Interview »Ich bin Deutschland-Fan«Seite 2/2

Aber es war so ein wenig wie bei den Beginnern damals.

Das meine ich ja. Wir haben das auch geschnallt und versucht, uns dagegen zu stellen. Ich glaube, das war bei Mehmet Scholl ähnlich. Der war, glaube ich, schon immer eher cool.

Und er hat zwei Sampler herausgegeben.

Genau, mit schönem Indie-Rock. Ich fand übrigens auch Klinsi immer schon gigantisch. Der hat ja am Anfang in Stuttgart gespielt, und als er damals die Lichtgestalt beim VfB war und geäußert hat, dass er die Grünen wählt, war ich als Elf- oder Zwölfjähriger begeistert. Das war immer etwas, was mich nie zu einem kompletten Fußballdurchdreher hat werden lassen: Ich komme aus einem politischen Elternhaus, und wenn ich mit meinem Onkel zum HSV gegangen bin, habe ich die Nazis da gesehen. Und wenn ich einen Spieler im Interview gesehen habe, habe ich immer gesehen, dass das dumme oder reaktionäre Menschen waren, oder Leute, die anderen nach dem Mund geredet haben. Deshalb hat Klinsi so herausgestochen.

Das war Ihnen wichtig?

Ja. Ich gebe auch gerne ein anderes Beispiel: Als ich 13 war, habe ich eine Ton-Steine-Scherben-Biografie gelesen. Darin tauchte Paul Breitner auf. Der war damals wohl ein Revoluzzer, auch wenn er jetzt in der CSU ist. Die Scherben sind damals voll durchgedreht und haben ihm ihre erste selbst gepresste Platte geschickt. Dann haben sie irgendwann in ihrem Von-Rauch-Haus mit ihren 40 Strichern und Chaoten rumgehangen. Da klopfte es an der Tür, und die haben die tägliche Polizeikontrolle erwartet. Sie machen auf, und da steht Paul Breitner vor der Tür. Der hatte da ein Spiel gegen Hertha und wollte Hallo sagen und sich bedanken. Das finde ich derbe.

Was heißt politisches Elternhaus?

Ich bin in einem Wohnprojekt in Hamburg aufgewachsen und mit Einstellung und Haltung erzogen worden. Das geht auf einen über, positiv wie negativ. Denn heute habe ich auch eine Aversion gegen Birkenstock- Sandalen.

Als sich Ton Steine Scherben trennten, machte Rio Reiser solo weiter. Sie covern jetzt „Für immer und dich“.

Den habe ich erst spät begriffen. Ich habe Reiser natürlich schon sehr früh gehört. Aber das waren dann so Stücke wie „König von Deutschland“. Das war ja auch alles cool. Aber dann habe ich zu meinen Antifa- Zeiten die Scherben entdeckt und war begeistert. Erst da habe ich mich damit auseinandergesetzt...

Ganz anderes Thema: Sie haben gesagt, dass Sie die Klamotten bei Bremen so toll fanden.

Ja, obwohl mich Puma heute überhaupt nicht mehr flasht.

Was macht Style aus für Sie?

Alles. Egal bei was. Egal ob Musik, Klamotten, Filme: Style ist das A und O. Es ist wichtig, dass man Geschmack beweist. Um es am Fußball festzumachen: Bei Miro Klose setzt es sich aus verschiedenen Aspekten zusammen. Es gibt das, was er als Fußballer macht: Er geht offensiv rein und macht Tore. Das finde ich ziemlich gut und begrüße ich. Wenn ich ihn dann aber als Person im Interview wahrnehme, finde ich ihn eher ein bisschen blass. Da ist dann Micoud besser, weil er insgesamt mehr Geschmack beweist oder meine Art von Stil anspricht. Jemand, der anders gestrickt ist als ich, wird es genau andersherum sehen. Dem ist Micoud zu unfreundlich, dieser alte Brummelkopf, diese Miesmuschel. Der kann dann viel mehr mit Klose fühlen, vielleicht weil er auch vom Land kommt. Andererseits ist natürlich ausgerechnet U2 Micouds Lieblingsband. Damit hat er sich bei mir wieder ein bisschen ins Abseits manövriert. Das zieht allem, was ich eben erzählt habe, wieder den Boden weg.

