STADTPLANUNG Die Zukunft der Gurken

Wolkenkratzer kommen - nach London und in andere große Städte. Sie scheinen eine unabänderliche Begleiterscheinung von Urbanisierung und Globalisierung. Doch wer bestimmt über die neuen Skylines der alten Metropolen?

Wehe dem, der den Zorn von Londons Bürgermeister Ken Livingstone erregt. Als "Taliban der britischen Architektur" titulierte er die englischen Denkmalpfleger. Die Vorbehalte des Vorsitzenden von English Heritage , Sir Neil Cossons, gegenüber neuen Hochhäusern in London richte mehr Schaden für die Zukunft als Weltstadt an als seinerzeit die deutsche Luftwaffe! Cossons Freveltat: Er hatte behauptet, das von dem Architekten Renzo Piano entworfene, 310 Meter hohe, spitzklüftige Hochhaus Shard , das sich in den nächsten Jahren auf der Südseite der Themse über dem Bahnhof von London Bridge erheben soll, treibe der britischen Hauptstadt "ein Messer durchs Herz".

Die Hochhausskeptiker geraten ins Hintertreffen. Wolkenkratzer sind im Kommen, in London und in anderen Städten. Immer schneller und immer höher wird gebaut, vor allem in den rasant wachsenden Metropolen Asiens wie Shanghai oder in den Scheichtümern Dubai und Abu Dhabi. Global gesehen zieht es die Menschheit immer schneller vom Land in die Stadt. Nach Zahlen, die auf dem jüngsten, von der UN veranstalteten World Urban Forum genannt wurden, wird schon Ende 2007 die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten leben. Bis 2050 werden es zwei Drittel sein.

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Wer sich wie London darauf festgelegt hat, dass die Stadt nicht auf Kosten bestehender Grün- und Freiflächen wachsen soll, dem bleibt nichts anderes übrig als die Vertikale. Und obwohl Livingstone dieses Ziel erst im 2004 im London Plan formulierte, der gewisse, generelle Leitlinien vorgeben soll und hohe Bauten vor allem an Verkehrsknotenpunkten empfiehlt, ist die Stadt längst mittendrin im Hochhausboom.

In den östlich gelegenen Docklands, die die konservative Regierungschefin Margaret Thatcher in den 1980er Jahren als eine Art Sonderwirtschaftsgebiet ohne behördliche Beschränkungen freigab, ist um Großbritanniens derzeit höchstes Gebäude Canary Wharf ein Mini-Manhattan entstanden. In Londons selbst verwalteten Finanzdistrikt, der City , dem ursprünglichen Kern der Stadt, treiben es Architekten und angeblicher Volksmund derzeit surreal: Norman Fosters populäre, grünliche, 180 Meter hohe "Gurke" ( the Gherkin , der 2004 eröffnete Sitz der Schweizer Rückversicherung Swiss Re), wird in den nächsten paar Jahren Gesellschaft bekommen: von der "Käsereibe" ( the Cheese Grater oder das Leadenhall Building, entworfen von Richard Rogers Partnership) , dem "Walkie-Talkie" (20 Fenchchurch Street, von Rafael Vinoly) und der "Spiralrutsche" ( the Helter-Skelter in Bischopsgate, von Kohn Pedersen Fox Associates). Sie könnten Fosters Gurke in den Schatten stellen. Der Bischopsgate-Tower beispielsweise soll sich 288 Meter hoch in den Himmel schrauben.

"Es ist längst keine Frage mehr des 'Ob?', sondern des 'Wie?'", sagt Rowan Moore, Leiter von Londons Architecture Foundation . "Es ist seltsam, dass neue Gebäude immer nur einzeln diskutiert werden, aber keiner die Frage stellt, wie dieses Neu-Design von Städten insgesamt gestaltet werden soll." Die fragmentarische Debatte gehe einher mit Baubeschränkungen, die unter anderem durch den gesetzlich geschützten, freien Blicke auf die St.-Paul's-Kathedrale entstehen, und labyrinthischen Entscheidungsprozessen. In London haben viele ein Mitsprache- oder Einspruchsrecht: der Bürgermeister (dessen Amt es überhaupt erst seit dem Jahr 2000 gibt), die bis heute starken Stadtbezirke, Aufsichtsgremien, und am Ende kann die britische Regierung Entscheidungen auch gegen alle Widerstände durchdrücken. "Paradoxerweise ist das Ergebnis von so viel Planung Chaos", sagt Moore. Gebaut würden oft die architektonisch mittelmäßigen oder anspruchslosen Gebäude.

