Es ist erst ein paar Tage her, da überraschte uns die 50-jährige Softwarelegende Bill Gates mit der Entscheidung, sich in den kommenden zwei Jahren vollständig aus dem Tagesgeschäft von Microsoft zurückzuziehen. Der reichste Mann der Welt wird zwar im Vorstand des Unternehmens bleiben, doch seine Energie will er künftig nicht mehr ins Geldeinnehmen, sondern ins Geldausgeben stecken. Nur noch Gutes will er auf seine alten Tage tun, und das Instrument seiner Wohltaten wird eine Stiftung sein, die in ihren Proportionen ganz Gates' Firma entspricht: Gemeinsam mit seiner Ehefrau und Vater William H. Gates gründete der Multimilliardär bereits vor sechs Jahren die Bill and Melinda Gates Foundation. Mit rund 27 Milliarden Dollar Kapital ist es die derzeit größte private Stiftung weltweit. Bill Gates knuddelt einen kleinen Patienten des Malaria Vaccine Trial in Mosambique, einer von seiner Stiftung geförderten Impfstudie. Die Infektionskrankheit tötet jährlich eine Million Menschen. 90 Prozent der Opfer sind Kinder.

Und nun wird sie noch größer. Amerikanischer Tradition folgend hat der 75-jährige Warren Buffet, ein Freund der Gatesfamilie und ebenfalls milliardenschwer, beschlossen, den Löwenanteil seiner Dollar nicht den verwöhnten Kindern zu hinterlassen - sondern der Gatesstiftung . Mit dem Buffet-Vermögen verfügt die Foundation künftig über die doppelt gigantische Summe von 64 Milliarden Dollar. Damit kann das Microsoftpaar mehr denn je die Welt verbessern - eine Idee, die nicht jedem Freudentränen in die Augen treibt. Von einer "Supermacht" ist schon die Rede, und das klingt durchaus bedrohlich. Viel Geld bedeutet viel Macht - insbesondere, wenn man die Reichweite des Stiftungsengagements betrachtet.

Der letzte Jahresbericht der Stiftung (englisch) dokumentiert eindrücklich, wie umfangreich die Gates Foundation Bildungsförderung, Gesundheitsinitiativen, Bibliotheksaufbau und zahlreiche andere Vorhaben unterstützt - und zwar in mehr als 100 Ländern der Erde. Fast drei Viertel aller finanziellen Hilfen werden global verteilt, nur ein kleiner Teil der Spenden wandert in US-amerikanische Projekte. Und die Beträge, mit denen die Stiftung hilft, sind enorm - in vielen Fällen übersteigen sie die Größe jener Finanzspritzen, die westliche Regierungen oder internationale Institutionen wie die Weltgesundheitsorganisation den Initiativen und Entwicklungsländern zukommen lassen.

Der Schwerpunkt des Stiftungs-Engagements liegt dabei klar auf dem Kampf gegen Krankheiten: Malaria, Aids, Tuberkulose, kaum ein Gräuel, das die Gates nicht von der Weltkarte putzen wollen. Auch andere Infektionen, wie zum Beispiel die Masern , die in Entwicklungsländern jährlich mehrere Hunderttausend Kinder das Leben kosten - während sie in den Industrienationen kaum noch Beachtung finden -, sollen mit Hilfe der Gates-Dollar endlich unter Kontrolle gebracht werden. Die Taktik für den medizinischen Feldzug heißt Impfung, und zwar schon im Kindesalter. Insbesondere das im Jahr 2000 gegründete Public Private Partnership Global Alliance for Vaccines and Immunization (GAVI) bekommt von der Stiftung Milliarden für die Etablierung von Impfprojekten auf der ganzen Welt. Der Grundgedanke: Krankheit erzeugt Armut, und wer die Armut bekämpfen will, muss zunächst dafür Sorge tragen, dass der Nachwuchs gesund bleibt. Die Unterstützung von konkreten Impfprojekten ergänzt die Stiftung, indem sie auch wissenschaftliche Grundlagenforschung fördert. 

