Rundfunk Ich schalte dich ab

Am 1.Juli vor zwanzig Jahren ging der erste deutsche Privatsender in Betrieb: Radio Schleswig-Holstein. Hörer hatten sich davon einiges versprochen, aber was kam heraus? Dudelfunk! Zum Wiegenfest deshalb keine Gratulation, sondern ein Beschwerdebrief

Liebes Radio Schleswig-Holstein, kurz R.SH,

nun bist du zwanzig Jahre alt, denn am 1. Juli 1986 gingst du als Deutschlands erster landesweiter Privatfunk auf Sendung. Eigentlich wollte ich dir herzliche Unglückwünsche eines enttäuschten Ex-Radiohörers übermitteln. Aber nachdem ich dich nun drei Tage gehört habe, fehlt mir dazu jegliche Kraft.

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Viele Hörer hatten das Wort Privatradio damals mit Hoffnungen verknüpft: So war deine ursprüngliche Aufgabe mit Abgrenzung von allzu selbstgefälligen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten beschrieben. Auch als Korrektiv zum halbstaatlichen Informationsmonopol im Äther hättest du wirken können.

Dies alles wäre sicherlich ein Verdienst gewesen und somit ein Grund zum Feiern. Aber statt Champagner würde ich nichteinmal ein TetraPak rumänischen Kellertanz-Fusels für dich öffnen.

Da hilft es auch nicht, dass du seit Tagen wie ein kleines Kind auf deinen Geburtstag hinweist. Da hilft keine Comedy, da hilft auch keine gute Laune.

Ich kann auch keinen Anstoß an dem nehmen, was du uns sagst. Denn es ist nichts, was du uns mitzuteilen hast. Das übernehmen deine Werbepartner.

Seien wir mal ehrlich: Was hat uns die Einführung des Privatfunks gebracht? Heutzutage empfängt jedes Radiogerät fast nur noch Frequenzen, die uns Einfalt als Vielfalt verkaufen wollen und unsere Ohren mit verbalen Blutgrätschen wie »Hit-Hits« attackieren. Die einen spielen mehr Rock, die anderen mehr Pop, und am Ende gleichen sie sich wie Bananen aus dem Genlabor.

Es gibt kein Entkommen, die Dödelwellen schwappen aus allen Rohren. Arbeitsplätze und Boutiquen kommen kaum noch ohne Klangtapeten aus. Und statt sich auf seine Stärken zu besinnen, beteiligt sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk nur allzu oft am Dudelfunk-Konzert. Danke, RSH — du hast wirklich etwas bewegt!

Leser-Kommentare
  1. 1. \N

    Mhh in Berlin gabs eigentlich immer irgendeinen Sender, der aus dem Einerlei herausstach. Zuerst hab ich viel Fritz gehört, dann Kiss FM, später Motor FM. Worauf ich noch warte ist ein Sender, der nicht damit wirbt wie multikulti er doch ist, sondern der knallhart nur deutsche Popmusik spielt. Es gäbe genug Material, um auch bei Deutschquote 100% noch ein anspruchsvolles Programm zu liefern, aber wer will das schon. Ich hab es jedenfalls satt den neusten Scheiss von Robbie Williams zu hören. Anglo-amerikanische Musik interessiert mich nicht. Die wenigen Perlen muss man unter zu vielen Säuen heraussuchen.

    • MikeyB
    • 04.07.2006 um 16:27 Uhr

    Wäre ja keine schlechte Idee. Nur, wer oder was sollte da gesendet werden? Die hiesige Popmusik, von einigen Ausnahmen abgesehen, taugt leider nicht viel.

  2. Der Beginn von RSH war große Klasse! Auf dem Programm stand eine Liveversion von Bruce Springsteens "The River". Über 10 Minuten. Ausgespielt. Oder Lynard Skynard's "Freebird", klassischer 70er-Jahre Der-Gittarist-kringt-Überstunden-bezahlt-Reisser. Gross. Ar. Tig. Den Verfall mitzuhören war schmerzhaft. FFN dito. Heutzutage Radio hören? Danke, aber nein.