Mit der Ausstellung Airspace und Simulationen, wie die Stadt ganz ohne, mit gruppierten oder wie wild gewachsenen Hochhäusern wie in Asien aussähe, versucht die Architecture Foundation derzeit, die Diskussion über Londons zukünftige Skyline in Gang zu bringen. Moore wäre eine Art "generelles Prinzip" am liebsten, wie die Zoning Laws von Manhattan, die seit 1916 besagen, dass 25 Prozent der Fläche jedes Blocks beliebig hoch bebaut werden können, er räumt aber ein, "dass europäische Städte natürlich komplexer sind".

Leser-Kommentare
  1. Dazu paßt aber auch die Altstadtdebatte in Frankfurt (Abriß technisches Rathaus und Wunsch einige Bürger nach historisierender Bebauung): Wenn einem mittlerweile manche eigentlich immer als öde empfundenen 60er-Jahre-Gebäude - z.B. an der Konstablerwache oder in der Nähe des Römer unabhängig von ihrem architoktonischen Wert vertrauerter vorkommen als Vieles, was seit einigen Jahren neu, glänzenden und unnahbar, aber austauschbar erscheinend rumsteht, dann kann man das als Geschmäcksverirrung ansehen, es hat aber mit der 'geschichtliche Patina', die ben auch sehr persönlich geprägt ist. Und in Frankfurt reagiert man sozusagen paradox, in dem man versucht gerade diesen Verlust durch eine neue Fachwerkbebauung stellvertretend auszugleichen - die dann gerade dadurch nur noch Kulisse ist für etwas, was man in der ganzen Stadt finden sollte.

    • DrKohl
    • 28.06.2006 um 12:06 Uhr
    2. \N

    Auch hier hat Richard Sennett ein spannendes Buch geschrieben, daß die soziologischen Folgen und Zusammenhänge zeigt, die Architektur in den letzten Jahrzehnten in den Städten verursacht (der deutsche Titel ist ein bisschen blöd und martialisch - "Tyrannei der Intimität, Verfall und Ende des öffentlichen Raumes", glaube ich). Schaut man sich an, was die Investoren mit Moskau machen oder auch in deutschen Städten, wo Dir passieren kann, überzogen gesagt, daß Du in Urlaub fährst, kommst wieder und sie haben Deine Umgebung eingerissen
    und neu bebaut oder stark verändert, ob Du da an was innerlich gehangen hast oder nicht, kann man die bescheuerte Idee von Ikeas "room-wear" weiterspinnen zu "house-wear". Zackig schnell gebaut und wieder eingerissen oder umgekehrt. Die Idee, daß die zeitlose Komponente von Architektur, die äußere Umgebung des Menschen also, wichtig für sein inneres Gleichgewicht sein kann, vollkommen egal. Was in Dir trauern kann, wenn sie einen Baum oder einen Schulweg Deiner Kindheit platt machen und hinterher glitzerts und blendets da so, verstehen die zackigen, auf der Höhe der Zeit lebenden Macher nicht.
    Da Städte wichtiger und bevölkerungsreicher werden, frag ich mich, ob diese, zusätzlich Spannungen erzeugende, Architektur
    nochmal negative soziologische Auswirkung hat.
    Da kommt gleich die Frage nach dem Alternativplan. Und da sage ich, Pragmatismus kann auch heißen, in schwierigen, unübersichtlichen Zeiten, die krachendsten Fehlentscheidungen nach dem Motto "Neu und groß ist wunderbar" zu unterlassen. Irgendwann sagte jemand, es wäre sehr verheered, daß es keine Orden, keine Auszeichnungen gäbe für Dinge, die man nicht getan hat, einfach weggelassen. Leider bekommen bei uns nur die aktivistischsten Aktivisten Loorbeeren. Oft genug bemerkt man,
    nicht all zu lang später, die Schattenseiten hemdsärmeliger
    (Groß-)Projekte.
    Ich bin nicht grundsätzlich gegen Wolkenkratzer, finde den Media-Turm in Köln (heißt der so?) spannend und angenehm in seiner Schlichtheit und bin auch gern durch Frankfurt marschiert
    mit dem Blick auf die Skyline, wünsche mir aber mehr Zartheit, mehr Schlichtheit in der Architektur, mehr Überblick in der Planung, denn umgekehrt ist Architektur eine
    große Kunst, die Menschen sehr glücklich machen kann, trifft
    sie den richtigen Ton, zeigt sie spannende, sich sanft verändernde
    sichtbare und unsichtbare Perspektiven auf. Die vom Neoliberalismus geprägte, neupompöse Architektur verachte ich in der Regel.

    MfG

    • KRL
    • 28.06.2006 um 10:37 Uhr
    3. \N

    Danke ZoeckelA für dieses belebende Kommentar.

