LITERATURPREIS Sieger ohne Relevanz

Kathrin Passig hat den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Eine falsche Entscheidung, meint Jana Hensel*, die beweist, dass in Klagenfurt nur die kleine Welt des Literaturbetriebs abgebildet wird - nicht aber die literarische Vielfalt, die es unter jungen Autoren gibt

Jana Hensel: Eine Fingerübung, nichts weiter als eine Schreibkurs-Arbeit. Passig hat hinterher erzählt, wie sie sich vor einem Jahr vor dem Fernseher, als sie den Bachmann-Preis verfolgte, dachte: "Das kann ich auch" und spontan beschloss, selbst einen Text einzureichen. Der Text hat keine Relevanz, er ist eine intellektuelle Spielerei und kam nur deswegen an, weil er witzig ist. Wobei man nicht vergessen darf: Das Publikum hier in Klagenfurt besteht aus Klagenfurter Rentnern, Gymnasiasten und Groupies. Ich würde sie eher literaturfern nennen.

Kathrin Passig hat keine Autorenstimme. Die macht aber einen Schriftsteller aus. Die Juryvorsitzende Iris Radisch hat in Klagenfurt die schöne Kategorie vom "Spielgeld" aufgebracht - völlig zu Recht: Während es früher den Vorwurf gab, die Autoren erzählten nur von sich selbst, tun sie das heute, wie ich finde, zu wenig. Sie riskieren nichts, sondern erfinden stattdessen irgendwelche Geschichten, denken sich irgendeine Handlung aus. Und das in einem Wettbewerb, der den Namen von Ingeborg Bachmann trägt. Gerade sie hat sich doch mit ihrem ganzen Ich in den Text gestürzt.

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Die Diskussion wird immer wieder geführt, auch diesmal , vielleicht wegen des runden 30. Geburtstages der Literaturtage: Sinkt die Qualität der vorgetragenen Texte?

Vor dem Wettbewerb sah es so aus, als kämen dieses Mal - anders als in den vergangenen Jahren - wieder mehr Autoren, die nicht mehr ganz unbekannt sind, die schon einen gewissen Namen mitbringen wie Paul Brodowsky , Claudia Klischat oder Clemens Meyer . Das machte Hoffnung. Aber dennoch, ich bin enttäuscht.

Woran liegt das?

An der Jury . Die bestimmt schließlich, wer eingeladen wird. Ich habe das Gefühl, dass viele der Juroren zu wenig Nähe zu jungen Literaten haben. Sie sind nicht dort, wo Texte entstehen! Dort, wo man von Namen, Texte und Strömungen erfährt.

Vielleicht sind sie auch schlicht zu alt. Ich habe nachgerechnet: Die Jury bringt es im Schnitt auf knapp 50 Jahre. Das ist kein hohes Alter, aber vielleicht doch zu viel für einen Wettbewerb junger Autoren, in dem man sich nicht auf Bewerber verlassen kann, sondern selbst suchen muss.

Wer sollte denn in der Jury sitzen?

Die jungen Journalisten. Davon gibt es eine ganze Reihe guter: zum Beispiel Marius Meller vom Tagesspiegel , Gerit Bartels, der für die taz schreibt, oder Ina Hartwig.

Das andere Problem ist natürlich, dass es die "Tage der deutschsprachigen Literatur" sind, dass also immer auch österreichische und Schweizer Kritiker dabei sein müssen, die natürlich wiederum österreichische oder Schweizer Autoren vorschlagen. So unterliegt die Auswahl von vorneherein immer einem literaturfernen Kriterium.

Sie hatten auf Clemens Meyer gesetzt. Er las die Geschichte vom Knasturlaub eines Häftlings...

...und musste sich von manchen Kritikern unterstellen lassen, er habe das Milieu aus Kalkül gewählt. Was für eine Fehleinschätzung. Meyer ist ein Ausnahmetalent. Sein Text hat literarischen Odem, eine Aura. Und er kommt in der verlangten Kürze ins Erzählen. Das schaffen nur wenige, zum Beispiel auch der Text von Norbert Scheuer , der ausgezeichnet wurde. Dass Bodo Hell ebenfalls einen Preis erhielt, ist hingegen angesichts des Anachronismus' seines Textes völlig unangemessen. Auch hier wurde deutlich: Die deutschsprachigen Literaturtage in Klagenfurt bilden die kleine Welt des Literaturbetriebs ab - und stehen in keinem Verhältnis zu der literarischen Vielfalt, die es tatsächlich gibt.

* Jana Hensel, 29, hat den Essay-Band Zonenkinder verfasst und arbeitet als Journalistin. Mit ihrer Reise nach Klagenfurt wollte sie "wieder einmal einen Ausflug in den literarischen Betrieb" machen.

Das Gespräch führte Wenke Husmann

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Nein.

    Wenn man weiß, daß die Frau Passig Ihre Gemeinschaft im Internet hat... wundert man sich nicht mehr wirklich über die vielen beleidigten und beleidigenden Kommentare.

