Warten auf Bernanke. Ein wenig erinnerten die Finanzmärkte am Tag vor der Zinsentscheidung der Fed an das sprichwörtliche Kaninchen - Auge in Auge mit der Schlange: Sie bewegten sich kaum. An der Frankfurter Börse blieb es ruhig, beim Euro waren kaum Kursänderungen zu verzeichnen, Agenturjournalisten sahen dem New Yorker Aktienmarkt beim „Wassertreten“ zu.
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„Was sagt Bernanke?“, ist die Frage, die Analysten, Volkswirte und Investoren an solchen Tagen am meisten umtreibt, unmittelbar bevor die US-Zentralbank Federal Reserve über ihre weitere Zinspolitik entscheidet. Was die Fed tut , ist hingegen weniger wichtig. Das gilt schon lange als ausgemacht. Spätestens als Fed-Chef Ben Bernanke und andere Zentralbanker warnten, die hohen Energiepreise könnten die Inflation weiter nach oben treiben und die Konjunktur stärker bremsen als erwartet, galt eine weitere Zinserhöhung als sicher.

Die Mehrheit der Beobachter rechnet nun damit, dass Bernanke und Co. am Donnerstag den Zins um weitere 0,25 Prozentpunkte auf dann 5,25 Prozent erhöhen. Skeptiker befürchten gar einen Zinssprung auf 5,5 Prozent. An den Terminmärkten wird inzwischen sogar auf eine weitere Erhöhung im August gewettet, denn die Preise stiegen in den USA jüngst stärker als erwartet. Immer mehr Investoren und Volkswirte sehen das Ende der Zinsspirale erst bei 6,0 Prozent erreicht.

In Gedanken sind die Marktteilnehmer den Geldpolitikern also schon weit voraus, und das macht Bernankes Aufgabe so kompliziert. Denn eine exakte Langfristprognose der künftigen Zinspolitik ist wegen unzähliger Unwägbarkeiten nicht möglich. Schließlich weiß niemand genau, wie sich die Konjunktur in den USA in den kommenden Monaten entwickelt oder ob die Preise wirklich so stark steigen wie derzeit befürchtet, weil dies auch von äußeren Faktoren abhängt, die kaum kalkulierbar sind, beispielsweise von außenpolitischen Unsicherheiten.

Die Konsequenz: Investoren und Volkswirte legen jedes Wort des Fed-Chefs auf die Goldwaage. Weil Bernanke aber die Wirkung seiner Worte noch nicht so gut einschätzen kann wie sein Vorgänger Alan Greenspan , hat er seine Zuhörer schon einige Male in Alarmstimmung versetzt. Im April noch schienen seine Äußerungen auf ein Ende der Zinserhöhungen hinzudeuten. Schon im Mai aber warnte er vor neuer Inflation. Zwischendurch gestand er einer Fernsehjournalistin am Rande einer Party, die Marktteilnehmer hätten seine Worte falsch interpretiert. Kein Wunder, dass die Aktienkurse angesichts solcher Widersprüchlichkeit seit einigen Wochen weltweit so stark schwanken wie seit Jahren nicht mehr. Dass sie ohnehin reif waren für eine Korrektur, verstärkt die Nervosität der Anleger nur noch.

Bei öffentlichen Auftritten der Notenbankchefs geschieht es nicht selten, dass ihre Zuhörer ganz besonders auf bestimmte Schlüsselwörter achten und akribisch mitzählen, wie häufig diese Wörter gebraucht werden. „Wachsamkeit“ ist ein solches Wort, und am gleichen Donnerstag, an dem in den USA die Rede Ben Bernankes vielleicht auf die gewichtigen Wörtchen „Risiko“ oder „Inflation“ hin untersucht wird, werden in München Journalisten und Volkswirte sehr genau aufpassen, wie oft Jean-Claude Trichet „Wachsamkeit“ sagt, denn der EZB-Präsident hat dort einen öffentlichen Auftritt auf einer Pressekonferenz des ifo-Instituts.