    • Bibo59
    • 02.07.2006 um 10:33 Uhr

    Am unerträglichsten finde ich diese "ach was sind wir heute wieder lustig"-Morningshows, bei denen mehrere Moderatoren sinnlos durcheinander quatschen. Gäbe es einen Sender der sich traut das Abendprogramm nach morgens zu verlegen hätte er bestimmt hohe Einschaltquoten.

    • Inmare
    • 01.07.2006 um 22:49 Uhr

    Eine hübsche Tradition gibt es beim RSH: Um Mitternacht wird die (schleswig-holsteinische) Nationalhymne gespielt. Leider einer der wenigen Augenblicke des Tages, wo das Image des Dudelfunks nicht erfüllt wird.

  3. Um zu verhindern, dass private Radiosender auf Banausen-Niveau absinken, dazu bedarf es ein Wunder.
    Ich bin Jahrgang 1933. Bis 1956 lebte ich in Deutschland. Das Radio-Hören war damals eine Freude. Die morgendlichen Musikprogramme waren abwechsungsreich und trugen viel dazu bei, den Tag mit guter Laune zu beginnen. Das galt praktisch für alle deutschen Sender, ob aus dem Osten oder Westen - wenn auch der RIAS bei uns jungen Leuten besonders gut ankam. Dann ging ich 1957 in die USA, wo es damals nur Privatsender gab. Die Programme der amerikanischen AM Sender waren schon damals auf einem sehr niedrigen Niveau. Im Laufe der Jahrzehnte sackte das Niveau dann immer weiter ab. Wer auf amerikanischen privaten Radiosendern -AM und FM - Musik hören will, hat schon seit Jahrzehnte nur die Auswahl zwischen jaulen, plärren und schnulzen. Und die Radio Talkshows hören sich an wie Biertischgeschwätz von "law and order" -Typen und Rechtsextremisten.
    Gott sei Lob und Dank, gibt es hierzulande auch die FM "Public Radio" Sender. Die bringen eine Menge klassischer Musik, aber leider so gut wie keine Unterhaltungsmusik auf hohem Niveau. Gibts nur eine Lösung: Ausweichen auf internationale Sender übers Internet.

    A. Helmut Fickenwirth
    Durham NH USA

  4. 7. aisha

    Nachdem ich vor etwa drei Jahren an einem einzigen Tag - unfreiwillig - auf dem gleichen Sender (Einslive) rund 20 mal 'Aisha' gehört hatte, konnte ich mich mit letzter Kraft zu WDR2 retten, um dort während des nächsten Tages noch rund genauso oft gequält zu werden.
    Seither höre ich nur noch sehr selten Radio, ich bekomme jetzt Kopfschmerzen davon.
    Wenn die das wirklich von RSH gelernt haben, dann sollte über Notschlachtung nachgedacht werden. Zur Kostenersparniss könnten die Sender auch zu einem einzigen zusammengelegt werden.

    Es gibt - das wäre meine Botschaft an die Modertoren - neben dem Rumba europäischer Art (dakadu-dadakadu, 1,2,3 - 4,5,6 - 1,2,3 - 4,5,6 ...) der den meisten Pop und Rockstücken zugrundeliegt, noch weitere Musikstile:
    Samba, Tango, Rock'n Roll, Blues, afrikanische Musik, den französischen Chanson, Bigband der goldenen 20er, auch arabische Musik klingt oft sehr gut - um nur ein paar zu nennen.

  5. Solche Radios kann man ja nur abschalten. Diese Kreisch-Werbung am frühren Morgen und das "Haha-Wir-sind-sexy-und-lustig"-Getue geht einem gründlich auf die Nerven.

    Deswegen mein Rezept: Man höre Radios, die keine Werbung, nur sehr wenig Musik, und wenn dann hochwertige und die mehr Information als Kaufbefehle und "Beteilige-Dich-An-Dieser-und-Jener-Aktion" austrahlen. Siehe Deutschlandfunk oder Deutschlandradio Kultur. (Wobei das keine Werbung sein soll, sondern ein Hinweis auf Alternativen, die aber meines Erachtens mehr oder weniger bakannt sind).

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