Waldorf Stampfen und Stricken

Beim Thema Waldorf-Pädagogik denkt man an Ökopullis, selbst gebackenes Brot und Naturspielzeug. Das Konzept der Rudolf-Steiner-Kindergärten ist jedoch komplexer

PISA hat alles auf den Kopf gestellt. Um das Bildungsniveau unseres Nachwuchses zu erhöhen, sollen jetzt schon die Kleinen im Kindergarten lernen. Rudolf Steiner, Philosoph, Pädagoge und Naturwissenschaftler, hat im 20. Jahrhundert ein Konzept entwickelt, bei dem hartes Faktenwissen in den ersten Lebensjahren irrelevant ist. Anthroposophie heißt das Ganze: Menschenweisheit. Nach dieser Lehre steht die Entwicklung des individuellen Menschen mit all seinen Kompetenzen, seiner Gefühlswelt und seiner Schöpferkraft im Mittelpunkt.

Die Waldorf-Pädagogik geht davon aus, dass der Mensch sich in vier Reifegraden entwickelt. Sie folgt esoterischen Prinzipien, die wissenschaftlich nicht belegt werden können. Im Kindergartenalter entsteht der zeitliche Leib. Erst ab vierzehn entwickelt sich der Geist. Rudolf Steiner legt in seiner Lehre Wert darauf, Kinder altersgemäß zu fördern, indem ihre natürliche Neugier und Erkundungslust angeregt wird. So sollen die Kleinen später bei der Einschulung den intellektuellen Anforderungen geistig, seelisch und körperlich gewachsen sein. Kinder erforschen mit allen Sinnen, wie die Welt um sie herum und wie sie selbst funktionieren. Sie stöbern im Wald nach Kastanien, beobachten Vögel beim Nestbau, müssen Konflikte mit ihren Spielgefährten meistern und erlernen so menschliche und soziale Kompetenzen, um sich in der Gruppe zurecht zu finden. Wenn es nach Steiner geht, muss der Sprössling in den ersten sieben Lebensjahren nicht viel Wissen anhäufen. Jedem Waldorf-Kind wird die Zeit gelassen, die es braucht, um sich zu entwickeln. Sprache, Denken, Kreativität und physische Konstitution werden, so die Anthroposophie Steiners, in dieser ersten Lebensphase für das ganze Leben entscheidend geprägt.

Mit dem Körper sprechen

Vielseitige Bewegung, beim Toben in der Natur oder auf dem Spielplatz, ist zentrales Element der Waldorfpädagogik. Sie fördert Zusammenspiel zwischen Kopf und Körper, regt die Sprechfähigkeit und das Denkvermögen an. Die Kinder stehen beispielsweise im Kreis und üben zählen, indem sie mitstampfen. So bleibt die buchstäbliche Zahlenakrobatik für sie keine reine Kopfsache. Arme und Beine helfen mit, sich das zu merken, was dem Kopf allein zu langweilig und abstrakt wäre. Nach anthroposophischem Vorbild sollen die Kinder ihren ganzen Körper als kreative Ausdrucksform nutzen. Rudolf Steiner hat 1912 erstmals sein Konzept der Eurythmie vorgestellt, das seit 1919 Pflichtfach für alle Altersstufen in Rudolf-Steiner-Schulen ist. Dem Ausdruckstanz nicht ganz unähnlich, setzen die Kinder Sprache, Musik und Töne in menschliche Bewegungen um. Jede Geste entspricht einem bestimmten Laut. Durch Eurhythmie sollen Lebenskräfte und Ausdrucksfähigkeit aktiviert werden.

Der Kreativität freien Lauf

Das spezifisch Menschliche sieht Steiner in der "schöpferischen Freiheit des Menschen". In Waldorf-Kindergärten wird deshalb insbesondere Wert auf kreative Spielmöglichkeiten und abwechslungsreiches, die Phantasie und Sinne anregendes Spielzeug gelegt. Hier kommen pilzförmige Holzhäuser mit Borkendach oder bunte hölzerne Puppenfamilien zum Einsatz. Waldorf-untypisches Spielzeug muss zuhause bleiben. Matchboxautos, Barbies oder gar Gameboys dürfen nicht mit. Da hat die schöpferische und spielerische Freiheit ihre Grenzen. Die Kinder lernen stattdessen erste Handarbeiten, malen mit Wasserfarben, formen aus Ton oder Knete, was ihnen in den Sinn kommt, probieren sich an Klanghölzern oder Xylophonen und basteln mit Naturmaterialien. Auch beim Brötchenbacken dürfen sie ihre eigenen Formen kreieren.

