Ärztestreik Keine Bettruhe für Ärzte
Nach den Streiks der Ärzte an den Universitätskliniken rollt die zweite Protestwelle heran. Seit Montag streiken Ärzte an kommunalen Krankenhäusern in vier Bundesländern, die Proteste sollen ausgeweitet werden. Es geht um die Arbeitsbedingungen von 700.000 Ärzten.
Die Forderungen klingen bekannt: Mehr Geld, bessere Arbeitsbedingungen und einen eigenen Tarifvertrag. Dafür streikten bis zu einer Einigung Mitte Juni die Ärzte an Universitätskliniken drei Monate lang. Dafür streiken seit Montag erstmals auch an kommunalen Krankenhäusern beschäftigte Ärzte. Betroffen sind zunächst einzelne Kliniken in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Schleswig-Holstein. Doch der Arbeitskampf, für den 97,1 Prozent der im Marburger Bund organisierten Ärzte stimmten, könnte weit größere Ausmaße annehmen als die erste Welle der Ärztestreiks. Betroffen sind 700.000 Ärzte in den 700 Kreiskrankenhäusern und städtischen Kliniken. Da mit Einschränkungen in der Versorgung zu rechnen ist, haben viele Sorge, dass der Tarifstreit in erster Linie zu Lasten der Patienten geht.
Fabian Peterson, Sprecher der Hamburgischen Krankenhausgesellschaft, fürchtet, dass vielen Patienten Anlaufstellen fehlen werden, auf die sie ausweichen können. "Wenn die kommunalen Kliniken bestreikt werden, müssen Patienten unter Umständen weite Strecken fahren, um behandelt zu werden. Das wird wohl nicht auf viel Verständnis bei den Patienten stoßen." Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten, Wolfram Arnim Candidus, hält die Situation sogar für "katastrophal". Er versteht nicht, warum im Zuge der Verhandlungen des Marburger Bundes für die Ärzte an Unikliniken nicht daran gedacht wurde, dass die Einigung auch Forderungen der Ärzte an kommunalen Kliniken nach sich ziehen würde. "Man hätte sich gleich um eine bundesweite Lösung kümmern müssen", sagte Candidus ZEIT online . "Wir sind nicht gegen den Streik, im Gegenteil, Ärzte müssen qualifiziert entlohnt werden, aber die Streiks werden zu Lasten der Lebensqualität und Versorgung der Patienten gehen."
Armin Ehl, Hauptgeschäftsführer des Marburger Bundes, hingegen sieht keine Gefahr für die Patientenversorgung. Natürlich werde es zu Unannehmlichkeiten kommen, doch die Notfallversorgung sei gesichert, lediglich planbare Operationen würden eventuell verschoben und die Patienten müssten teils längere Wege in Kauf nehmen. "Jeder Patient wird wohnortnah versorgt werden." Ehl glaubt, dass die Patienten auch nach dem Streik der Ärzte an den Unikliniken weiterhin Verständnis für die Proteste haben werden. „Gerade an den kommunalen Kliniken ist die Gefahr groß, dass sie als Patient von einem Arzt behandelt werden, der bereits seit 30 Stunden im Einsatz ist. Bessere Arbeitsbedingungen können nur im Interesse der Patienten sein."
- Datum 28.06.2006 - 14:34 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT online
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Warum streiken wir Ärzte?
es geht uns darum, die Voraussetzungen für qualifizierte und motivierte ärztliche Arbeit zu schaffen. Dazu gehört
1) weniger Bürokratie
2) = mehr Zeit für Patientenbehandlung
3) sinnvolle Arbeitszeitregelungen (wer will nach 24 h Dienst noch von einem Arzt behandelt werden?
4) angemessene Vergütung
Es geht bei den Ärztestreiks also nicht nur um Geld, aber natürlich auch. Dazu noch einige Eckdaten:
Über die letzten Jahrzehnte hat sich die Arbeitssituation für Klinikärzte dramatisch verschlechtert. Immer mehr Verwaltungstätigkeiten wurden uns aufgezwungen und aufgrund des relativen Stellenmangels haben wir all dies geschluckt. Inzwischen wurden von 1991 bis 2004 2,2 Millionen Patienten mehr versorgt , jedoch 20,2% Betten abgebaut. Nach der Bettenzahl richtet sich u.a. die Anzahl der ärztlichen Beschäftigten. Für Ärzte bedeutet dies eine enorme Arbeitsverdichtung. Dass hierbei keine Zeit mehr bleibt für persönliche ärztliche Zuwendung ist vorprogrammiert. Laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung haben Ärzte in den letzten zehn Jahren einen realen Nettoeinkommensverlust von 7,5% hinnehmen müssen, obwohl alle anderen Beschäftigten ein Plus von 6% verzeichnen konnten. Französische, niederlandische und brittische Kollegen verdienen 100-200% mehr. Derzeit erhält ein Arzt z.B. Samstaggnacht um 2.00 Uhr früh unter 20 Euro Stundenlohn. Und das ist meistens die Uhrzeit, wo es wirklich ans Eingemachte geht (Hirnblutung, Notkaiserschnitt etc.) Und das ist der Tarif incl. aller Zulagen. Welcher Handwerker oder Schlüsselnotdienst arbeitet denn zu diesen Tarifen? Gleichzeitig wird uns von Politik und teilweise von der Bevölkerung vorgehalten, wir könnten den Hals nicht voll genug bekommen.
Das ist u.a. der Grund, warum jetzt ein enormer Ärztemangel herrscht und die verbliebenen Kollegen sich nun in der Lage sehen, ihren Protest endlich zu formulieren.
Verdi hat die Ärzteschaft nie wirklich vertreten, was sich aus oben geschildertem Sachverhalt erklärt. Daher hat sich der angestaute Ärger im Marburger Bund formiert. Der von VERDI ausgehandelte Tarifvertrag (TVöD) beschert einem 33-jährigem verheirateten Arzt einen Einkommensverlust von 65.282,30 Euro in 10 Jahren. Weitere Einbußen bei Urlaubs- und Weihnachtsgeld sind bereits vorprogrammiert.
Bereits jetzt unterstützen wir Ärzte mit jährlich 50 Mio. unbezahlten Überstunden (!) das Gesundheitssystem.
(Und by the way: ich bin seit 8 Jahren vollapprobiert und erhalte seit diesem jahr genau einen Poolpunkt, der exakt 46 Euro monatlich ausmacht! Nebeneinkommen habe ich keine, wird weder vertraglich zugelassen, noch hätte ich Zeit dazu!)
Wenn nun unsere lieben Politiker behaupten, wir Ärzte würden mit unserer Forderung nach angemessenen Arbeitsbedingungen das Gesundheitssystem ruinieren, lenken sie von der Tatsache ab, das sie selbst das System über Jahrzehnte auf Kosten von Arzt und Patient an die Wand gefahren haben.
PS:
Und nun noch zum Thema Notversorgung während der Streiks:
Eigentlich ist es Aufgabe der Arbeitgeber, für den Zeitraum des Streiks für eine Notversorgung, ähnlich wie an Wochenenden und Feiertagen zu sorgen. Da wir Ärzte uns in der Verpflichtung unseren Patienten gegenüber sehen, haben wir den Arbeitgebern eine Notdienstvereinbarung angeboten, die weit über eine Wochenendbesetzung hinausgeht. Alle dringlichen Behandlungen einschließlich Tumorbehandlung werden durchgeführt. In meiner Klinik wird deshalb die Kinderchirurgie garnicht bestreikt.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren