Herr Markovits, wie kommt es, dass sich ein Amerikaner so ausführlich mit dem europäischen Fußball beschäftigt? Das ist nicht üblich.

Andrei Markovits: Ich bin in Rumänien geboren und die ersten Jahre meines Lebens dort aufgewachsen. In meiner Sozialisierung bin ich durch europäischen Fußball geprägt. Ich kann heute noch die Aufstellung von Timişoara auswendig aus der ersten Saison, als ich mit meinem Vater ins Stadion gegangen bin. Oder die des Wiener SK, der damals 7:1 gegen Juventus Turin gewonnen hat. Ich kann mich auch noch an den 4. Juli 1954 erinnern und an den ungarischen Radiokommentator György Szepesi, der geweint hat, als die Ungarn das Endspiel in Bern verloren haben.

Während wir uns an den euphorischen Herbert Zimmermann erinnern. Womit hängt so ein kollektives Gedächtnis zusammen?

Gemeinsame Erinnerungen im Sport haben natürlich mit dem Geschlecht und dem Alter zu tun. Aber dennoch gibt es darüber hinausgehende Phänomene, an die sich übergreifend sehr viele Menschen erinnern. Das hängt mit den hegemonialen Sportkulturen zusammen.

Das ist ein Begriff, den Sie erklären müssen.

Das sind Kulturen, die massiv über die eigentlich Sport Treibenden hinausreichen. Die allermeisten Amerikaner wissen, wer den Super Bowl gewonnen hat, egal ob sie jemals Football gespielt haben oder nicht, genauso wie ein großer Teil der Menschen in Europa weiß, dass vor vier Jahren Brasilien Fußballweltmeister geworden ist. Die zwei wichtigen Punkte daran sind die konsumierende Haltung und die Historisierung des Sports. Sie kennen natürlich die Radioreportage von 1954, Sie kennen das Wembley-Tor. Dabei ist es völlig egal, ob Sie ein guter Fußballer oder ein schlechter Fußballer sind oder vielleicht nie gegen den Ball getreten haben. Sie können trotzdem zu einem Experten werden.

Diese Art der Beschäftigung mit Fußball hat mit dem eigentlichen Spiel selbst aber nicht mehr viel zu tun.

Genau. Es hat sich verselbstständigt.