Mitbestimmung Gewerkschaft, nein danke

Vehement hatten sich die SAP-Mitarbeiter gegen einen Betriebsrat in dem Softwarekonzern gewehrt. Jetzt wählten sie doch - und gaben ihre Stimme vor allem gewerkschaftsunabhängigen Kandidaten

Die Betriebsratswahl am Mittwoch bei SAP bedeutete für das Unternehmen eine Zäsur. Fast 11.000 Mitarbeiter waren zur Wahl aufgerufen, 65 Prozent gaben ihr Votum ab. Die meisten Stimmen erhielt die Liste "Wir für Dich", die nun 16 der 37 Betriebsratsmitglieder stellt. Zu den 16 Gewählten gehören auch fünf jener acht Arbeitnehmervertreter, die bisher die Rechte der Belegschaft repräsentiert hatten. Die eigentlichen Initiatoren der Wahl eroberten mit ihrer Liste "Pro Betriebsrat" immerhin drei Plätze.

Das Softwarehaus aus Walldorf ist der letzte Dax-Konzern, der sich ein solches Gremium gibt. Im Vorfeld hatte es darum heftigen Streit gegeben. Nicht nur, dass sich Konzernchef Henning Kagermann öffentlich gegen einen Betriebsrat aussprach und SAP-Gründer Dietmar Hopp die Mitarbeiter brieflich vor der Wahl warnte, ja in einem Zeitungsinterview sogar drohte, den Unternehmenssitz zu verlagern. Das eigentlich Bemerkenswerte an dieser Wahl ist vielmehr, dass auch die Mehrheit der SAP-Mitarbeiter sie nicht wollte.

Anzeige

Noch Anfang März hatten 91 Prozent der Belegschaft gegen eine Betriebsratswahl und damit gegen die von der IG Metall unterstützte Initiative von drei Kollegen gestimmt. Sie fürchteten, die Gewerkschaft könne zu viel Einfluss gewinnen und damit die besondere Firmenkultur bei SAP bedrohen . Diese zeichnet sich nicht nur durch eine überdurchschnittlich gute Bezahlung und die hohen sozialen Leistungen des Unternehmens aus, beispielsweise kostenloses Essen in der Kantine, ein Jahr Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder zinslose Darlehen für Häuslebauer.

Lange galt SAP zudem als letzter Hort des  „Geistes der New Economy“ – eine Firma mit flachen Hierarchien, die ihren Mitarbeitern viele Freiheiten gewährt, ihnen aber auch viel Eigenverantwortung abverlangt. Viele der Angestellten fühlten sich als Unternehmer im Unternehmen, sagte ein SAP-Sprecher im März, auf dem Höhepunkt der Betriebsratsdiskussion, und sie identifizierten sich ungewöhnlich stark mit ihrem Arbeitgeber.

Doch auch die heile SAP-Welt bekommt Risse. Die Arbeit industrialisiert sich, da die Programme mehr und mehr in Arbeitsteilung entwickelt werden. Die Folge davon: Der einzelne Ingenieur ist nicht mehr so sehr fürs große Ganze zuständig, sondern nur für einen Baustein – und arbeitet wie am Fließband, statt, wie früher, wie ein Unternehmer. Die Vorgaben von oben werden detaillierter, die Hierarchien wichtiger, die Internationalisierung des Unternehmens sorgt zusätzlich für Unruhe. Das Handelsblatt berichtet gar von einem „Kulturkampf zwischen deutscher Ingenieurskunst und amerikanischer Marketingfixierung“, der bei SAP tobe und die Mitarbeiter eine Amerikanisierung des Konzerns fürchten lasse.

Dennoch schien ein Betriebsrat vielen SAPlern lange nicht in ihr Unternehmen zu passen. Sie fühlten ihre Mitspracherechte durch die acht Aufsichtsratsmitglieder aus ihren Reihen ausreichend gewahrt. Diese acht haben zwar gewisse Mitspracherechte, jedoch nur wenige und nur auf vertraglich abgesicherter Basis – zu unsicher, bemängelt die IG Metall, bei der auch die drei ursprünglichen Initiatoren der Betriebsratswahl Mitglied sind.

Erst, als diese drei versuchten, ihren Anspruch auf einen Betriebsrat mithilfe von Gerichten durchzusetzen, machten Kollegen wie Unternehmensführung eine Kehrtwende. Allerdings wird das Gremium nun so klein wie irgend möglich gehalten: Lediglich 37 Mitglieder, 12 davon dauerhaft freigestellt, werden ihm angehören, und es wird nur einen einzigen Betriebsrat für das gesamte Unternehmen geben, statt eines Rats pro Niederlassung und zusätzlichem Gesamtbetriebsrat.

