Wasser Wilde Mischwirtschaft

Der Marktanteil der rein privaten Anbieter an Wasserversorgung und Abwasserentsorgung beläuft sich auf einen Bruchteil. Ein Viertel der Wasserabnehmer wird von einer bunten Vielfalt von Kooperationsmodellen zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Anteilseignern versorgt.

Die Wasserversorgung und Ab­was­ser­ent­sor­gung gilt in Deutschland als Kernaufgabe der öffentlichen Daseinsvorsorge und gehört in die Zuständigkeit von Städten und Gemeinden. Rund 6500 Unternehmen beliefern die Einwohner der 13.364 Kommunen mit Trinkwasser. Während in manchen Flächenstaaten rein statistisch 200 Unternehmen auf 100.000 Einwohner kommen, haben in den Stadtstaaten und in anderen Bundesländern die Versorger oft mehrere Millionen Kunden. Um das Abwasser kümmern sich deutschlandweit 6700 Unternehmen.

Nach wie vor dominieren in beiden Bereichen die öffentlich-rechtlichen Betriebe mit rund 80 Prozent Marktanteil. Viele dieser kommunalen Firmen werden allerdings inzwischen in der privaten Rechtsform einer GmbH oder Aktiengesellschaft geführt. Der Marktanteil der rein privaten Anbieter an der Wasserversorgung beträgt lediglich 0,6 Prozent, bei der Abwasserentsorgung sogar nur 0,4 Prozent. Daneben gibt es eine bunte Vielfalt unterschiedlicher Kooperationsmodelle zwischen öf­fent­lich-rechtlichen und privaten Anteilseignern. Die Wasserabnehmer werden inzwischen zu 24,9 Prozent von solchen gemischtwirtschaftlichen Anbietern versorgt. So gehören beispielsweise die Berliner Wasserwerke zu je einem Viertel dem französischen Unternehmen Veolia Wasser und RWE, der Rest ist im Besitz der Stadt. Auch die Gelsenwasser AG, mit knapp fünf Millionen Kunden das größte private Unternehmen der Branche in Deutschland, ist ein Beispiel für solch gemischte Eignerstrukturen: Einst von privaten Investoren gegründet und seit 1887 an der Börse notiert, zogen später mit Essen und Unna Städte in den Kreis der Anteilseigner ein. Im Zuge der Neuordnung der Energieversorgungsbranche kauften die Stadtwerke Bochum und Dortmund 2003 e.on seinen Anteil von 80,5 Prozent ab. Heute befinden sich insgesamt mehr als 98 Prozent der Aktien in der Hand kommunaler Eigner.

Das Neben- und Miteinander kommunaler und privater Wasserversorger hat in Deutschland durchaus Tradition. Als erste Stadt auf dem europäischen Kontinent votierte Hamburg 1844 für den Aufbau einer kommunalen Wasserversorgung und Abwasserentsorgung. Zu diesem Zeitpunkt existierten in der Hansestadt bereits drei private "Wasserkünste". Sie versorgten Bürger, die sich diesen Luxus leisten konnten, über eigene Leitungsnetze mit Wasser aus Alster und Elbe. Gegen die Zusicherung, den Eigentümern künftig kostenlos Wasser zu liefern, übernahm die Stadt eine davon und begann auf deren Gebiet mit dem Bau eigener, moderner Wasser- und Abwasserleitungen. Einige Jahre lang lieferten die beiden anderen Gesellschaften der neuen kommunalen Konkurrenz noch einen heftigen Wettbewerb, dann hatte das kommunale Unternehmen gesiegt: 1852 ging das letzte private Wasserversorgungsunternehmen in der Stadtwasserkunst auf. Seither ist die Wasserversorgung in Hamburg in kommunaler Hand.

Die heutige Mischstruktur ist auch ein Ergebnis eines Umdenkens in den vergangenen Jahren. Ende der 90er machten sich viele Politiker noch für eine weitgehende Privatisierung auch des Wassermarktes stark. Dort, wo öffentliche und private Kooperationen sinnvoll erscheinen, werden sie denn auch erprobt. Eine Vollprivatisierung der Wasserversorgung wie in Frankreich und Großbritannien aber wird es wohl auf absehbare Zeit nicht geben. Denn den Beweis, dass sie grundsätzlich besser und billiger als kommunale Anbieter sind, haben die Privaten bislang noch nicht erbracht. Eher im Gegenteil. In Potsdam sah sich die Stadt beispielsweise gezwungen, die privatisierten Stadtwerke wieder zurückzukaufen – um eine Explosion der Wasserpreise zu verhindern.

Lesen Sie mehr zur Privatisierungswelle in deutschen Städten und Gemeinden. Wie steht es um das Verhältnis von Öffentlicher Hand und Privatwirtschaft beim Strom , beim ÖPNV , den Krankenhäusern , beim Wohnraum und der Müllentsorgung ?

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Serie -
    • Quelle ZEIT online
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service