Was unterscheidet Style von Stil?

Das ist das Gleiche. Style ist nur das neue Wort dafür.

Was haben Sie für einen Stil?

Hören Sie sich meine Platte an, schauen Sie sich an, was ich trage. Darüber kann ich nicht selbst reden. Ich mache es, ich übe es aus. Es liegt ja auch immer im Auge des Betrachters. Deshalb kann ich das nicht sagen, weil der Eine das so sieht und der Andere so.

Das war ein guter Konter.

Das meine ich ganz ehrlich. Ich finde es peinlich, wenn sich jemand hinstellt und sagt: Mein Stil ist so und so und ich bin blablabla. Man macht das einfach und redet nicht drüber. Das ist so ähnlich wie Sex. Da sage ich auch: Macht doch einfach!

Wurden Sie gebeten, ein WM-Stück zu schreiben?

Ich habe gerade eine E-Mail bekommen. Das stand in etwa drin: „Im Zusammenhang mit der WM und Deutschlands Bild nach draußen haben wir 40 wichtigsten Köpfe Deutschlands unter 40 Jahren zusammengestellt. Du bist dabei! Bitte komm doch zu einer Fotosession, wir machen eine Ausstellung im Reichstag und der Medienpartner ist die ,Bild am Sonntag‘. Das wird arrangiert von Jung von Matt.“ Da habe ich nur gedacht: Na klar! Da hätten sie auch gleich fragen können, ob ich eine Deutschland-Hymne komponieren möchte. Ich mache alles für Hamburg und nichts für Deutschland.

Was ist überhaupt mit Fußballliedern. Gibt es da etwas, was Sie gut finden?

Ich habe mir Lotto King Karls Hamburg-Hymne runtergeladen. Da bekomme ich Gänsehaut und singe das gerne mit. Es ist so einfach und so simpel und billiger Rock-Balladen-Scheiß, aber es ist geil. Ich finde das fett, auch wenn es für den HSV ist. Es ist ja auch nicht so, dass ich den HSV hasse. Ich bin als Kind zu jedem Spiel gegangen, aber nicht, um den HSV zu sehen, sondern die anderen Spieler. Ich wollte Rummenigge sehen und Völler und Matthäus. Den HSV fand ich wegen der Fans immer doof.

Die haben sich inzwischen geändert.

Ich war seither nicht wieder da. Viele von meinen Freunden, die seit ewigen Zeiten HSV-Fans sind, sagen das auch. Allein deshalb habe ich auch mehr Bezug zu dem Verein bekommen. Ich gehe irgendwann noch einmal da hin und schau mir das an.



Das Glossar
Herr Eißfeldt benutzt in diesem Interview Vokabeln, die einem bestimmten Genre entstammen und die nicht jedem Leser geläufig sein werden. Darum sollen sie hier kurz erklärt werden:

Fett : hervorragend
Vibes : (engl. „Atmosphäre“) hier: eine bestimmte musikalische Atmosphäre, die zu einem bestimmten Zeitpunkt zum Beispiel durch besondere Instrumentierung oder Arrangements erzeugt wurde
Derbe : überragend
Burnen : (von engl. to burn: „brennen“) ganz besonders begeistern, euphorisieren. Verwendung: „Das burnt mich total.“
Flashen : (von engl. to flash: „blitzen“) auf einen Schlag für etwas einnehmen. Verwendung: „Das hat mich geflasht.“
Nerd : (engl. „Schwachkopf“) intelligenter, aber sozial isolierter Fan, der sich nur um seine Steckenpferde kümmert
Styler : (engl. „Modezeichner“) ein Mensch, der durch seine Stilsicherheit und seine natürliche Haltung zu überzeugen weiß. Kann auch abwertend gemeint sein für jemanden, der mehr zu sein vorgibt, als er ist
Posse : (engl. „Trupp“, „Schar“) eine Gruppe meist junger Menschen, die gemeinsame Interessen haben. Meist auf das soziale Umfeld im Hiphop bezogen
Download : (engl. „Herunterladen“) Daten oder Dateien von einem anderen Medium auf die eigene Festplatte laden. Meist verwendet um zu beschreiben, dass Musikstücke, Filme oder ähnliche urheberrechtlich geschützte auf legale, oft jedoch illegale Weise erworben werden

 
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