Leser-Kommentare
    • cousr
    • 02.07.2006 um 0:51 Uhr

    auch ich war mit rechnen und schreiben recht spät drann. bis jetzt führe ich ein erfolgreiches leben, studiere im ausland genetik und genieße es die sicht eines waldorfschülers zu haben...

  1. Wer von sich behauptet Steiner wirklich verstanden zu haben dem glaube ich erst mal nicht, was natürlich stark durch mein eigenes Unverständnis geprägt ist.
    Und das was ich verstehe, ist auch nicht durchweg gleich gut nachvollziehbar.
    Meiner Meinung nach funktioniert in Waldorfkindergarten und Schule die Praxis häufig besser, als es die schwer verdauliche Theorie vermuten läßt. Und natürlich steht und fällt es mit dem "Lehrkörper".
    Ich hatte selber gute Waldorflehrer und meine Kinder haben das meines Erachtens nach auch.
    Der Artikel gefällt mir gut - eine abstrakte Beweisführung für die Wirksamkeit der Waldorfpädagogik wird es nie geben.
    Das bischen persönliche Empirie stimmt mich optimistisch.

  2. Ich empfehle einfach, sich gründlich über den Rudolf Steiner zu informieren. Das erklärt einige Seltsamkeiten :(

  3. Interessante Reihe, anregender Artikel. Bitte mehr davon.

    @lef: Wenn Sie wissen wollen, wie GUTER Kindergarten im Osten war, dann denken Sie sich einfach den Text von der (nicht eben kreativen) Internet-Seite der Internationalen Vereinigung der Waldorfkindergärten e.V. in die Praxis umgesetzt, gekürzt nur um die zeitgeistigen Schlagworte und erweitert um einen zusätzlichen, recht umfangreichen Punkt: "Der Sozialismus, deine Welt." Wollen Sie aber wissen, wie SCHLECHTER Kindergarten in der DDR war, dann denken Sie sich die Erziehung gewordene Absolutheit Steinerschen Gurutums, gekürzt um den Anthroposophischen Gedanken und erweitert um einen umfangreichen Punkt: "Der Sozialismus, deine Welt."
    Was ich damit sagen will ist: Nicht nur im Westen hing und hängt Qualität wesentlich vom Engagement des Einzelnen ab.

    @alle Ex-Waldorfschüler: Dass Sie beruflich und privat Erfolg und die Waldorfschulen bis heute überlebt haben, scheint mir vor allem ein deutlicher Beleg für eine einzige These zu sein: Die Ursprungstheorie dazu funktioniert am allerbesten dann, wenn man sie im Walldorfkindergarten vollkommen vernachlässigt. Und irgendwie trifft sich das mit einer meiner Lebenserfahrungen. Die besagt nämlich, dass der DDR-Sozialismus ebenfalls überall da am erfolgreichsten war, wo er kaum zu spüren war und jedenfalls nicht gepredigt wurde.
    Übrigens: Wäre ich ein Kind, würde ich mich sehr darüber ärgern (denn auf Unterlassung klagen dürfte ich ja leider noch nicht), wenn man mich als "Anachronismus" bezeichnen und in einem Extra-Reservat unter Schutz stellen wollte. Aber ich habe ja auch noch nie daran geglaubt, dass Kinder erst mit 14 Jahren vom Geist ereilt werden...

    • lef
    • 05.07.2006 um 12:58 Uhr

    Steiners Ideen waren mal neu, aber eigentlich sind sie längst adaptiert - gute Kindergärten im Westen (vom Osten weiß ich es nicht, war wohl früher anders) haben längst die Förderung von Kreativität in allen Bereichen als Hauptziel.
    Dazu gibt es inzwischen auch sehr vielfältige Angebote an Material zu kaufen.
    Und zwar für beide Seiten positiv - die ErzieherInnen haben längst gemerkt, dass Kinder, die genug Angebote kriegen, sehr viel weniger "Arbeit machen".

    Das gilt aber nur für die Waldorfkindergärten, der spätere Schulbereich ist anders zu sehen.