    Sicher, eine beeindruckende Skyline hat einen gewissen Prestigewert für eine Stadt, für viele Nicht-Großstädter ist Skyline = Weltstadt.
    Der tatsächliche Wert für eine Stadt ist allerdings sehr gering. Büroflächen in 100 meter Höhe sind etwa so sehr Teil des Stadtlebens wie Büroflächen 20km vor der Stadt, nur dass man schneller hin kommt.

    Man muss nur einmal die größeren deutschen Städte bereisen; das Leben findet nicht etwa dort statt, wo es am edelsten, am schicksten und Prestigeträchtigsten ist sondern da, wo Raum für Veränderungen ist und nicht selten da, wo Urbanität erschwinglich ist.

    Ein schönes Beispiel ist Berlin. Abermillionen wurden dort in Potsdamer Platz & Co gepumpt - Objekte, die für Bewohner der Stadt gänzlich uninteressant sind und auch für Touristen ist es selten mehr als "mal da gewesen". Interessant für Berliner und Auswärtige gleichermaßen sind die Gegend um den Boxhagener Platz, die Kneipenkieze im Prenzlauer Berg und in Kreuzberg, und was die neue Mitte angeht sind die Hot Spots auch selten da, wo viel investiert wurde.
    Ein Wolkenkratzerviertel würde, wenn es nicht künstlich verbilligt und kulturell geöffnet würde, nur von denen besucht werden, die dort arbeiten (müssen). Und das ist es nicht, was Stadtleben ausmacht.

    Eine Stadt wird von den Menschen gemacht, die dort Leben und nicht von denen, die sich gern dort profiliert sehen möchten. Wenn eine tolle, teure Skyline einer Stadt auch nichts nimmt, geben wird sie ihr nicht viel, wenn nicht angefangen wird in gesellschaftlichen und kulturellen Dimensionen zu denken statt sich auf die ästhetische zu beschränken.

  2. 4. \N

    Ist in Hamburg nicht ein Wolkenkratzer-verbot ?
    Und wie begründet man so ein Verbot ?

  3. Leute wie Ken Livingstone interpretieren die Stadt grundsätzlich falsch. Es handelt sich dabei nämlich keineswegs um Imageprojekte einzelner Herren. Auch nicht um Spielwiesen ehrgeiziger Architekten. Städte sind keine Projektionsflächen für Marketing-Ideen und erst recht nicht strategisches Instrument für den globalen Wettbewerb. Städte sind Lebens-Räume. Und zwar für immer mehr immer unterschiedlichere Menschen.

    An kaum etwas sind demokratische Prinzipien bisher so weit vorbei gegangen, wie an unseren Städten. Im Grunde kann heute jeder, der Lust darauf hat, die Ärmel weit genug aufkrempelt und die Ellenbogen ordentlich anspitzt, Stadt okkupieren. Stück für Stück – teile und herrsche. Denn die Bewohner großer Städte haben kaum funktionierende Mechanismen der Partizipation oder auch nur der Selbstverteidigung entwickelt. Lediglich da, wo funktionierende Nachbarschaften sich um einzelne Teilflächen mit ganz konkreten Nutzungen bemühen, gibt es hin und wieder so etwas wie die Bürgerstadt. Die Ursache dafür? Die Vorstellungen davon, was eine Stadt lebenswert macht, sind so verschieden, wie ihre Bewohner.

    In Abhängigkeit von ihren Lebens-Umständen, ihrem Weltbild oder der aktuellen Problemlage wünschen sich die Menschen von ihrem Lebens-Raum Stadt ganz unterschiedliche Dinge: Straßen, die auf kürzestem Weg Punkt A mit Punkt B verbinden, Gebäude, in die bei minimalem Bodenpreis ein Maximum an Nutzfläche passt, Parkplätze und Tiefgaragen für den selten bewegten Zweit- und Drittwagen, großzügig angelegte Parks, Einkaufsparadiese mit Tausenden Quadratmetern Handelsfläche und 24-Stunden-Animationsprogramm, den Tante-Emma-Laden an der Ecke für das vergessene Stück Butter nach Ladenschluss und den kostenlosen Nachbarschafts-Klatsch mit Neuigkeistgarantie, den steuerzahlenden Großbetrieb mit Hunderten von Industriearbeitsplätzen und Umwelt-Zertifikat, Theater und Kinos, Schulen und Schnäppchenmärkte, Kindergärten und Nachtclubs, Leuchtreklame und dunklen Ecken. Am liebsten soll die Stadt auf Knopfdruck veränderlich sein: morgens die französische Brasserie an der Ecke, mittags das Büro in Blickweite der Wohnung und abends die Piazza mit Live-Musik und Meeresbriese. Nicht zu vergessen den urigen Kietz, die Untergrundszene oder die Schickimicki-Promenade. Und bei all dem soll die Stadt gleichzeitig übersichtlich und komplex, einzigartig und modern, weltgewandt, spannend und heimelig, beeindruckend, sicher und aufregend sein. Man will alles. Jederzeit. So ist es nun einmal üblich heutzutage. Modern ist noch immer das Maximum. Keine gute Ausgangslage für eine gemeinschaftliche Idee von Raum oder Ort. Und wo die gemeinschaftliche Idee fehlt, gedeiht gemeinschaftliches Engagement eher spärlich. Von funktionierenden Steuer-Mechanismen ganz zu schweigen. Die Mehrheit der in der Stadt Lebenden ist eine schweigende, tatenlose Mehrheit – so lange man nicht versucht, ihren Vorgarten zu betonieren (bzw. zu entsiegeln) oder in der Nachbarschaft eine Kneipe zu eröffnen. Ken Livingstone (irreführender Name!) und seine Hochhaus-Architekten haben es da leichter, scheint mir. Sie scheren sich jeweils nur um einzelne Komponenten der Stadt: ihr Ego und ihr Konto.

