Achtelfinale: Brasilien-Ghana! Spanien gegen Frankreich! Die spielen heute um den Einzug ins Viertelfinale, es ist das 700. Spiel in der WM-Geschichte, der erste Tag der BT, der nun immer währenden Bruno-Ist-Tot-Ära. Der 18.Tag der WM ist also nicht unambitioniert. Wir haben trotzdem alle erstmal verschlafen. Das liegt daran: Seit der WM gehen alle Mayer-Uhren anders. Der Redaktionsschuss: Das WM-Tagebuch der ZEIT-Redaktion

Seit WM ist, steht die ganze Familie eine Stunde später auf. Man kann ja einen 14-Jährigen, der bis um halb elf vor dem Fernseher hängt, nicht am nächsten Tag um 6.30 Uhr aus dem Bett zerren. Schon gar nicht kann man einen 14-Jährigen, dessen erste Liebe vielleicht Tina hieß, aber nur einen Bruchteil so lange hielt wie seine Urliebe zum Fußball, vor einem Spiel ins Bett stecken. Wie kann man einen hoch strapazierten Fan pünktlich um acht zur ersten Stunde in die Schule kriegen? Dazu weiß der Netzer natürlich gar nichts. Dürfen Eltern eines Fußball-Fans eine Entschuldigung schreiben im Sinne von "war heute Morgen in der ersten Stunde leider unpässlich...", Vater Beckmann, wo bleibt Ihr kluger Kommentar? Sind Durchhalteparolen angebracht im Sinne von: "Schnaps ist Schnaps und Job ist Job?" Bei Kindern? Nun, all diese Überlegungen führten zu der Einsicht, dass man auch um 7.30 Uhr aufstehen kann, in 10 Minuten anziehen, ein Fünf-Minuten-Blick auf die Spielberichte vom Vortag und auf geht's. Ja, das geht!

Heute nicht. Heute klingelte der Wecker und ich drehte mich um, zu meinem WM-Nachschlummer-Stündchen. Ich war so müde, dass mir erst sehr viel später dämmerte, dass wir den Wecker ja längst vorgestellt hatten. Als ich das merkte, war es 7.47 Uhr.

Die Kinder waren fünf Minuten später aus dem Haus. Knapp, aber wo wird es bei der WM mal nicht knapp? Die WM wird Spuren in unserem Leben hinterlassen, enorme Frühstücksbeschleunigungsspuren.

Der Fernseher ist natürlich auch neu. Flachbildschirm. Riesig. Der Wahnsinn.

Daran haben die Kinder lange gearbeitet. Die Kinder hatten eine weitgehend fernsehfreie Kindheit. Ihre Fernseherlebnisse waren auf ein DIN-A-4-Bildformat eingeschränkt. Das Gerät von der Größe eines halbierten Bordcase war in einer Kammer unter dem Dach untergebracht, damit die Wege zum Einschaltknopf möglichst lang sind. Die Kammer hat eine abschließbare Tür, damit man auch mal zu Spar kann, ohne dass man zurückkommt und die Kinder verfolgen eine Talkshow, in der Hinrichtungsmethoden für Kinderschänder diskutiert werden. Man will sich ja nicht in der eigenen Zeitung vorwerfen lassen, man parke die Kinder vor dem Fernseher. Die Kinder hatten jedenfalls eine fernsehmäßig vorbildlich abgeschirmte Kindheit, aber die, sagten die Kinder, ist jetzt vorbei. Jeder könne sehen, dass sie jetzt größer sind als ich. Die Kinder legten mir allmorgendlich die Prospekte mit den Fernsehsonderangeboten neben den Kaffee. So ist es passiert.
Ein Supersonderangebot.
Es war ein Angebot, das auch meine Einstellung zu Media-Supermärkten und zu Männern in Media-Supermärkten vollkommen geändert hat.

