Erahnen Sie schon unsere erste Frage?

JAN EISSFELDT: Nein, wirklich nicht.

Ist doch aber ganz einfach.

Ach so, ich mache keinen Reggae mehr, sondern Funk.

Genau.

Fett. 100 Punkte. Ich bin gut. Aber stellen Sie sie trotzdem mal so, wie Sie sie stellen wollten.

Sie scheinen offenbar immer neue Herausforderungen zu brauchen. Zu Beginn von Ihrer demnächst erscheinenden Platte „Mercedes- Dance“ heißt es: „Ein neuer Jan, ein neuer Anfang.“ Wie viel Spaß bereitet es Ihnen, sich immer wieder neu zu erfinden?

Viel, sonst würde ich das ja nicht machen. Für mich ist das spannend. Aber wenn die Platte dann auf dem Markt ist, wird sich das auch wieder relativieren. Als ich die Reggae-Platte aufgenommen habe, konnte ich machen, was ich wollte, weil die Leute nicht wussten, was da kommt. Das war ein cooles Gefühl. Wenn man immer gute Platten macht, ist die Erwartungshaltung natürlich groß, aber es ist ein größeres Abenteuer und bringt mehr Spaß, sich immer auf Neues einzulassen.

War es schwer, eine Funk-Platte zu machen?

Gerade so wie ich das gemacht habe, war es schwer. Ich hatte ja keine Band, die schon zehn Jahre auf der Bühne zusammenspielt und schon alleine dadurch einen eigenen Sound hat und sich blind versteht. Meine Musiker mussten erst zusammenkommen und miteinander spielen lernen. Die richtige Herausforderung, an der ich fast gescheitert bin, war dann die Kombination. Ich wollte ja keine blöde Retromusik machen. Da hole ich mir lieber die alten Originalplatten, die sind besser. Nein, ich wollte den Funk auf ein heutiges Level hieven und ihn mit der Produktionsweise kombinieren, wie ich sie vom Hiphop gelernt habe. Ich wollte, dass es knallt und rummst. Ich wollte auf der einen Seite die Vibes, den Live-Eindruck von früher, auf der anderen Seite wollte ich den Sound von heute haben.

Nun singt Udo Lindenberg mit Ihnen „Im Arsch“, Sie haben in den letzten Jahren mit Xavier Naidoo und Nena gearbeitet.

Mittlerweile weiß jeder, dass ich für jeden Spaß zu haben bin. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt‘s sich gänzlich ungeniert. Ich kann jetzt eigentlich machen, was ich will.

An einer Stelle heißt es: „Ich hab die Melodien, die burnen wie Rolf Töpperwien.“ Wie sehr hat es Sie mitgenommen, dass der arme Kerl sich beim Hantieren mit hochprozentigem Alkohol aus Versehen angezündet hat?

Gar nicht. Mich hat der Reim geflasht. Und damals hat mich geburnt, wie er auf dem Cover der Titanic war mit „Mann, hab ich einen Brand“. Ich habe das damals auf der Tankstelle gesehen und habe mich totgelacht. Das ist meine einzige Verbindung dazu.

Zeigt aber doch, dass Sie sich mit Fußball beschäftigen.

Klar, als ich klein war, war ich ein Fußball-Nerd und habe jeden Tag Fußball gespielt. Aber etwa mit zwölf wurde das durch Basketball abgelöst. Da war der Fußball erledigt, und nur meine Sympathie für Werder Bremen wurde dadurch, dass ich „Sportschau“ geguckt habe, weitergepflegt. Als sie dann 1992/93 Meister wurden, war ich wieder voll dabei. Und natürlich bei Welt- und Europameisterschaften. Ich bin Deutschlandfan und stehe dazu. Aber letztlich ist es doch so: Wenn Werder Bremen oben mitspielt, dann schaue ich regelmäßig Fußball, wenn sie abkacken, dann interessiert er mich nicht mehr so richtig. Das steigt und fällt mit Werder.

