Der König ist tot, es lebe der König! Nach sieben Jahren Alleinherrschaft über die französischen Landstraßen startet die Tour de France 2006 ohne Lance Armstrong. Dabei glich der Kreuzzug des Texaners eher einem ewigen Einzelzeitfahren gegen sich selbst - nur im Hintergrund sahen wir verschwommen seine Konkurrenten. Doch wer war dieser Mann, der den Krebs, die Gegner und Doping-Anschuldigungen besiegte? Und was ist die "Grande Boucle" ohne ihn?

Er ist der fleischgewordene American Dream . Bevor Helden in den USA aufgehen wie der texanische Stern, müssen sie geläutert werden. Lance Armstrongs Läuterung hieß Krebs. Genauer gesagt Krebs in den Hoden, im Bauch und im Kopf. Der damals 25-Jährige hatte früh gelernt, zu kämpfen. In seiner Jugend musste er prügelnde Liebhaber der Mutter ertragen, immer mit der Angst im Rücken, finanziell in den " white trash " zu rutschen. Die harten Jahre vor seiner Erkrankung schnitzten aus ihm einen überheblichen Collegeboy, der gelernt hatte, seine Aggressionen schnell und effektiv in wertvolle Energie umzuwandeln.

Für den Jungen aus der texanischen Kleinstadt Plano wurde das Rennrad zum Ventil. Im Profi-Zirkus mutete es schon etwas seltsam an, wenn der bullige Boy auf sein filigranes Rad eindrosch und so ganz anders behandelte als die Italiener, die elegant ihr klassisches Instrument spielten. Lance Armstrong vergewaltigte sein Rennrad, prügelte es zum Weltmeistertitel 1993 und zu einem Etappensieg bei der Tour de France im gleichen Jahr.

Sein unbändiger Hass auf dem Fahrrad endete jäh. Aus dem Brocken mit breiten Schultern und Stierbeinen wurde ein Jahr später ein schmächtiger Invalide: Der Krebs überrannte ihn. Innerhalb von drei Monaten wog der 25-Jährige unter 70 Kilo. Selbst der Toilettengang wurde zu einer sportlichen Herausforderung, die Alpe d'Huez zu einem Hügel schrumpfen ließen. Es wurde die schwerste Etappe in Armstrongs Leben: Chemotherapie, Operationen und gestrichene Verträge. Nach Monaten der Hölle war er geheilt, die Metastasen verbrannten im Chemofeuer so wie seine Muskeln und Organe - undenkbar, dass Armstrong je wieder zurück in den erlauchten Kreis der Profiradsportler zurückkehren würde.

Die Tour de France

Vor seiner Krankheit sah alles anders aus. Da fragte Lance Armstrong einmal einen anderen Profi, warum er so schlecht bei den langen Etappenrennen abschneide. Die Antwort, "Lance, du bist zu fett", schmeckte dem Texaner wenig. Er rastete aus und wechselte nie wieder ein Wort mit dem Kollegen. Doch dieser alte Radprofi hatte Recht, denn sobald sich die Alpen oder die Pyrenäen aufbauten, fiel Armstrong im Gesamtklassement wie ein Sack Mehl ins Bodenlose. Sein massiger Körper hinderte ihn, den Großmeistern Marco Pantani oder Richard Virenque zu folgen.