    Selbstverständlich kann die Frau Hensel sich solang äußern, wie sie nur möchte und worüber sie möchte - glücklicherweise sind hierzu keine laufenden Meter im Regal notwendig, wie sie von unseren schlurfigen, sich in geriartrischen Seilschaften alter Didaktiker gegenseitig Preise und Auszeichnungen zuschanzenden Gesundheitslatschenträgern fabriziert werden - um dann hilflosen Schulkindern aufgezwungen zu werden, die dann nie wieder freiwillig ein Buch in die Hand nehmen!
    Und selbstverständlich sind wir hier auch nicht beim Literatur-CSI. Der Beweis, der da gefordert wird, zu den Feststellungen der Frau Hensel ist frei verfügbar. Als PDF. Wenn man den Text der Frau Passig liest, dann ahnt man, was da kritisiert wurde. Ja. - Die Frau Hänsel spricht über die Oberfläche - und darüber, daß darunter nichts ist. Denn da ist nichts. Nada.
    Daß die Frau Passig nach der Preisverleihung den Buntstiftlutscher gab und feixend zugab, daß das Ganze ein entlarvender Scherz war, kann man verzeihen. Schließlich war der Bachmannpreis schon vorher der Lächerlichkeit preisgegeben. Allerdings sollte man dann nicht verwundert tun, wenn es Leute gibt, die einen Ulk-Event nicht mehr als ernsthaftes Literatentum werten.
    Ach ja! - ich hatte ganz vergessen, daß es ja keine Literaten mehr gibt, sondern nur noch Millionen bloggende Entertainer auf Privatsenderniveau.

  2. Wir haben hier ja eine ganz schlimme Gemengelage. Ich versuche, zu sortieren.

    Ich spreche ja nicht für Frau Hensel, die vielleicht viele meiner Ansichten nicht teilt. Ich spreche hier für eine verlorene Generation von Autoren.
    Es ist hohe Zeit, daß die Senioren ein wenig zur Seite rücken - und den später Geborenen, die ja nicht das "Glück" hatten, nach dem Krieg auf ein Vakuum zu treffen, einen Platz im Leben zu erlauben. Durch eine korrupte Klüngelwirtschaft und senile Sturheit wird das verhindert.

    Die Frau Passig, die sicher nicht der bislang am wenigsten würdige Bachmann-Preisträger ist, hat diese eine Jury bloßgestellt. Der Versuch, den Text der Frau Passig hochzureden... ist dummerweise automatisch auch ein Versuch, die Ehre dieser Jury zu retten.

    Daß hier die typischen Internetforen-Manieren auftreten: also, daß hier Leute lautstark vom Meinungsrecht einen Gebrauch machen, um einem andersdenkenden Menschen im selben Rutsch den Mund verbieten zu wollen... ist traurig. Daß da auch noch frech beleidigt wird, macht es nicht besser. Genau wie die Tatsache, daß, quasi vorauseilend Mängel des eigenen Posting in Vorwärtsverteidigung dreist als Vorwurf vorgebracht werden.
    Dies hier ist die Internet-Ausgabe einer respektablen Zeitung - und man glaubt sich im Forum von "Heise".

  3. Offensichtlich ist mein 1. Versuch irgendwie gescheitert.

    Wenn ich wüsste, wie es GEHT,, wäre ich selber Dichter. Aber ich muss nicht - frei nach Lessing - Koch sein, um festzustellen, dass die Suppe versalzen ist. Also muss ich auch nicht (im Umkehrschluss) Koch sein, um festzustellen, wann es mir schmeckt.

    Der Unterschied liegt vermutlich im Erzählen (literarischen Erzählen) einerseits und dem reissbrettartig-sterilen einer "Writing School" andererseits. Handwerk halt.

  4. Ich gehöre ja auch zu den dummen Menschen. Aber ich lerne gern dazu! Also bitte ich hiermit um Aufklärung, wie das geht, "komponieren" ohne zu "konstruieren".

  5. Sie haben natürlich recht - auch mit Frau Hensel in der Jury würde ich (mindestens anfangs) "auf Empfang" bleiben (so wie ich ja seinerzeit bei Denis Scheck auch wachgeblieben bin). Ertappt.

    Frau Passigs Erzählung war atmosphärisch dicht, sehr gut komponiert (aber nicht konstruiert); eine Art innerer Monolog eines (einer?) Wahnsinnigen / wahnsinnig werdenden. Das ist (fast) immer interessant. Aber sie versteht es auch sprachlich, diesem Sujet gerecht zu werden. Mein Favorit war eigentlich Thomas Melle ("Nachtschwimmen"), aber der Beitrag hatte aufgrund der schwungvoll-verspielten Metaphern bei der Jury keine Chance.

    Man sollte statt das Genöle von Frau Hensel lieber den Isenschmid in der Print-ZEIT lesen. Der hat mehr Ahnung.

  6. Das bedeutet für die Literatur: wir schaffen die Kunstfehler ab, indem wir den Patienten bei Einlieferung für tot erklären.
    Es gibt Begriffe wie Wahrhaftigkeit; Ehre. Was wir praktisch tun: Oben Produkt rein - unten Edukt raus. Oder war das umgekehrt? Wir leben in kleinen Schlumpfhäusern und haben kleine Schlumpfgedanken. Und natürlich... hätte ich mich nicht verkauft, dann hätte es ein Anderer getan.
    Sowas ist Barbarei. Und wenn wir wirklich so denken, dann ist es schon vorbei mit der Literatur. Baudelaire hat das vor über einem Jahrhundert angekündigt. Wir verkaufen alles!

    • pirtof
    • 26.06.2006 um 16:10 Uhr
    7. Genau

    \N

  7. ich weiß ja nicht, ob jana hensel, die es ziemlich genau auf ein buch, das auch nicht im eigentlichen sinne literarisch zu nennen ist,gebracht hat, zudem die eine oder andere auch nicht sehr gelungene übersetzung vorgelegt hat, sich da ein urteil erlauben kann und darf...der text von kathrin passig ist durchaus literarisch zu nennen, sie spielt mit (literatur-)theorien der postmoderne, sie hat sprachwitz und sieht -was ausgesprochen angenehm ist in der fülle der pathetischen selbstbespiegelungstexte dieser tage - vollkommen von klassischen motiven und erzählperspektiven ab! ich gratuliere einer talentierten autorin und journalistin, die dem literaturbetrieb einmal die zunge rausstreckt und die hoffentlich noch eine schöne zukunft mit vielen texten haben wird!

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