Eigeninitiative und Selbstverantwortung zeigten die SAP-Mitarbeiter auch bei der Aufstellung der Listen, offenbar getrieben von dem Wunsch, zu gestalten, was sie nicht verhindern konnten. Der Andrang der Kandidaten, die als Betriebsrat die Geschicke ihres Unternehmens mitbestimmen wollten, war groß: Mehr als 400 SAPler stellten sich auf zehn Listen zur Wahl. Die Mitarbeiter wollten einen Betriebsrat aus ihrer Mitte, keinen fremdgesteuerten aus der Gewerkschaft, sagte ein Sprecher des Unternehmens. Auch die ursprüngliche Ablehnung der Wahl ist Mitarbeitern zufolge nicht als Widerstand gegen einen Betriebsrat an sich zu verstehen, sondern gegen die Gewerkschaft.

Ungewöhnlich bleibt die Zusammensetzung mancher Listen: Neben Gewerkschaftsmitgliedern kandidieren auf manchen Listen auch Mitarbeiter der Personalabteilung sowie die acht SAPler, die im Aufsichtsrat sitzen und bislang die Arbeitnehmer gegenüber der Unternehmensführung vertreten hatten. Sonst ist diese Konstellation eher unüblich, denn die Ämterhäufung könnte zu Interessenkonflikten führen. Auch die drei ursprünglichen Initiatoren einer Betriebsratswahl sind mit weiteren Kollegen auf einer Liste vertreten. Als Favoriten gelten sie jedoch nicht.

 
Leser-Kommentare
  1. Ich hoffe die Mitarbeiter von SAP schaffen es einen Betriebsrat zu etablieren der ihrer Firmenkultur entspricht und bei dem die IG Metall oder sonst eine fundamentalistische Organisation keinen Einfluss hat. Ich hoffe dass das einzigartige Betriebsklima keinen Schaden nimmt und die Beziehung zwischen Mitarbeitern und Führung, die in den vergangenen Jahrzehnten vorbildlich war, nicht zu sehr formalisiert wird.
    Es ist schon paradox genug, dass ein Betriebsrat gegründet werden muss obwohl über 90% der Belegschaft dagegen gestimmt hat. Die IG Metall stört den einzigartigen Betriebsfrieden nicht um Mitarbeiter zu schützen oder deren Situation zu verbessern (es gibt kaum Arbeitnehmer in Deutschland denen es besser geht). Es geht der IG Metall einzig und allein ums Prinzip und darum auf ihre Daseinsberechtigung zu pochen. Dabei handelt sie ohne Rücksicht auf Verluste, die Wünsche der Arbeitnehmer oder den gesunden Menschenverstand.

  2. und du bekommst trillerpfeifende Sturköpfe, die dir den letzten sicheren und vor allem modernen Arbeitsplatz ruinieren.
    Eine Welt ohne Betongewerkschaften wie vor allem die IG-Metall wäre wahrscheinlich eine Welt mit mehr bezahlbarer Arbeit.
    Wenn man sieht, wie sie Gewerkschaften in ihren eigenen Unternehmungen alle Soziallstandards schleifen und dennoch forsch in den Ruin wirtschaften, dann sollte man solche Gewerkschaften eigentlich staatlich verbieten oder sie wie auch die Religionen zur absoluten Privatsache machen.
    Ein Unternehmen, das auf Gewerkschaften hört oder von ihnen kommandiert wird, ist dem Untergang geweiht.

  3. Die Wahl eines Wahlvorstands zur Durchführung der Betriebsratswahl ist im ersten Anlauf im März vehement mit 91% gescheitert - weil sie von der Geschäftsleitung und der damals noch amtierenden Mitarbeitervertretung instrumentalisiert wurde als Abstimmung gegen einen Betriebsrat überhaupt. Jetzt ist es überraschend, dass die 'amtierenden' ihre 91% nicht behaupten konnten.
    Lässt sich der neugewählte Betriebsrat nun von der Geschäftsleitung fremdsteuern, oder wird er wirklich ein unabhängiges Gremium der Belegschaft? Das wird eine große Herausforderung für die 'alte Garde', die immerhin noch eine satte 3/4 Mehrheit hält.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service