    Wie bei jeder Ideologie ist Steiners Weltsicht historisch entstanden zu betrachten - es MUSS erlaubt sein, dass die Glaubenssätze ständig überprüft werden und auch systematisch korrigiert werden und eindeutig entfernt werden.

    Das war zu meiner Schulzeit dort (70er Jahre) noch nicht erlaubt und ich bin froh, dass ich dort nur kurz war.
    Aber ich meine, dass auch heute noch diese Ideologie viel zu starren Religionscharakter hat.

    Einzelne Positive Beispiele von Schulabgängern sind KEIN Beweis für die positive Wirkung des Gesamtkonzeptes, auch wenn sehr wohl beweisbar ist, dass dort einzelne Schüler eine Chance bekommen, die öffentliche Schulen nicht bieten.

    • sbo78
    • 02.07.2006 um 18:20 Uhr

    Der Artikel gefällt mir sehr gut, da er ausgewogen über die Philosophie der Waldorfpädagogik im ersten Lebensjahrsiebt (so rechnen die "Anthros") berichtet.

    Betonen möchte ich aus eigener Erfahrung, dass sehr viel von den Menschen vor Ort abhängt, stärker als bei anderen "herkömmlichen" Kindergärten. Persönlich würde ich darauf achten, dass die Kindergartenmitarbeiter, aber auch der Vorstand des tragenden Vereins, nicht zu "versteinert" sind und in der Lage Steiners Ideen als das zu sehen, was sie sind: Eine philosophische Lebensanschauung vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Um eine zeitgemäße Anwendung zu erreichen, ist also durchaus eigenes Denken gefordert - nach der Lektüre von Karl Mays Romanen würde heute schließlich auch niemand mehr Winnetou in den heutigen USA vermuten...

    So, wie ich es erlebt habe, ist ein Waldorfkindergarten wirklich ein angenehmer Ort für eine Kindheit. Und das viele Singen und die schönen Geschichten, das gemeinsame Spielen und Basteln, Kochen und Aufräumen vermitteln wesentliche Dinge für das spätere Leben. Hier lernt man spielerisch die deutsche Sprache, man lernt soziale Umgangsformen, Achtung vor der Natur - lauter "Soft Skills", wie sie später gefragt sind!

    Differenzierter muss man dann die Waldorfschule betrachten, wo die Unterschiede zwischen Theorie und Praxis zum Teil eklatant sind und die Umsetzung von Lehrplänen sowie die Evaluierung der Ergebnisse nicht selten den eigenen Ansprüchen und notwendigen Standards hinterher hinkt.

    Im Fazit: Waldorfkindergarten kann ich sehr empfehlen, auch jenen, die nicht 100%ig hinter Steiner stehen - die Schule bedarf aber anschließend einer neuen Überlegung und sehr individueller Betrachtung der Situation vor Ort.

    Ein Ex-Waldi

  4. Dass die Lehre Steiners mit antisemitischen und rassistischen Gedankengut, von weißen Herrenmenschen und minderwertigen anderen Rassen, durchzogen ist und es in der Vergangenheit antisemitische und rassistische Vorfälle in Waldorfschulen und Kindergärten gab sollte doch bei dieser ganzen Schönfärberei nicht unter den Tisch gekehrt werden.

    [siehe Link, die Redaktion]

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Guten Tag
    Mich würden die Quellen interessieren, auf die Sie Ihre Vorwürfe stützen. Bitte legen Sie doch einfach die Werktitel mit entsprechender Seitenangabe vor.
    Danek und Gruß

    Guten Tag
    Mich würden die Quellen interessieren, auf die Sie Ihre Vorwürfe stützen. Bitte legen Sie doch einfach die Werktitel mit entsprechender Seitenangabe vor.
    Danek und Gruß

    • Bibo59
    • 30.06.2006 um 15:58 Uhr
    8. Bibo59

    Vieles an der Waldorf-Pädagogik erscheint sinnvoll. Naturnähe, Förderung der Kreativität, Handwerk, Garten und Kochen.
    Aber wenn man denn einen 12jährigen Waldorfschüler kennen lernt, der nicht einmal Grundrechenarten beherrscht, geschweige denn ein einfaches Kinderbuch entziffern kann, fragt man sich doch ob das alles so richtig ist.

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