Wer gefällt Ihnen denn bei Bremen?

Micoud finde ich toll, weil er nie grinst und der derbste Styler ist. Früher haben wir Mario Basler gefeiert. Jetzt natürlich Miro Klose. Den fand ich schon bei der letzten WM geil, habe ihn nur immer weggedrückt, wenn er irgendwo interviewt wurde. Das ist eben nicht wie bei Micoud, den ich auch als Typen gut finde. Ich finde auch Frings cool, auch wenn er bei den Bayern war. Aber am derbsten finde ich Thomas Schaaf. Den finde ich unschlagbar.

Wieso?

Ich finde das so geil, dass er seit über 30 Jahren Mitglied von Werder Bremen ist. Der ist damit groß geworden, und auf einmal ist er dort Trainer und wird Deutscher Meister. Das ist eine Posse, ein gesund freundschaftlich zusammengewachsenes Knäuel. Diese Geschichten schreibt das Herz. Davon bin ich Fan in der heutigen Zeit, in der bei einem Spiel von Arsenal gegen Madrid auf einmal der einzige Engländer bei Madrid spielt, in der du nichts mehr ernst nehmen kannst. Das klingt jetzt sehr blöd und opamäßig, aber das ist alles nur noch ein Marketingscheiß. Da finde ich es faszinierend, dass der HSV mit Uwe Seeler noch eine Legende hat. Selbst die Bayern, so sehr ich die auch hasse, denken an ihre Wurzeln. Das mag ich gerne.

Wie kommt denn ein Hamburger dazu, Werder-Fan zu sein?

Ich fand früher deren Puma-Klamotten cool. Mir haben auch die Trikots in grün-weiß gut gefallen. Dann kam noch dazu, dass ich Rudi Völler und Otto Rehhagel großartig fand. Dabei ist es dann geblieben. Als Michael Kutzop damals den Elfer gegen den Pfosten gehauen hat und Bremen nicht Meister wurde, habe ich drei Tage geweint. Da ist eine Welt für mich zusammengebrochen. Es ist wie in der Musik: Alles, was ich als kleiner Junge gemocht habe, ist nie wieder aus mir rausgegangen. Das bleibt. In der Musik wie im Fußball.

Sie haben vorher gesagt, beim Fußball gehe es nur noch ums Marketing. Glauben Sie, man kann das Musik- und das Fußballgeschäft miteinander vergleichen?

Es wäre ein bisschen konventionell, das zu tun. Das kann man nicht so richtig, denn im Fußball gibt es keine Downloads. Deshalb könnte man es nur mit der Entertainment-Industrie generell vergleichen, vielleicht mit Hollywood. Obwohl auch bei den Filmmoguln inzwischen der Download heftig am Thron kratzt.

Wir denken eher an die Ähnlichkeiten: In beide Branchen gibt es junge Leute, die ihre Unabhängigkeit verlieren und gelenkt werden, wenn ihre Persönlichkeit nicht stark genug ist.

Das kann man so nicht sagen. Sie müssen ja ihre Persönlichkeit aufgeben, um in der Mannschaft, als Team, erfolgreich zu spielen. Da darf man nicht unabhängig sein. Denken Sie daran, wie Leverkusen Madrid mit 3:0 weggehauen hat. Das ist das beste Beispiel dafür, dass ein unabhängiger Spieler ein Scheiß ist. Mann, Real hatte den Nike- Werbespot auf dem Platz und hat 0:3 verloren, weil Leverkusen das Team war. Nur weil die Starspieler mit ihren Egos nichts gebacken gekriegt haben. Deshalb darfst du nicht unabhängig sein. Das ist, wie in einer Band zu spielen. Du bist ein Rad in dem ganzen Gefüge. Da musst du dich auch eingliedern. Du musst deine Aufgabe nach bestem Wissen und Gewissen erfüllen.

Mehmet Scholl war doch auch Bravo-geschädigt.

Dagegen hat er sich aber zu wehren versucht.