Nach dem Frühstück zur Besichtigung des Supersonderangebots: Das Gerät sah so supergroß aus, dass es mir unmöglich schien, es könnte in unser Kämmerchen passen. Ich deutete dem Verkäufer an, dass die Kinder das Kämmerchen nach Schulschluss vermessen müssten. Der Verkäufer deutete an, dass das Gerät das letzte seiner Art sei. Es war einen Tag vor Beginn der WM, und die Lage hatte sich in jeder Hinsicht zugespitzt, zu Hause wie auch in Media-Supermärkten.
Als ich abends in das Geschäft zurückhetzte - die Kinder hatten ihr Ok gesmst - da stand das letzte Gerät seiner Art, war es ein Wunder?, noch da. Der Bildschirm erschien sogar noch riesiger, als ich ihn in Erinnerung hatte. Auch das Preisschild sah anders aus. Der Preis war, im Laufe dieses langen erwartungsvollen Tages vor der WM, mit dem allgemeinen Erregungspegel um 200 Euro angestiegen.

Schrecklassnach.

Der Verkäufer beobachtete, wie ich bleich in Richtung Gerät gestikulierte, der Verkäufer hörte zu, wie ich stammelnd etwas von Aberheutemorgennoch stottertet. Der Verkäufer sagte sanft: "Aber für Sie kostet das Gerät natürlich noch so viel wie heute morgen."

Herzstolperglück.

Als ich später an unserer Haustür klingelte und das Kind öffnete und den kinnhohen Pappkarton sah, war es einmal sprachlos.

Der Kauf des Bildschirms war natürlich unnötig. Braucht man noch private Fernseher? Seit der WM wimmelt es von Bildschirmen, in jeder Kneipe, auf jedem Platz sind Bildschirme montiert. Selbst im steifen Hamburger Westen hat sich der Dönerstand aus seinem Versteck unter der S-Bahn-Brücke herausgetraut und zu einem ausgedehnten Straßencafé mit angeschlossenem Bildschirm entwickelt. Seit Jahren hat es unsere dezente Nachbarschaft nicht geschafft, auch nur einen zweiten Planungstermin für das ersehnte Straßenfest zu verabreden. Wenige Tage vor der WM stand ein knallgrüner Campingtisch auf dem Grünstreifen vor den Häusern. Eine eBay-Trophäe! Darauf liegt jetzt eine knallgrüne Decke mit weißen Markierungslinien. Darum haben sich bei den schönsten Spielen die Nachbarn versammelt, die einen mit Grill, die anderen mit Salaten, alle mit guter Laune, als neulich Oliver Neuville das Tor gegen Polen schoss, jubelte der Picknicktisch im Chor mit denen, die auf ihren eigenen Terrassen bleiben mussten. So wächst Nachbarschaft zusammen. Heute ist es für Camping-Glück zu kühl. Aber die Türen stehen offen, man hört die Vögel zwitschern, ist ja fast kein Verkehr, wenn die Spiele laufen. Ab und zu an- und abschwellender Bocksgesang. Ronaldo? Bei uns ist es still. Bei der WM haben Eltern ja erstaunlich viel neue Freizeit gewonnen. Die Kinder sind jetzt oft bei ihren Freunden. Die seien doch schon so oft bei uns gewesen! Nach dem Zustand des Fernsehkämmerchens, der Anzahl der Chipstüten, der Colaflaschen, Gummibär-Tüten in dem überquellendem Papierkorb und den Dipp-Flecken auf dem Sofa zu beurteilen ist dem unbedingt zuzustimmen.

Brasilien 3:0!!! Mobiles Geklingel: "Komme home. Mit Freunden."

Das Spiel dann - ein wenig enttäuschend. Konzentriertes Rasenschach, wie Reinhold Beckmann mit seiner sanft-belegten Stimme spottet. "Wo sind die Wege nach vorne?" Ja, so fragt man sich gelegentlich, so gesehen ist Fußball wie das Leben. Wenn die Abwehr nicht irgendwo wackelt, wird's langweilig. Die Dramatik entfaltet sich dann nur in den rückblickenden Zeitlupensequenzen, wenn die Männer herangaloppieren wie hochgezüchtete Rennpferde und gemeinschaftlich weich zu Boden sinken wie die Helden in einem Schmachtfilm über die Schlacht gegen die Hunnen.

Morgen ist spielfreier Tag. Das Kind ist fertig. Atemnot, sowas wirkt immer. Ich werde in der Schule anrufen und es abmelden. Heldenruhetag.

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