1,7 Millionen Kinderleben hat GAVI nach Angaben der Foundation bereits gerettet, weitere zehn Millionen sollen es in der kommenden Dekade sein. Daran kann kaum etwas zu kritteln sein, möchte man denken, zumal andere Geldgeber - wie die Weltbank und der amerikanische Medienunternehmer Ted Turner - dieselben oder ganz ähnliche Impfprojekte wie die Gatesstiftung finanzieren. Doch Kritik gibt es sehr wohl, und im Mittelpunkt dieser Kritik steht das "wie" und "an wen" der Gatesschen Gesundheitsoffensive. Zu bürokratisch sei es geworden, an eine Förderung der Stiftung zu kommen, sagen Kritiker, und zu häufig würden Gelder mehrfach für den gleichen Zweck ausgegeben, etwa indem die Stiftung verschiedene Projekte unterstütze, die im Prinzip das gleiche Ziel verfolgten.

Der amerikanische Expräsident Jimmy Carter, selbst Stifter und im globalen Gesundheitskampf engagiert, bemängelte zudem schon im Dezember 2004, dass die von Gates unterstützten wissenschaftlichen Forschungsprojekte zu weit von der Realität entfernt seien, weil viel zu langwierig und riskant. Dieser Vorwurf wird auch dem neuesten Projekt im Spendenreigen der Stiftung zuteil: Für Grand Challenges in Global Health wurden aus 1000 Bewerbungen 48 wissenschaftliche Pläne ausgewählt, die sich vor allem durch Forscher-Ehrgeiz auszeichnen und noch dazu fast ausschließlich von Labors aus entwickelten Ländern stammen. Auch Peter Piot, Direktor der Aids-Organisation der Vereinten Nationen (UNAIDS), empfindet das als befremdlich: Die Grand Challenges würden sich mit Angelegenheiten der National Institutes of Health (der US-staatlichen Forschungsinstitute) befassen, dabei habe er immer gedacht, die Stärke der Gates-Stiftung liege darin, dass sie die Arbeit in den Entwicklungsländern vorantreibe.

Was sie ja - zumindest in ihren Impfprojekten - ebenfalls tut. Das finanzielle Engagement für GAVI zum Beispiel kommt sowohl der Forschung an neuen Impfstoffen, als auch den so genannten Bottom-Up -Projekten zugute. Letztgenannte ermöglichen es den Entwicklungsländern, aus eigenem Antrieb (also von unten, dem bottom aus) an vorhandene Medikamente und Impfungen ( up ) zu kommen und eigenständig ein System aufzubauen, das diese Mittel an die bedürftigen Kinder verteilt. Auch dieser Ansatz ist unter Experten umstritten, viele befürworten Top-Down -Modelle, bei denen von außen implementierte Pilotprojekte später auf die breitere Bevölkerung ausgeweitet werden. Solche Projekte gibt es allerdings, doch finanziert werden sie auf anderen Kanälen als der Gates-Stiftung, heute und weiterhin.

Im Zentrum der Kritik steht demnach weniger die Tatsache, dass Bill und Melinda Gates überhaupt in diesem massiven Umfang spenden und damit Einfluss ausüben. Als störend wird eher empfunden, dass das Paar samt Vater in der Auswahl der geförderten Projekte seiner eigenen Philosophie folgt - und diese nicht von allen im Public-Health-Sektor tätigen Experten und Wissenschaftlern geteilt wird. Warren Buffet aber kann sich scheinbar sehr gut mit der Stiftung und ihren Zielen identifizieren. Dass die Gatesphilosophie nun massiven Vorschub durch seine Milliarden erhält, wird Spuren im globalen Gesundheitsmanagement hinterlassen, und es werden die Spuren von Bill Gates sein. Doch wäre es sicher nicht besser gewesen, Buffet hätte das Geld an seine Kinder verteilt.

Mehr zum Thema Stiftungen finden Sie hier »