Krankenhäuser Schmerz ist selten Privatsache
Erste private Krankenhauskonzerne entstanden in Deutschland schon in den 70er Jahren, 1984 wurde mit dem Gemeindekrankenhaus von Hürth bei Köln erstmals ein kommunales Krankenhaus privatisiert. Die größte Gruppe unter den Krankenhausbetreibern machen aber immer noch die freigemeinnützigen Kliniken aus.
Gesundheit ist ein teures Gut, mit Herzkliniken etwa lässt sich viel Geld verdienen. Gleichzeitig schreiben viele Kommunen mit ihren Allgemeinkrankenhäusern rote Zahlen. Allerdings: Ob ein Haus rentabel arbeitet oder nicht, hängt nicht von den Besitzverhältnissen ab, das belegen Studien. Es ist vor allem eine Frage der Investitionen und der internen Organisation.
Die ersten Krankenhäuser im heutigen Sinn entstanden im 19. Jahrhundert. Bis dahin gab es einerseits geschlossene Häuser für Pest-, Lepra- oder Geisteskranke, die an das Gefängnis angegliedert waren, und andererseits Hospitäler als Teil der Alten- und Armenhäuser. Wer Geld hatte, ließ sich zu Hause pflegen. Erst der medizinische Fortschritt machte einen Klinikaufenthalt ratsam. Heute teilen sich öffentliche, private und freigemeinnützige, zum Beispiel kirchliche, Krankenhausträger den Markt. Für die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung tragen die Bundesländer die Verantwortung, obwohl sie selbst meist nur Psychiatrien und Universitätskliniken betreiben, insgesamt weit unter 100 Häuser; die meisten öffentlichen Krankenhäuser gehören den Kommunen.
Erste private Krankenhauskonzerne entstanden in den 1970er Jahren. Sie errichteten anfangs vor allem Spezialkliniken, etwa für Herzoperationen. Heute gebe es 15 private Krankenhausbetreiber, schätzt die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG). Die drei größten Ketten, Rhön, Helios und Asklepios, machen jeweils mehr als eine Milliarde Euro Umsatz. 1984 wurde erstmals ein kommunales Krankenhaus privatisiert: Die Sana Kliniken GmbH übernahm das Gemeindekrankenhaus von Hürth bei Köln. Die Kommune verkaufte es zum Nulltarif und versprach obendrein Zuschüsse von insgesamt 5,5 Millionen Mark; der Konzern garantierte im Gegenzug, das Haus mindestens 20 Jahre zu betreiben. Richtig ins Rollen kam der Verkauf kommunaler Krankenhäuser in den 90er Jahren, als die ostdeutschen Städte und Gemeinden nach der Wende die staatlichen Kliniken übertragen bekamen. Da sie keine Erfahrung mit dem Krankenhausbetrieb hatten, nahmen sie Angebote von privaten Ketten gern an. Seither wächst auch im Westen die Bereitschaft zu privatisieren.
Insgesamt sank die Zahl der öffentlichen Kliniken von 1100 im Jahr 1991 auf 780 im Jahr 2004. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der privaten Krankenhäuser von 358 auf 555; die größte Gruppe, die heute 831 freigemeinnützigen Kliniken, blieb relativ stabil. Allerdings haben die privaten Träger vor allem kleine und mittlere Häuser übernommen. Deshalb stellen die öffentlichen Träger immer noch über die Hälfte der Krankenhausbetten, die privaten hingegen nur 11,5 Prozent. Eine neue Qualität erreichte die Privatisierungswelle mit dem Verkauf der Uniklinik Gießen/Marburg Ende vergangenen Jahres, dem bisher größten Deal dieser Art. 112 Millionen Euro zahlte Rhön dem Land Hessen und verpflichtete sich zusätzlich zu Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe.
Die Konzerne erhalten Herstellerrabatte, weil sie gleich für mehrere Häuser einkaufen. Außerdem lagern sie Randbereiche wie die Wäscherei oder die Küche aus. Ein Konzept, dem jetzt auch viele kommunale Häuser folgen, indem sie sich zu Einkaufsgemeinschaften zusammenfinden und eigenständige Gesellschaften für die pflegefernen Arbeiten gründen. Zudem schließen viele von ihnen günstigere Haustarife mit der Gewerkschaft ver.di ab. Damit schwindet der Vorteil der Privaten, die nicht an den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes gebunden sind. Ein Vorteil aber bleibt: Private Kliniken können ohne weiteres Bankkredite für notwendige Investitionen aufnehmen.
Zwar ist es laut Gesetz Aufgabe der Bundesländer, den Trägern von Allgemeinkrankenhäusern Geld für Investitionen zur Verfügung zu stellen; die Kommunen sind nur für den Betrieb zuständig. Doch die Länder zahlten 2005 insgesamt nur 2,7 Milliarden Euro, 4,6 Prozent weniger als im Jahr zuvor und 37,6 Prozent weniger als 1995. Experten schätzen den Investionsstau bereits auf 20 bis 50 Milliarden Euro. Dabei können Kliniken im Wettbewerb nur bestehen, wenn ihre Häuser einladend wirken und effektives Arbeiten ermöglichen und wenn sie über die neuesten Geräte verfügen.
Lesen Sie mehr zur Privatisierungswelle in deutschen Städten und Gemeinden. Wie steht es um das Verhältnis von öffentlicher Hand und Privatwirtschaft bei der Wasserversorgung , beim ÖPNV , beim Strom , beim Wohnraum und der Müllentsorgung ?
- Datum 06.07.2006 - 05:28 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 22.06.2006
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