Weblogs Auf eigene Faust
In den USA machen sich immer mehr Netzautoren selbständig. Blogs, Podcasts und neue Werbeformen ermöglichen ihnen einen Neustart im Netz.
Microsoft besitzt rund 3.000 Angestellte mit eigenem Weblog. Keiner von ihnen ist so bekannt wie Robert Scoble , der von der Zeitschrift The Economist als Chief Humanizing Officer des Software-Konzerns bezeichnet wurde. Scoble hat mit seinem Blog wesentlich dazu beigetragen, das Image des Konzerns in der Weblog-Welt zu verbessern. Doch der Redmonder Softwarekonzern wird sich bald nach einem neuen Chef-Blogger umsehen müssen. Scoble kündigte vor einigen Tagen an, dass er seinen Job bei Microsoft an den Nagel hängen wird. Scoble wird dem Startup Podtech.net beitreten, das Podcasts für Firmen wie Intel und Yahoo! produziert.
Nur zwei Tage nach Scobles Abschiedsankündigung erreichte die Netzgemeinde eine weitere Überraschung: Business 2.0-Redakteur
Om Malik
gab bekannt, dass er das Magazin verlassen und sich voll und ganz seinem Blog widmen wird. Malik will neben Texten in Zukunft auch Web-Applikationen für seine Leser produzieren. Auf seinem Blog erklärt er dazu: Ich wollte schon immer mal wissen, ob ich das Zeug dazu habe, selbst etwas von Grund auf aufzubauen.
Malik und Scoble sind nur zwei Beispiele für einen wachsenden Trend: Immer mehr Journalisten und Medienmacher entscheiden sich dafür, ihr Glück als Blogger und Podcaster zu versuchen. Vorbild vieler medialer Kleinstunternehmer ist die Medien-Webseite Paidcontent.org. Der in Los Angeles lebende Journalist Rafat Ali gründete Paidcontent im Juni 2002 als eine Art Online-Portfolio. Ich wollte damit an meinem Profil als Journalist arbeiten und eine Stelle beim Wall Street Journal bekommen, erinnert sich Ali im Rückblick. Aus diesen Plänen wurde bis heute nichts. Dafür konnte sich Ali diese Woche eine Finanzspritze von mehreren hunderttausend Dollar sichern, um sein Blog-Imperium auszubauen. Neben dem Online-Medien-spezifischen Weblog Paidcontent.org gehört dazu auch das auf Handy-Inhalte spezialisierte Blog Moconews.net sowie eine Reihe von Branchen-Newslettern und Reports. Ali will das Geld dazu nutzen, weitere Mitarbeiter anzustellen.
Die meisten angehenden Berufs-Blogger setzen beim Schritt in die Selbständigkeit auf den wachsenden Online-Werbemarkt. Das Marktforschungsinstitut TNS Media Intelligence geht davon aus, dass dieses Jahr allein in den USA 20 Milliarden Dollar für Online-Anzeigen ausgegeben werden. Textanzeigen wie Googles Adsense-Werbung und Yahoos Publisher-Programm sorgen dafür, dass auch immer mehr kleine Anbieter von diesem Trend profitieren.
Eine wachsende Zahl von Spezialisten vermittelt zudem Werbeplätze auf Blogs und in Podcasts. Blogads.com vermarktet seit einigen Jahren erfolgreich Werbeplätze auf zahlreichen kleineren und mittelständischen Weblogs. Der Wired Magazin-Mitbegründer John Battelle startete vor gut einem Jahr eine Vermarktungs-Firma für profilierte Blogger. Das Federated Media genannte Unternehmen zählt neben Om Maliks Weblog auch das bekannte Boing Boing-Blog zu seinen Outlets. Zu den Anzeigenkunden zählen neben den obligatorischen Startups längst auch Fernsehsender und Hollywood-Studios.
Das Fehlen solcher Blog-spezifischen Werbevermittler und geringere Reichweiten machen deutschen Bloggern den Sprung in die Selbständigkeit bisher schwer. Trotzdem gibt es mit dem Bildblog und dem Spreeblick Verlag bereits erste Versuche alterfahrener Medienmacher, sich im neuen Medium ein eigenes Standbein aufzubauen. Während das Bildblog dabei auf Leser-Spenden und Partnerprogramme vertraut, setzt Spreeblick.com auf Google- Anzeigen und die Zusammenarbeit mit ausgesuchten Sponsoren.
Mit den neuen Einnahmequellen tauchen jedoch auch Probleme auf. Wie lässt sich zum Beispiel die klassische Trennung von Redaktion und Verlag in einem Ein-Mann-Betrieb aufrecht erhalten? Das ist eine Frage, die sich jeder Blogger stellen muss, glaubt Laobserved.com-Autor Kevin Roderick . Roderick, der neben seiner Tätigkeit als Blogger weiterhin als Journalist für Zeitungen und Magazine schreibt, schätzt deshalb die Zusammenarbeit mit Mittelmännern wie Blogads.com . Sie kümmern sich ums Verkaufen, die Abrechnung und den Kontakt mit den Werbern, erklärt er. Ich mag diese Distanz.
- Datum 30.06.2006 - 04:27 Uhr
- Quelle ZEIT online, 26.06.2006
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