    Gerade jene Architekten, welche die Vorzüge der demokratischen Systeme Europas angeblich so sehr zu schätzen wissen, würden ihre eigenen Projekte am liebsten diktatorisch durchgesetzt sehen. In China, so ihre Rede, macht man schließlich auch kein langes Federlesen. Das alte Europa gerät aus lauter Rücksicht auf seine Historie mehr und mehr ins Hintertreffen, behaupten sie steif und fest – und irren dabei gewaltig. Gerade die Teile Londons, in denen die Wolkenkratzer der Banken in den letzten 25 Jahren besonders dicht gedrängt in den Himmel gewachsen sind, haben den Charakter eine lebendigen Stadt nämlich längst verloren. Man besuche sie nur an einem Ostersonntag um die Mittagszeit. Toter geht es am gleichen Tag und zur gleichen Stunde auf keinem Friedhof zu. Kreativität? Fehlanzeige!

    Nein, es geht nicht um eine Skyline. Man kann das Bild einer Stadt nicht gestalten, ohne von ihrer Funktion auszugehen. Die Konkurrenz wird nicht auf dem Feld einer irgendwie gearteten Optik ausgetragen, sondern auf dem Feld der Funktionalität. Wenn Stararchitekt Foster behauptet, dass eine Urbanisierung um den Faktor zehn bevorsteht, mag er Recht haben. Dass es allerdings die einhundertfünfzigfach übereinander gestapelte Bürofläche ist, die diesen Faktor ausmacht, ist ganz gewiss ein Irrtum. Wenn schon Konkurrenz, dann wohl höchstens in der Frage, welche Alpha-Stadt in der Summe aller Einzelposten das wenigste Geld vernichtet. Und die Alternative zur "Mega-City"-Zukunft ist eindeutig: die funktionierende Stadt. Eine Stadt ohne Menschen ist das Gegenteil.

  4. Interessante Hochhausdebatten. Ich sah vor kurzem den amerikanischen Film "The end of Suburbia: Oil Depletion and the Collapse of the American Dream". Dort machten sich ein paar Architekten Gedanken darüber, was wir mit den Stockwerken ab der ~7. Etage machen, wenn uns die Energie fehlt, Wasser bis hoch hinauf ins 100. Geschoss zu pumpen oder Aufzüge nicht mehr zuverlässig funktionieren. Mal ganz abgesehen von Zentralheizung und Stromversorgung. Die meisten Menschen sehen einfach nur die glitzernde Hülle eines Wolkenkratzers und ignorieren gänzlich, was für eine geballte Technik und massive Energie notwendig ist um solche Ungetüme zu betreiben. Ein Wolkenkratzer ist eben keine Holzfällerhütte sondern das Ergebnis von 150 Jahren Industrialisierung und Technikwahn.

    Ob Londoner Stadtsilhouette im Jahr 2020 wirklich in dem Maß von Wolkenkratzern beherrscht wird wie vorausgesagt, bezweifle ich doch stark, wenn man bedenkt, dass wir u.U. heute schon das Ölfördermaximum erreicht haben. In Israel machen die Bürger zur Zeit die Erfahrung was es heißt, wenn nicht mehr ausreichend Strom zur Verfügung gestellt wird. Der Staat hat angeordnet, tagsüber, wenn alle Klimaanlagen laufen, keine Aufzüge zu benutzen.

    Unter Vernachlässigung der kommenden Energiekrise diskutieren also unsere Herren Stadtplaner und Architekten über die Weltstadt der Zukunft, immer höher hinauf und glitzernd, glitzernd, glitzernd. Diese Hochhausdebatten sagen viel aus über unsere Gesellschaft - wirklich interessant.

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