben wird, angefangen mit dem Kommentar. Haben wir verlernt, zwischen Mensch und Tier zu unterscheiden? Ob auch so ein "Wirbel" gemacht worden wäre, wenn dieser niedliche und ach so harmlose Bär einen Menschen angefallen hätte? Wahrscheinlich hätte es dann an dem falschen Verhalten des Menschen gelegen, der nicht verstanden hat, daß der Bär nur "kuscheln" wollte. Mir kommen wirklich die Tränen und deshalb kann ich nicht weiterschreiben.
Mir ist dieser Artikel zu heiter. Bruno hat nichts mit Karl dem Käfer und auch nicht mit Maulwurf Grabowski zu tun.
Wieder einmal hat die Gattung Homo Sapiens ihre Unfähigkeit bewiesen. Bruno hat das nicht verdient. Er wollte nur seine Freiheit genießen.
Ich bin sehr traurig. Wäre es ihm doch nur gelungen....
Ne,ne,ne,ne!!! Ich habe heute Bruder Bruno gesehen. Er ist doch hier!!! Warum suchen Sie nicht ihn? Er ist SO GROSS, sanft und schüchtern, das ich ihn adoptieren möchte!!!
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